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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Evi Rejeki

Ich bin Schauspielerin aus Schleswig-Holstein

Schauspieler, die nicht deutsch sind, füllen nicht selten Klischeerollen, sollen gebrochenes Deutsch sprechen, obwohl sie es akzentfrei können. Auch Evi Rejeki hat schon viele solcher Rollen angeboten bekommen. Sie hat gelernt, „nein“ zu sagen – ein Plädoyer von ihr.

Auch ich werde für Klischeerollen angefragt. In einer Folge bei Aktenzeichen XY, bei der ich mitwirkte, waren alle Schauspieler asiatischen Aussehens deutschsprachig und wir mussten so tun, als ob wir kein deutsch konnten. Ein Hohn, nicht nur für die Zuschauer. Dabei ist falsches deutsch zu sprechen, wie eine Fremdsprache für mich -gerade was die Melodie, die Wortwahl, die Intonation betrifft.

Wichtige Caster, die teilweise Preise gewonnen haben, rufen an und möchten mich zu einem Casting einladen und ich würde die Rolle einer Putze, etc. spielen, bitte in der Ficki-Ficki Sprache. Bravo! Meine damalige Agentur wäre stinksauer gewesen, wenn ich Einladungen/Rollen abgelehnt hätte. So etwas tut man nicht, erst recht nicht bei wichtigen Leuten. Lange hat es mich geärgert. Aber jetzt reicht es.

Ich habe die Wahl – und das betrifft Schauspieler aller Herkunft. Und zum ersten Mal habe ich bei einer renommierten Casterin auf gut deutsch dankend abgelehnt. Was ist mir dadurch entgangen? Wichtige Kontakte? Meine Karriere? Gage? Alles, aber auch ein zweiter Anruf? Noch einmal wird sie mir so eine Rolle nicht anbieten. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar sehr hoch, dass sie mich nie wieder anrufen wird. Vielleicht spricht sich meine Absage sogar rum. Und? Dies gilt auch wieder für alle: seid aktiv und jammert nicht rum!

„Filmstudenten, die gerade aus dem Ausland in einer der besten Filmschulen Deutschlands gelandet sind, bieten mir in ihrem schlechten deutsch Klischeerollen an. Und ich sage mir, spiel´s doch selber, du kannst viel besser schlechtes deutsch sprechen als ich.“

Ich bin in die Produktion gegangen und entwickele Drehbücher. Ganz legitim, dass ich mir selber Rollen reinschreibe. Vielleicht sogar die einer Anästhesistin, die an der Charité praktiziert. So wie in der Realität. Da ist es meine älteste Schwester. Oder die Rolle einer Studentin, die Wirtschaftsinformatik studiert, nebenbei in einer Firma arbeitet und dort neue Software kontrolliert. Meine zweite Schwester.

Caster, Regisseure, Redakteure und andere Filmemacher wagen nur etwas, wenn sie damit keine Schäden beim Publikum anrichten. Das gilt sowohl für Schauspieler mit und ohne (?) Migrationsgeschichte/background/Herkunft (was für Unsinnswörter, nur um politisch korrekt zu bleiben). Gegen bestehenden, bequemen, arroganten, verängstigten, veralteten, von Vorurteilen geprägten Denkweisen und Systemen anzukämpfen, ist nerven aufreibend. Ich tue es jetzt auf meine Weise.

Aber es stimmt schon, dass ich mich frage, wann ein/e Schauspieler/in mit anderer Hautfarbe oder mit Handycap eine Hauptrolle im Kinofilm oder einen wichtigen Preis erhält. Das wird noch lange dauern. Es gibt einen unsichtbaren Ring, wo nur die 20 üblich verdächtigen Schauspieler drin sind, da möchte man gerne auch unter sich bleiben. Man schiebt sich gegenseitig die Rollen, Preise, etc. zu. Alle anderen bleiben außen vor. Das gilt für alle Schauschi´s mit und ohne bunter Hautfarbe.

Linktipp: Mehr über Evi Rejeki unter evi-rejeki.blogspot.de und auf Facebook.

Aber manchmal ist es ganz nützlich, wenn man so aussieht, als ob man kein deutsch spricht. Dann hat man seine Ruhe. Zum Beispiel bei zwei älteren Damen, die vor meiner Tür standen und mir was von ihrem Wachturm erzählen wollten. Ich gab den Reisfresser, sie lächelten ganz lieb (wahrscheinlich tat ich ihnen leid, “is nich sie dürfe leinlasse, klige älgel von meihne heheman”), bedankten sich und kehrten ganz schnell um.

Liebe Caster, Regisseure, Redakteure, Sender und weitere Filmemacher, ich habe schon Schiss, diesen Beitrag zu schreiben. Aber das war deutschlich genug, ja? Ich bin keine Bedarfsasiatin, sondern Schauspielerin aus Schleswig-Holstein und werde ab sofort neue deutsche Filme drehen.

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12 Kommentare
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  1. jing sagt:

    Vielleicht liegt es daran, das man in Klischee Rollen gedrängt wird, weil man keine Ausbildung als Schauspielerin hat.

    Es ist wie in einem Restaurant. Ich erwarte einen guten Koch in der Küche, der sein Handwerk kann und es auch professionell umsetzt. Dort gehe ich immer wieder gerne zum Essen, weil es schmeckt.
    Aber einen Handwerker als Koch in der Küche geht meistens in die Hose.

    So ist es auch in der Schauspielerei. Eine gelernte Krankenschwester ist keine Schauspielerin. Auch nicht mit drei oder vier privaten Schauspielstunden.
    Wenn man schon solche Artikel schreibt und Mitmenschen an den Pranger stellt, so sollte man auch die Hintergründe nennen.
    Die Agenturchefin aus München wusste schon, warum Sie nicht Schauspieler in Komparsen Rollen vermittelt.

  2. MK sagt:

    @ Jing

    „Vielleicht liegt es daran, das man in Klischee Rollen gedrängt wird, weil man keine Ausbildung als Schauspielerin hat.“

    Es gibt unzählige sehr gut ausgebildete Schauspieler die vom selben Phänomen betroffen sind. Ich selbst bin einer, und kenne viele, die ebenfalls das Klischee spielen müssen.


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