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Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Miguel E. Riveros Silva

„Heute ist Deutschland viel weltoffener“

In den 90ern flüchten Miguel E. Riveros Silva und seine Mutter nach Deutschland. Heute ist er ein bekannter Zeichner. Doch der Weg zum Erfolg war nicht einfach. Im Gespräch mit dem MiGAZIN erzählt er über seinen Werdegang, seine Arbeit und seine Inspirationen.

VONDilan Yılmaz

Die Verfasserin (geb. 1986 in Velbert) studierte Germanistik/Anglistik. Ihre Masterarbeit verfasste Yilmaz zur „Integrativen Funktion von Funkhaus Europa am Sendebeispiel von Cafe Alaturca“. 2012 gewann sie den „Örsan Ögmen Reportage-Wettbewerb“ mit einem Audiobeitrag, der die Chancen und Probleme der Bilingualität bei türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland aufzeigt.

DATUM5. März 2014

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Mit fünf Jahren beginnt für Miguel E. Riveros Silva ein neues Leben in Deutschland. Mit seiner Mutter verlässt er im Juli 1981 seine Geburtsstadt Santiago de Chile. Wenige Tage zuvor haben Pinochets Schergen seinen Vater Hugo Riveros Gomez verschleppt und ermordet. Die Ehefrau und der Sohn sind nun ebenfalls bedroht. Mit Hilfe von Amnesty International gelingt es Ihnen, nach Europa zu fliehen und sich in Deutschland niederzulassen.

In Bildern verarbeitet der junge Miguel die Schrecken von Flucht und dem Verlust seines Vaters. Mit 15 Jahren stellt Riveros erstmals seine Kunst in der Kölner Stadtbibliothek aus. Heute ist der ausgebildete Animationsdesigner in vielen Bereichen aktiv. Grafikdesigner, Illustrator, Autor, und Blogger sind nur einige der ihm zugeschriebenen Berufe. Das Mitglied der Künstlergruppe „Zeichner vom Rhein“ gibt außerdem mehrere Comiczeitschriften heraus. Die künstlerische Tätigkeit ist für Riveros eng verbunden mit seinem sozialen Engagement. Als Initiator von „9. Art“ versucht er jugendlichen die Kunst näher zu bringen. Im Gespräch mit MiGAZIN erzählt der Kölner unter anderem von Batman und dessen Bedeutung für seinen Neubeginn in Deutschland.

MiGAZIN: Du bist im Alter von 5 Jahren aus lebensbedrohlichen Gründen mit deiner Mutter nach Deutschland emigriert. Hier unterscheidet sich deine Biographie zu einem gewissen Teil von denjenigen Migranten, die hauptsächlich aus finanziellen Gründen kommen mit dem Ziel, sich selbst zu verwirklichen. Kannst du dich an diese Zeit erinnern? Und wie betrachtest du diese Emigration aus heutiger Sicht?

Miguel E. Riveros Silva: Ich war damals ziemlich jung, aber ich kann mich noch an vieles erinnern. Es war schon ein Schock und Trauma für mich in diesem Alter. Von einem Moment auf den anderen mussten wir Chile verlassen. Alles zurücklassen, Familie, Freunde, Wohnung, meine Spielsachen… Damals war die Welt nicht vernetzt oder multikulturell. Wir flohen ins Deutschland der 80er Jahre. Das war schon ein extremer Unterschied zu Chile. Die Kultur, die Menschen, die Sprache, das Wetter, alles war so anders. Meine Mutter war eine junge Frau, kannte niemanden, sprach die Sprache nicht, besaß nichts und hatte die Angst, dass man mich entführen oder töten könnte. Wir waren noch nie geflogen, hatten noch nie „echte“ Kälte erlebt und landeten direkt im Norden Deutschlands. Mein Vater war vor kurzem ermordet worden und wir verließen in größter Gefahr unsere Heimat. Die Emotionen, die ich damals fühlte waren für ein Kind zu viel. In den nächsten Monaten sprach ich kein Wort und meine Mutter machte sich große Sorgen. Ich drückte mich in dieser Zeit nur durch Bilder aus. Wenn ich etwas Bestimmtes wollte, dann zeichnete ich es auf.

