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Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Rezension zum Wochenende

Arme Roma, böse Zigeuner: Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt

Warum kommen die Roma in Osteuropa aus ihrem Elend nicht heraus? Sind sie arm, weil sie diskriminiert werden, oder werden sie diskriminiert, weil sie arm sind? Sind sie arbeitsscheu, kriminell und womöglich dümmer als andere? Der langjährige Balkan-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek unternimmt einen Faktencheck und kommt zu überraschenden Befunden.

Das neue Buch des Südosteuropa-Korrespondenten Norbert Mappes-Niediek vermittelt laufend Aha-Erlebnisse, wie zum Beispiel sein Kommentar zum „Roma-Problem“ hierzulande: „Wenn etwas besser werden soll, müssen die Probleme zunächst bei ihrem richtigen Namen genannt werden. Sie heißen Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsmisere oder unterfinanziertes Gesundheitswesen. Sie zu lösen ist teurer und weniger bequem als die Gründung und Finanzierung eines weiteren Roma-Beirats.“ Denn die Armut vieler Roma, so der Autor, lässt sich nicht, wie oft gemutmaßt wird, mit ihrer Kultur erklären. Schließlich leben Zehntausende Gastarbeiter-Roma aus Jugoslawien seit den 60er Jahren völlig unauffällig – und unerkannt – inmitten der Mehrheitsgesellschaft.

Auffällig sind vor allem Roma-Neuzuwanderer aus den Balkan-Staaten. Ihre durch die prekären Lebensverhältnisse in den Elendsgebieten Südosteuropas geprägten Gewohnheiten führen häufig zu Stress mit hiesigen Nachbarn. Aktuell zum Beispiel in Duisburg-Bergheim, wo mittels Unterschriftensammlung ihre „Umsiedlung“ verlangt wird. Wo allerdings – wie in Berlin-Neukölln durch die Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft – angemessener Wohnraum geschaffen wird, sprachkundige Kulturmittler eingesetzt werden und viel auf Augenhöhe kommuniziert wird, gelingt ein friedfertiges Zusammenleben. Einige gängige Klischees über „die“ Roma konfrontiert Norbert Mappes-Niediek mit entgegenstehenden Fakten. Den Schein-Bettler, dessen Mercedes ums Eck parkt, gibt es wohl kaum. Eine Untersuchung der französischen Caritas ergab eine Tageseinnahme nach 12stündiger Bettelarbeit von günstigenfalls 30 Euro. Sind Roma gewalttätiger als andere Gruppen? Mappes-Niediek verweist auf ein für Roma-Fehden berüchtigtes Viertel in Craiova in Rumänien: In fünf Jahren gab es dort vier Morde, ein Hunderstel der Fälle in vergleichbaren Slum-Vierteln etwa in Rio de Janeiro oder Johannesburg. Noch seltener sind Morde von Roma an Nicht-Roma.

Sind dennoch Roma krimineller als letztere? Keineswegs, weiß der Autor, aber: „In den westeuropäischen Gesellschaften werden Roma überhaupt nur als solche wahrgenommen, wenn sie stehlen oder betrügen.“

Schmutzig? Faul? Sexuell freizügig? Was an solchen Annahmen über Roma in welcher Weise und mit welcher Begründung zutrifft, ist ausgesprochen spannend und teils überraschend zu lesen. Überraschend auch, wie Mappes-Niediek den Begriff der Integration hinterfragt: „Ohne dass wir uns das klarmachen, stellen wir uns unsere Gesellschaft als eine Gesellschaft der Gleichen oder wenigstens der Chancengleichen vor, wenn wir von Integration sprechen. In Wirklichkeit bestehen unsere westlichen Gesellschaften noch immer aus Armen und Reichen, Mächtigen und Machtlosen. , Integriert’, und zwar nicht nur wirtschaftlich, ist streng genommen auch jeder Sklave.“

Die von der Europäischen Union ausgerufene Roma-Dekade 2005 bis 2015, die eine eigenartige „Gypsy-Industrie“ hervorgebracht hat, analysiert Norbert Mappes-Niediek als Problemverschiebung: Wirksamer wären generelle Sozialprogramme. Bettelei wäre dann statt Gegenstand der Kulturforschung Thema einer Sozialdebatte. Und: „Wenn es die Kategorie Roma nicht gäbe, würde nicht mehr darüber debattiert, warum so viele Roma-Kinder in Sonderschulen gehen. Stattdessen würde man sich vielleicht fragen, warum es so etwas wie Sonderschulen überhaupt noch gibt.“

Ohne die Sonderrolle der Roma, so die Diagnose Mappes-Niedieks, fiele es der Mehrheit weniger leicht, sich von den Verachteten zu distanzieren und sich mit deren Fremdheit über die Gefahr der eigenen Verelendung hinwegzutrösten.

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2 Kommentare
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  1. alina sagt:

    Dieser Kommentar ist wieder positiv verteidigend einseitig und genau die Ursache warum wir das Problem nicht lösen können.
    Roma werden immer Weszten stets klischeehaft als leidende Opfer dargestellt.
    Das bedeutet, aber das man die Beschwerden der Nicht-Roma im Ost nicht ernst nehmen will, das man auf sie herabschaut- typische westliches Besserwissertum.
    Man sollte sich die Problematik ehrlicher anschauen und vor allem: ROMA selber befragen! Spricht man mit ihnen, kommt ein anderes Bild. Und ich meine nicht nur mit den wenigen Intelektuellen unter den Roma reden, sondern der Mehrheit

  2. Josef Özcan sagt:

    Mit den Menschen zu sprechen, anstatt ständig nur über sie ist von großer Bedeutung.

    Ständig ÜBER Menschen zu sprechen nimmt die Position der ÜBERlegenheit ein.

    Wir haben es hier mit einer fatalen diskursiven Schieflage zu tun.

    Sie ist Ausdruck und zugleich Verfestigerin der misslichen Lage dieser Menschen ÜBER die gesprochen wird. (siehe hierzu auch meine Website)

    Josef Özcan (Diplom Psychologe / Kölner Appell gegen Rassismus e.V.)



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