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Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Angela Merkel

„Dafür bitte ich Sie um Verzeihung“

Ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus: 1200 Gäste würdigten in Berlin bei der Gedenkfeier die Opfer der rechtsextremistischen Mordserie. Angela Merkel bat um Verzeihung. Maria Böhmer: „Wir wollen das Vertrauen der Familien der Mordopfer zurückgewinnen.“

DATUM24. Februar 2012

KOMMENTARE9

RESSORTLeitartikel, Politik

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Als Semiya Şimşek gestern (23.02.2012) spricht, ist es vollkommen still im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. „In unserem Land, in meinem Land muss sich jeder frei entfalten können“, sagt die Tochter des im Jahr 2000 in Nürnberg von der Zwickauer Terrorzelle ermordeten Mannes. Sie fragt: „In diesem Land geboren, aufgewachsen und fest verwurzelt, habe ich mir über Integration nie Gedanken gemacht. Heute stehe ich hier, trauere nicht nur um meinen Vater, sondern quäle mich auch mit der Frage: Bin ich in Deutschland Zuhause?“

Dank an Wulff
Vor den rund 1200 Gästen sprach auch Ismail Yozgat, dessen Sohn Halit 2006 in Kassel getötet worden war. Er dankte dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff für seine Gastfreundschaft. Er sei beeindruckt, wie sich Wulff gekümmert und den Opferfamilien Beistand geleistet habe. Nun wolle er, dass die Taten lückenlos und mit allen Beteiligten aufgeklärt werden. Er habe vollstes Vertrauen. „Ich hoffe, dass das auch so bleibt“, so Yozgat.

Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen. Sie bat die Opferfamilien um Verzeihung: „Denn die Hintergründe der Taten lagen im Dunkeln – viel zu lange“. Das sei die bittere Wahrheit. „Wie konnte das geschehen? Warum sind wir nicht früher aufmerksam geworden? Warum konnten wir das nicht verhindern?“ Das seien die alles überragenden Fragen. Es sei besonders beklemmend, dass Opferangehörige selbst zu Unrecht unter Verdacht gerieten. „Niemand kann die Trauer und die Verlassenheit auslöschen“, so Merkel. „Wir alle können Ihnen heute zeigen: Sie stehen nicht länger allein mit Ihrer Trauer. Wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen“, wandte sich die Bundeskanzlerin an die Opferangehörigen.

Morde werden aufgeklärt
Die Bundeskanzlerin versprach, es werde alles getan, die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Daran arbeiteten alle zuständigen Behörden in Bund und Ländern mit Hochdruck.

Alles in den Möglichkeiten unseres Rechtsstaates Stehende müsse getan werden, damit sich so etwas nie wiederholen könne. Es werde nicht hingenommen, dass Menschen Hass, Verachtung und Gewalt ausgesetzt würden. Gegen jene werde entschieden vorgegangen, die Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion verfolgten. Überall dort, wo an den Grundfesten der Menschlichkeit gerüttelt werde, sei Toleranz unangebracht.

Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die das Grundgesetz festschreibe, sei das Fundament des Zusammenlebens in unserem Land, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der Bundesrepublik Deutschland. Ausgrenzung, Bedrohung und Verfolgung von Menschen verletzten die Werte des Grundgesetzes.

Starke Zivilgesellschaft ist gefragt
Merkel wies darauf hin, dass gerade dort, wo Arbeitslosigkeit hoch und Abwanderung stark seien, vertraute Strukturen der Jugendarbeit verloren gingen und das Freizeitangebot schwinde. Die Feinde unserer Demokratie wüssten das zu nutzen. Es sei schlimm, wenn Neonazis junge Menschen mit Kameradschaften einfangen könnten oder eine verfassungsfeindliche und rechtsextremistische Partei junge Familien mit Spielen und Festen ködern könne.

Der Staat sei hier mit seiner ganzen Kraft gefordert. Doch staatliche Mittel allein reichten nicht aus. Die Sicherheitsbehörden benötigten Partner: Bürgerinnen und Bürger, die nicht weg-, sondern hinsähen – eine starke Zivilgesellschaft, wo jeder sich für das Ganze mitverantwortlich fühle. Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung müsse täglich und überall geführt werden.