Damals war Deutschland sehr anders. Es gab kein Internet, es gab keine Handys und nur eine Handvoll TV-Programme. Fremdenhass und die Angst vor Fremden waren in Deutschland viel ausgeprägter als heute. Das Fremdsein spürte man überall. Entweder wurde man mit extremem Mitleid oder mit extremer Feindseligkeit empfangen. Wir waren damals auch Exoten, es gab kaum Südamerikaner in Deutschland, selbst in den Großstädten. Ich fühlte mich noch nie so fremd und einsam, auch hatte ich furchtbare Angst, meine Mutter zu verlieren. Wir hatten damals auch kaum eine Möglichkeit mit Chile oder Verwandten in Kontakt zu bleiben. Telefonieren war unglaublich teuer und wir durften mit niemandem in Chile telefonieren, da sich jeder, der mit uns in Kontakt trat, in Lebensgefahr brachte. Internet gab es nicht.

Heute ist Deutschland viel weltoffener und die Großstädte sind multikulturell geworden. Menschen aus allen Ländern sind zu sehen und die verschiedensten Kulturen haben sich vermischt. Seit den 90er Jahren hat sich viel geändert.

Du hast ein Comic zum Thema „Heimat“ veröffentlicht. Der Protagonist der Geschichte, die du ins Leben gerufen hast, sagt an einer Stelle: „Seit meiner Geburt war ich heimatlos. Verloren in dieser Welt, die ich niemals verstanden habe und jemals verstehen werde.“ Wie viel von deinen persönlichen Empfindungen und Erfahrungen kommen hier zum Ausdruck?

Miguel: Seit meiner Kindheit war ich anders und wurde anders behandelt. In positiven und negativen Sinne. Von meinen Großeltern als erster Enkel sehr geliebt, von einer ganzen Regierung gehasst und verfolgt, als Sohn eines Freiheitskämpfers bewundert, als Flüchtling in Europa mit Mitleid empfangen, als Ausländer misstrauisch angesehen… als Kind und junger Heranwachsender fühlt man sich so automatisch verloren. Ich fühle mich bis heute heimatlos und oft kann ich den Wahnsinn, der noch in dieser Welt herrscht kaum verstehen. In meinen Werken stecken immer persönliche Erfahrungen, Ansätze und Gefühle.

Kann man bei Comiczeichnern davon ausgehen, dass ihre Werke als Sprachrohr fungieren und ist dies bei dir der Fall?

Miguel: Das ist nicht bei jedem Comiczeichner so. Viele Comiczeichner sind nur Handwerker und wollen nur Handwerker sein, doch es gibt eine Menge Comiczeichner, die etwas auf dem Herzen haben und das Medium Comic nutzen, um mit anderen ihre Gedanken, Gefühle und Träume zu teilen. Es müssen nicht mal die gerade in Mode gekommenen Graphic Novels sein. In einem Comic wie Superman steckt mehr drin als man denkt. Die Figur des Supermans ist wohl der berühmteste Emigrant und Flüchtling, der in einer fremden Welt Zuflucht findet und lernen muss sich „anzupassen“. Trotz seiner Superkräfte fühlt er sich einsam und unverstanden. Er darf niemals sein wahres Ich ausleben und verraten. Von den Menschen wird er geliebt und gleichzeitig gefürchtet. Egal, was er tut und wie viele Menschen er rettet, er bleibt ein Fremder und wird auch so behandelt. Superheldencomics wie Superman, X-Men etc. sind bei vielen Emigranten sehr beliebt, denn diese Helden besitzen ähnliche Schicksale und müssen mit identischen Problemen klarkommen. Ausgrenzung, Rassismus, Identitätskrisen, Armut, Angst, Abschiebung, Glaube… In der Welt der Comics gibt es viel zu entdecken. Mehr als sich manche vorstellen können.

Du engagierst dich in zahlreichen Projekten und tust einiges dafür, um den Beruf des Comiczeichners Jugendlichen zugänglich zu machen. Welches persönliche Anliegen steckt dahinter? Ist es die Liebe für deinen Beruf oder geht es dir primär darum, Jugendliche zu fördern?

