MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Ausgrenzung mit Unworten

Die „Döner-Morde“ und die „SoKo Bosporus“

Zehn Menschen fielen Neonazi-Serientätern zum Opfer. Neun davon hatten einen sog. „Migrationshintergrund“, acht davon einen türkischen, einer einen griechischen, einer davon besaß eine „Döner-Bude“ – wie die Sprache der systematischen Ausgrenzung mit Unworten agiert.

VONdtjw

Das Deutsch Türkische Bildungswerk e.V. will zur deutsch-türkischen Verständigung durch Bildungsarbeit und Begegnungen beitragen. In diesem Sinne fördert das DTJW den deutsch-türkischen Jugendaustausch.

DATUM18. November 2011

KOMMENTARE4

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Die Bezeichnung eines Mordes steht für die Definition des Motives oder das Tatmuster der oder des Täters. Es gibt den Raubmord, den Sexualmord, den Serienmord, etc. Doch die Logik der systematischen Diskriminierung funktioniert anders. Die Medien zelebrieren die Ausgrenzung, indem sie eine Mordserie zu „Döner-Morden“ erklären. Worthülsen und sinnentleerte Neologismen sollen Ängste und Phantasien über düstere Machenschaften in nicht greifbaren Parallelwelten bedienen. Wenn die Mordopfer „Ausländer“ sind, kann man diese Morde unter „Döner-Morde“ zusammenfassen. Leichtfertig, jenseits von jeglicher Sensibilität und ohne einen Hauch von Taktgefühl. Wofür steht hier der Döner? Für die Motivation? Für die Täter oder für die Opfer?

Zehn Menschen wurden ermordet. Jeder dieser Menschen war ein Individuum mit seiner eigenen ganz persönlichen Lebensgeschichte. Diese aufgrund ihrer oder der Herkunft ihrer Eltern auf ein Imbissgericht zu reduzieren, kommt einer Entwertung ja sogar Entmenschlichung der Getöteten gleich und ist unter keinem Umstand hinnehmbar.

Nicht umsonst wurde die „SoKo Bosporus“ in Nürnberg gegründet, die beiden ersten Morde, wie auch der sechste, fanden ebendort statt. Weshalb erfolgte eine mentale Verlegung an die Meerenge von Istanbul, während alle Tatorte für alle ersichtlich in der Bundesrepublik liegen? Wäre eine „SoKo Franken“ nicht die realitätsorientiertere gewesen?

Sinnvolle Ermittlung baut auf die Eruierung und Auswertung von Tatsachen. Diese sind, dass alle Morde mit ein und derselben Waffe an Menschen mit einem sog. „Migrationshintergrund“ begangen wurden. Die Logik gebietet es, sich an Realitäten zu orientieren und diese so zu benennen, demnach handelt es sich um eine Mordserie – sie hat nichts mit einem Drehspieß zu tun.

Der Anstand gebietet es, Begriffe, die die Brutalität der Taten abschwächen nicht nur zu unterlassen, sondern auch andere aufzufordern, mit Opfern, gleich welcher Herkunft, respektvoll umzugehen. Verbal-strukturelle Ausgrenzung tut dies nicht.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Hatice sagt:

    Präzise auf den Punkt gebracht! Danke.

  2. Inci sagt:

    Warum demonstrieren wir Türken nicht öffentlich gegen diese Unverschämtheit?!! Dieser Begriff darf nicht in den Medien publiziert werden! Lasst uns dagegen was unternehmen! Wo seid ihr alle???

  3. Ralf sagt:

    Kann sich noch jemand an die „Parkplatz-Morde“ erinnern? Oder in den USA an den „Green-River-Killer“? Mordserien bekommen egentlich immer einen mehr oder weniger passenden Namen. Normalerweise regt sich niemand darüber auf, hier ist es aber ein Thema und Inci ruft sogar auf dagegen was zu unternehmen. Was eigentlich genau?
    Ähnlich beim Begriff „Soko Bosporus“. Es wurden ja bekanntlich vorallem Türken getötet und eine innertürkische kriminelle Tat schien wahrschenlich zu sein. Man ging vielen Richtungen nach, auch rechtsradikaler Motivation, nur die Polizei kann ihrem Fahnderteam ja nicht erst dann einen Namen geben, wenn die Taten eindeutig aufgeklärt wurden.
    Dieser Artikel übertreibt ziemlich und zur deutsch-türkischen Verständigung trägt er nicht bei. Er verschäft die Gräben eher, wie man an Inci sieht.

  4. Sinan A. sagt:

    Einigen Journalisten ging die SOKO Bosporus noch nicht weit genug. Die Polizei hatte zwar bis zu 160 Beamte im Einsatz, durchleuchtete das komplette Umfeld der Opfer und trug riesige Aktenberge zusammen, aber einen Zusammenhang konnten sie nicht finden. Kein Wunder, es gab ja auch keinen.

    Conny Neumann und Andreas Ulrich vom SPIEGEL sahen das als Beleg für die tiefen Abgründe, vor denen die Ermittler standen. In mehreren Artikeln phantasierten sich die beiden in einen regelrechten Türkenrausch von Parallelgesellschaften, Angst, Schweigen, Mafia und Geheimdienst. Die SOKO, die auch Südländerhass für möglich hielt, gleichwohl aber kaum in diese Richtung ermittelte, wurde von den Autoren dafür verhöhnt. Fremdenfeindlichkeit sei wohl ausgeschlossen, meinten Conny Neumann und Andreas Ulrich.

    Wie man Journalismus besser macht, zeigte der Kölner Stadt-Anzeiger. Der Redaktion fiel auf, dass die Phantombilder aus der Mordserie und des Bombenanschlags sehr ähnlich waren. Das teilte sie der Polizei mit. Antwort der Kripo: Zufall, da gibt es keinen Zusammenhang.

    „Hätte ein Laie erkennen können“
    http://www.ksta.de/html/artikel/1321373160248.shtml



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...