Vertrauen zurückgewinnen
Demokratie zu leben mute uns zu, Verantwortung zu übernehmen für ein Zusammenleben in Freiheit – und damit ein Leben in Vielfalt, bekräftigte die Kanzlerin. Seinen Wohlstand verdanke Deutschland zu einem guten Teil seiner Weltoffenheit und seiner Neugier auf andere. „Wir leben hierzulande von Verschiedenheit, von unterschiedlichsten Lebenswegen“, betonte Merkel.

Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, erklärte nach der Gedenkfeier: „Wir wollen das Vertrauen der Familien in unser Land zurückgewinnen.“ Die Gedenkfeier setze keinen Schlusspunkt unter die Aufarbeitung der rechtsextremistischen Mordserie. „Die Verbrechen müssen mit aller Gründlichkeit umfassend aufgeklärt werden. Zugleich gilt es, sich den Angehörigen der Opfer sowie allen Opfern rechter Gewalt künftig verstärkt zuzuwenden. Sie sollen wissen: Sie gehören zu uns, wir kümmern uns um sie. Wir sind ein Land und eine Gesellschaft“, so Böhmer.

Eine Umfrage des Markt- und Meinungsforschungszentrums Data 4U, die im Auftrag der Hacettepe Universität in Ankara hatte gezeigt, dass das Vertrauen der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland in die Sicherheitsbehörden nach Aufdeckung NSU-Mordserie erschüttert ist. Das Vertrauen in die Gesellschaft ist laut Umfrage aber weiterhin groß. (bk)

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9 Kommentare
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  1. YILMAZ sagt:

    Jeder Deutsche sollte sich jetzt bei uns Muslimen entschuldigen !

  2. Achherje sagt:

    Diese Veranstaltung war eine Farce. Politikerstrategie – zu einem höheren Zweck – und gerade deshalb, weil es sonst keinen zu interessieren scheint. Volkes Meinung, Gefühle (spielt das innerhalb des politischen Geschehens überhaupt noch eine Rolle – oder ist nur alles auf Lug und Trug aufgebaut?) Oder … wie groß war denn das Entsezen innerhalb der Bevölkerung? Selbst innerhalb der tükischen Community? Oder hat die Presse da was ausgelassen? Ich habe nichts gelesen … . Außer türkischen Verbänden und sonstigen sich für die Türken als wichtig dargestellten Persönlichkeiten. Die natürlich gleich mal wieder das Wort Fordern in den Vordergrund stellten (was unterscheidet euch denn eigentlich von einem Buschkowsky?). Selbst Sarrazin hätte niemanden interessiert, wenn nicht gerade die Presse die Türken wild gemacht hätte? Wie viele Türken wussten denn etwas von dem Buch und seiner Sprengkraft? Dokus zeigten: Nicht gerade viele.

    Nicht mal Claudia Roth und Konssorten’Innen haben die allseits geschätzten Lichterketten organisiert und Massen motiviert?

    Wieso? Wieso nicht? Das frage ich mich … gerade.

    Die Angst vor der öffentlichen Meinung, liebe Frau Merkeli? Egoistische Politikstrategiespielchen? Nur nix überziehen, weil bald sind wieder Wahlen? Sarrazins Buch und die Zustimmung? Die Angst, dass „die Türken“ nun wieder mehr und mehr fordern könnten, und dies die Deutschen noch mehr abschreckt (richtig zu wählen) – und die Türken weiter in noch tiefere Abgründe der negativen Meinung über sie stürzen könnte?

    Ja, Claudia, was war denn deine Nichtmotivation?

    Ja, das war jetzt nicht sehr intellektuell … das ist aber auch nicht mein Bestreben.

    Wieso fühlt denn das Volk nicht mit, wie es vor einigen Jahren noch abgelaufen wäre? Darf ich diese Frage stellen?

  3. Achherje sagt:

    @Yilmaz …

    genau … 😉

  4. […] zurückkehren. „Dabei musste sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei den Angehörigen der Opfer um Verzeihung bitten, weil der Staat über so viele Jahre so drastisch versagt hat“, so Keltek abschließend. […]

  5. […] in der Bild, bitter aufgestoßen. Nicht einmal 2 Wochen nach der öffentlichen Gedenkveranstaltung für die Opfer der NSU-Mordserie war wieder einmal versucht worden mit dem Thema angeblicher Integrationsverweigerer Stimmung zu […]

  6. […] eine Woche ohne teils haarsträubende Neuigkeiten. Eine bewegende und irgendwie auch versöhnliche Gedenkfeier fand Anfang des Jahres statt. Ein Untersuchungsausschuss wurde gegründet. Vieles wurde gesagt, […]



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