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Niemand lässt sich so gut ausbeuten wie Mitglieder einer Gemeinschaft, die ohne Hilfe der anderen in Deutschland nicht überleben können – illegal und ohne Sprachkenntnisse.

Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Russisch

Eintauchen in Sprache und Kultur

Als bedeutendste slawische Sprache wird Russisch weltweit schon heute von mehr als 300 Millionen Menschen gesprochen. Und mit jedem Tag, an dem sich der politische Osten und Westen annähern, nimmt ihre Bedeutung auch in Deutschland zu.

Noch befinden sich die Schulen, die ihr Angebot um diese, zu den offiziellen Arbeitssprachen der UNO zählende Sprache bereichern, in der Minderzahl. Doch immer mehr haben die Bedeutung erkannt und bieten in ihren Oberstufen einen vierstündigen Grundkurs an. Die Marienschule in Euskirchen, ein Gymnasium mit mehr als 1 000 Schülerinnen und Schülern, ist eine von ihnen.

Es ist Mittwochmorgen, die Uhr der Schule ist soeben auf 7.40 gesprungen, da betritt Inga Hoffmann den Raum, in dem 20 junge Frauen und Männer auf den Beginn ihres Russisch-Unterrichts warten. Sie sind gerne hier – trotz der frühen Stunde. Die Lerneinheit bei der Muttersprachlerin, die seit gut 20 Jahren in Deutschland lebt, eröffnet ihnen auch die Chance, ihrer Bildungsbiografie den Hauch des Besonderen beizufügen.

Dieser Kurs von Inga Hoffmann in der Jahrgangsstufe 12 präsentiert sich als bunte Mischung von Nationalitäten. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind in Deutschland geboren, doch die Eltern von vielen stammen aus anderen Nationen – angefangen von Russland, über Kasachstan, Polen und Syrien bis hin zum Libanon. Sie alle vereint ein Motiv, das Andreas (17) ausspricht: „Eine neue Sprache ist Gold wert.“ Seine ein Jahr ältere Klassenkameradin Nelli ergänzt: „Russisch hat viele Vorteile.“

Der Reiz des Besonderen
Mit dieser Überzeugung spricht sie dem Russlandexperten Georg Schneider aus der Seele. Der promovierte selbstständige Unternehmensberater hat selbst viele Jahre in Russland gelebt. Er weiß um die Reize, aber auch Anforderungen, die das Land für die dort tätigen Deutschen parat hält. Allein in Moskau sind es Schätzungen zufolge zehn bis fünfzehntausend. „Russland ist nie langweilig, aber es ist auch anstrengend. Wer den Reiz des Besonderen sucht und über Pioniergeist verfügt, ist hier richtig aufgehoben“, sagt der Familienvater. Als Referent unterstützt er das Projekt „Russisch macht Schule“. In ihm bemühen sich das Deutsch-Russische Forum, die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch und der Ernst Klett Verlag, noch mehr Jugendliche für die Sprache und die Kultur des Landes zu begeistern. „Young Professionals“ wie Georg Schneider besuchen ausgewählte Schulen, vermitteln ihre Eindrücke über das Land und diskutieren mit den jungen Menschen.

Sie kennen die Motivation der Schülerinnen und Schüler, Russisch als zusätzliche Fremdsprache zu wählen. Für viele ist sie ein, häufig auch letztes Band zur Heimat ihrer Eltern. Sie wollen ihre Muttersprache nicht zugunsten des Deutschen „opfern“. Sie betrachten es als Chance, beide Sprachen zu beherrschen. Das weiß auch Marion Kleinebreil. Sie gilt als „Mutter“ des Russischunterrichts an der Marienschule. „Das Fach Russisch hilft Kindern aus Aussiedlerfamilien ganz besonders bei ihrer Identitätsfindung und Integration in die deutsche Gesellschaft“, sagt sie. Das gemeinschaftliche Lernen von Sprachanfängern und Schülern mit muttersprachlichem Hintergrund führe zu einem Abbau von Vorurteilen – man lerne sich persönlich kennen, es entstünden Freundschaften.

