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Königin Máxima: Nein, DEN Niederländer gibt es in der Tat nicht!

Am 24. September 2007 schockierte Máxima einen Teil der niederländischen Bevölkerung mit einem Satz, der inzwischen als legendär einzustufen ist: „DIE niederländische Identität habe ich nicht gefunden.“ Die gebürtige Argentinierin, die seit der Amtseinführung ihres Mannes König Willem-Alexander am 30. April 2013 den Titel Königin trägt, traf damit – nüchtern betrachtet – den Nagel auf den Kopf.

VONAndré Krause

 Königin Máxima: Nein, DEN Niederländer gibt es in der Tat nicht!
Der Verfasser (geb. 1981 in Dortmund) ist Historiker. Er promoviert am Zentrum für Niederlande-Studien in Münster und arbeitet als Biograf und Autor (Facebook). Im September 2010 hat er die ersten, längeren deutschsprachigen Arbeiten über Geert Wilders veröffentlicht.

DATUM7. Mai 2013

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Máxima Zorreguieta, Jahrgang 1971, sprach die oben genannten Worte im Rahmen einer 9-minütigen Rede vor dem Wetenschappelijke Raad voor het Regeringsbeleid (WRR). Dabei handelt es sich um eine wichtige unabhängige Denkfabrik, welche die niederländische Regierung bei gesellschaftlichen Fragen auf einer wissenschaftlichen Basis berät. Die damalige Kronprinzessin flankierte mit ihren Ausführungen die Präsentation eines WRR-Gutachtens, das sich mit der „nationalen Identität“ befasste. Ein Thema, das nicht zuletzt im Zuge des Aufstieges rechtspopulistischer Akteure nach der Jahrtausendwende ganz oben auf der politischen Agenda unseres Nachbarlandes auftauchte und bis zum heutigen Tage im öffentlichen Diskurs eine wichtige Rolle spielt.

Máxima, oft als „prominenteste Allochthone in den Niederlanden“ bezeichnet, berichtet im Jahre 2007 vor laufenden Kameras von ihrer eigenen Suche nach der niederländischen Identität in den zurückliegenden sieben Jahren. Dabei richtet sie den Fokus in erster Linie auf den Facettenreichtum des Landes.

Die Niederlande sind laut Máxima zu vielfältig, um sie mit EINEM Etikett zu versehen. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf ein Gespräch mit Prinz Claus, dem im Jahre 2002 verstorbenen Gatten der damals noch amtierenden Königin Beatrix. Der gebürtige Deutsche habe ihr anvertraut, dass er nicht wisse, was es bedeutet, (ausschließlich) Niederländer zu sein, da er über unterschiedliche Identitäten verfüge: Er definiere sich nämlich als Weltbürger, Europäer UND Niederländer. Máxima distanziert sich im weiteren Verlauf ihres Vortrages von einem simplifizierenden Schubladendenken bei diesem Thema. Die Identität eines Menschen setze sich stets aus zahlreichen, bunten Bausteinen zusammen.

Im offiziellen Text des WRR-Gutachtens findet sich des Weiteren der Ratschlag, künftig nicht mehr von „der“ niederländischen Mentalität zu sprechen. Stattdessen solle man schauen, auf welche vielfältigen Arten sich die Menschen im 21. Jahrhundert mit den Niederlanden verbunden fühlen. Auch eine doppelte Staatsbürgerschaft sage nichts über die Loyalität eines Menschen aus.

Einige Jahre später, im Mai 2011, erklärt Máxima in einem TV-Interview, dass sie eigentlich beabsichtigt habe, den Niederländern mit der Rede vom 24. September 2007 ein Kompliment zu machen. Dabei verweist sie unter anderem auf die großen regionalen Unterschiede sowie den ausgeprägten Lokalstolz in historisch gewachsenen Provinzen wie Limburg und Friesland.

Wenn man sich rückblickend betrachtet den Sturm der Entrüstung zu Gemüte führt, den die Königin und der WRR mit ihren Schlussfolgerungen vor knapp sechs Jahren ausgelöst haben, neigt man womöglich dazu, verständnislos mit dem Kopf zu schütteln.

Im Grunde genommen konfrontierte Máxima die Niederländer mit Binsenweisheiten. Zur Erinnerung: Die Niederlande sind historisch betrachtet ein „Land der Minderheiten“. Eine stark ausgeprägte „Versäulung“ bzw. gesellschaftliche Fragmentierung prägten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das Königreich an der Nordsee. Dabei waren vier gesellschaftliche Gruppen von besonderer Bedeutung: Katholiken, Protestanten, Sozialisten und Liberale. In manchen Darstellungen wird auch auf die Existenz einer jüdischen und kommunistischen Säule hingewiesen. In der Praxis bedeutete dies zum Beispiel: Ein Katholik besuchte eine katholische Schule, spielte in einem katholischen Fußballverein, las eine katholische Zeitung, engagierte sich in einer katholischen Gewerkschaft und heiratete natürlich eine Katholikin. Die Kontakte zu Mitgliedern der anderen Säulen waren im Alltag in der Regel – wenn überhaupt – marginal. Insofern gab es in gewisser Weise den katholischen Niederländer. Auf jeden Fall: Eine Parallelgesellschaft avant la lettre.

Dieser knappe historische Exkurs zeigt, dass Máxima die niederländische Geschichte verinnerlicht hat. DEN Niederländer gab es nie. Und DEN Niederländer gibt es auch nicht.

Auch wenn Nationalpopulisten seit dem Jahre 2001 gerne das Gegenteil behaupten, um DEN Niederländer von DEN Allochthonen abzugrenzen. Es kann nicht oft genug betont werden: Es ist vollkommen „unhistorisch“ bzw. „unniederländisch“, EINE dominante Identität zu formulieren.

Nicht zuletzt das klare Bekenntnis der meisten Staatsrechtler und Politiker zum Verhältniswahlrecht spiegelt dies wider. Nur so ist es möglich, dass auch orthodoxe Calvinisten, vereinigt in der SGP, seit 1922 zwei bis drei Sitze im nationalen Parlament bekleiden. Und diese erzkonservativen Bewohner des niederländischen Bibelgürtels haben gewiss nur wenige Schnittmengen mit einem progessiven D66-Wähler aus Amsterdam.

Wer sich häufiger niederländische TV-Sendungen anschaut, ist dazu in der Lage, die Vielfalt des Landes an einem simplen Beispiel abzulesen: Wenn Limburger oder Friesen so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sind Untertitel nötig, damit Holländer wissen, wovon die Rede ist. Sie verstehen kein Wort.

Kurzum: Bei Identitätsfragen ist es wünschenswert, drei Tugenden zu beherzigen, die Máxima im Jahre 2007 als besonders charakteristisch für viele Menschen in den Niederlanden hervorhob: Nüchternheit, Beherrschung und Pragmatismus.

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  1. […] neue MiGAZIN-Kolumne mit dem o.g. Titel ist online. Diesmal mit royalem und wie stets anti-identitärem Einschlag. Viel Spaß beim […]



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