Miguel: Ich liebe Comics. In meiner Kindheit gaben mir Comics Halt und besonders Superheldencomics wurden zu einer Art Vaterersatz. Deswegen sind sie mir sehr wichtig. Ich weiß, welche Wirkung sie auf Kinder oder Jugendliche haben können. Doch leider haben viele Menschen falsche Vorstellungen über Comics. Das versuche ich zu ändern. Ich versuche Jugendlichen nicht, eine Job-Alternative anzubieten, sondern auch eine neue Art sich auszudrücken. Die Bildersprache ist eine der mächtigsten Sprachen überhaupt und Zeichnen kann Therapie sein. Mein Vater hat damals Kindern und Jugendlichen in den Armenvierteln mit seiner Kunst geholfen. So haben sie das Grauen der Diktatur und der Armut in der Kunst verarbeitet und ihnen durch die Kunst Hoffnung und Kraft geschenkt. Das war auch ein Grund, warum mein Vater damals zu einer Gefahr für die Regierung wurde. Daran kann man sehen wie Kunst das Leben verändert Irgendwie führe ich seinen Weg fort, doch es war nie geplant. Es hat sich einfach ergeben.

Seit wann interessierst du dich für das Zeichnen? Kam das später oder kann man tatsächlich sagen, dass dir diese Neigung in die Wiege gelegt wurde?

Miguel: Das Zeichnen wurde mir wohl in die Wiege gelegt. Mein Vater war ein Künstler, der oft zuhause malte und er malte mit mir auf dem Arm. Er schenkte mir damals auch ein Superman Poster. Das hing über meinem Kinderbett und da traten Comics zum ersten Mal in mein Leben. Zeichnen wurde meine Leidenschaft. Schon früh, zu den Zeiten, als ich meinen Vater im Gefängnis besuchen durfte, musste ich oft lange warten. In dieser Zeit gab mir meine Mutter Stifte und Papier und seit dieser Zeit legte ich meinen Stift nie wieder beiseite.

Die Liebe zu den Comics entdeckte ich in Deutschland. Ich bekam Comics geschenkt. Am Anfang sah ich mir nur die Bilder an, weil ich noch nicht richtig lesen konnte, doch als ich lesen lernte, auch durch Hilfe der Comics, da explodierte es in mir. Ich lernte das Medium lieben, besonders die Geschichten. Da war dieser Junge, so alt wie ich, der einen wunderbaren Vater hatte und plötzlich ermordet wurde. Er wuchs vaterlos auf und musste mit ähnlichen Gefühlen wie ich umgehen. Dieses Kind wurde später zu Batman. Solche Geschichten wollte ich auch zu Papier bringen und jetzt bin ich dabei…

Einige deiner Titel tragen düstere Namen, „Unheimlich“, oder „Dunkles Kind“ sind Beispiele dafür. Hast du einen gewissen Hang zum Schauder?

Miguel: Das ist nur ein Teil meiner Arbeit und ich würde es nicht als Hang zu Schauder nennen, es ist eher ein Hang zu extremen Gefühlen wie Angst und Liebe. Ja, Liebe und Freundschaft sind das Hauptthema in meinen Comics.. Ich verpacke es gerne in Krimis oder Action- und Horrorgeschichten. Aber ich mache auch ganz andere Werke. Kinderbücher, Illustrationen für Magazine wie Unicum und Comics für bekannte Unternehmen wie Wacom, Karstadt oder Sony.

Man kann dich auch im TV sehen: Auf Animax in der TV Sendung Kawaii. Hier kann man dir im wahrsten Sinne des Wortes auf die Finger schauen. Bei Animax handelt es sich um einen Anime- und Lifestyle Sender, der sich mit der japanische Kultur beschäftigt. Wie ist dein Bezug zur japanischen Kultur?

Miguel: Als Kind prägten mich Zeichentrickserien wie TAO TAO oder HEIDI. Das war mein erster Kontakt zur japanischen Comickunst, die man Anime oder Manga nennt. Manga ist das japanische Wort für Comic und in Japan spielen Comics eine große Rolle. Das verbindet.

Deine Arbeit ist sehr vielfältig und erstreckt sich über ein breites berufliches Spektrum. Wie würdest du deine beruflichen Tätigkeiten in ein zwei Sätzen zusammenfassen?

Miguel: Ich bin ein kreativer Geschichtenerzähler, der gut zeichnen kann und schon über 20 Jahren in fast jeden Medienbereich gearbeitet hat. Ich bin Comiczeichner.

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