Pädagogin Inga Hoffmann leistet ihren Beitrag dazu. Ihre Begeisterung für ihr Mutterland spiegelt sich im Unterricht wider. Sie strahlt, wenn sie über die Menschen in Russland, ihr Wesen, ihre Kultur und die „schönen Städte“ berichtet. Viel wird im Unterricht noch deutsch gesprochen, doch wenn Inga Hoffmann verrät, wie ihre „Landsleute“ leben, fühlen und feiern, sprudelt es mitunter in russischer Sprache aus ihr heraus. Für die motivierten Schüler ihres Kurses kein Problem – nach fast zwei Jahren Russischunterricht verstehen sie viel, nach drei Schuljahren alles – davon ist Inga Hoffmann überzeugt. Rund 100 Jugendliche der Marienschule nehmen aktuell an diesem Fach teil. Doch auch wenn sie einen muttersprachlichen Hintergrund haben, ein Selbstläufer ist das Erlernen oder Auffrischen der Sprache nicht. Die umfangreiche Grammatik mit sechs Fällen erinnert manch einen leidvoll an Latein.

Caroline (18) erzählt von den Vorurteilen mancher Schulkameraden: „Andere denken, für uns Muttersprachler wäre das voll einfach. Aber wir können Russisch auch nur sprechen und nicht schreiben.“ Die 19-jährige Farina, die wegen dieses Sprachenangebots auf die Marienschule wechselte, gesteht: „Ich hatte gehofft, dass es leichter sein würde. Doch mir fehlte anfangs das Gefühl für die Sprache, Vokabeln und Endungen machen das Lernen schwer.“

Dynamische Entwicklung
Mit Interesse, mitunter mit großen Augen, verfolgen sie, was Georg Schneider über die beruflichen Perspektiven berichtet, die sich jenen bieten, die den Sprung ins „große, unbekannte Land“ wagen. Die Geschäftswelt werde sich dynamisch entwickeln. „Deutsche Fachkräfte sind hoch angesehen. Ihnen wird ein großer Vertrauensvorschuss gewährt“, schildert er seine Eindrücke. Ob die Schülerinnen und Schüler von Inga Hoffmann dem Ruf des Landes folgen werden? Der gebürtige Syrer Nigerwan (19) ist skeptisch. „Als Nicht-Muttersprachler wird es schwer, dort beruflich Fuß zu fassen“, fürchtet er. Auch Sonja (18), deren Familie aus Polen stammt, glaubt nicht so recht daran, „später mit der Sprache etwas anfangen zu können.“ Nelli (18) sieht’s positiv: Besonders Begabte können ein Zertifikat erwerben, das ihnen die Sprachprüfung für ausländische Studenten an russischen Universitäten erspart.

Das weit über den Unterricht hinausgehende Angebot des Euskirchener Gymnasiums macht bei den Schülern Appetit auf mehr: Unter anderem nehmen sie an der Russisch-Olympiade NRW teil. Dort präsentieren sie sich entweder mit einem Kreativbeitrag auf der Bühne oder stellen sich einem schriftlichen und mündlichen Sprachwettbewerb. Einen solchen bietet auch der Bundescup „Spielend Russisch lernen“. Neuland betritt die Marienschule mit dem Austauschprogramm mit der Staatlichen Nekrassow-Universität in Kostroma an der Wolga. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere ja nach dem Abitur daran …

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3 Kommentare
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  1. Alina sagt:

    Meiner Meinung nach ist die Beschäftigung mit der russische Gesellschaft sehr wichtig, wenn man Russisch lernen möchte.

  2. Christl sagt:

    Ich möchte nur daran erinnern, dass es sehr gute Strukturen gab in der ehemaligen DDR, wo der Austausch mit Russland schon in der Schule organisiert war (wenngleich natürlich politisch motiviert). Ich selbst habe Russisch ab der 3. Klasse gelernt, nach der Wende konnte ich es nicht mehr intensiv am Gymnasium lernen, da es nicht vorgesehen war. Ich hab mich nicht abhalten lassen und es schließlich auch studiert. Das Bildungssystem (bzw. die vielen verschiedenen) muss einfach mal von dieser Sprachenhierarchie Abschied nehmen.



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