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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Theater

Bravo, Ballhaus!

Nach der Wende 1989 wurde ich von „Westgermanen“ oft gefragt: Welches Buch kannst Du als Ostdeutscher uns empfehlen, damit wir den Osten verstehen? Meine Standardantwort war: Strittmatters Laden-Trilogie, zwischen 1983 und 1992 entstanden.

VONRalf Pierau

 Bravo, Ballhaus!
Wanderungen gehören auch zu meiner Familiengeschich- te. Zuerst nachweisbar als protestantische Flüchtlinge aus dem katholischen Frankreich. In Preußen fand die Familie eine neue Heimat. Hugenotte also. Dann brach das Land auseinander, in dem ich gerade aufwuchs, die DDR. Und ich wanderte, obwohl ich den Ort zuerst gar nicht verließ, in ein neues Land. Ossi also. Seit der Jahrtausendwende lebe und arbeite ich in Kreuzberg. Geschichten über Wander- ungen sind dort alltägliche Begegnungen für mich. Als Journalist verfolge ich diese aufmerksam. So kam ich auch zum MiGAZIN. Also: Ein Ossi mit französischem Migrationshintergrund aus Kreuzberg. Foto: Dr. Birgit Patzelt

DATUM7. September 2011

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Nun ist Regisseur Lukas Langhoff mit seiner Generationen-Trilogie (2006 bis 2011) zur türkischen Einwanderung in Deutschland etwas ganz Ähnliches auf der Bühne gelungen: ein verständnisvoller Blick auf das Wachsen und Sein einer Bevölkerungsgruppe; hier die der türkischen Einwanderer.

Alle Stücke der Trilogie („Pauschalreise“, „Klassentreffen“, „Ferienlager“) waren während der „Langen Nacht der Generationen“ am Wochenende im Ballhaus in der Naunynstraße zu sehen. Noch in dieser Woche sind sie einzeln auf dem Spielplan. Unbedingt hingehen!

Langhoffs Generationen-Projekt begann schon 2006 am Berliner HAU-Theater. Hier interessierten den Regisseur so genannte Erfolgsgeschichten aus der 2. Generation der Einwanderer. Die Leute aus dieser Generation stehen momentan mitten im Berufsleben. Biografische Monologe zu sechs ganz unterschiedlichen Biografien lässt Langhoff von den Betroffenen auf der Bühne erzählen: Wie wurde beispielsweise aus dem „kleinen Jungen aus der Waldemarstraße“ das Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus Özcan Mutlu? Da steht neben dem Politiker die Polizistin, ein Musikproduzent, eine Schauspielerin, eine politische Aktivistin. Und da ist der gewichtige Taxifahrer, ein toller Nachwuchshandballer war er, in der Handball-National-Mannschaft wollte er spielen. Und für wen er gespielt hätte? Natürlich für die Berliner, nicht für die türkische Auswahl. Da gab es die besseren Erfolgsaussichten, sagt er. Pragmatisch ist diese Einstellung zur Frage der Heimat, zu „Für wen soll ich?“ Langhoff lässt das „Klassentreffen“ ganz passend in einem großen Festsaal mit Musikgruppe und viel Party-SchnickSchnack spielen. Die Darsteller erscheinen in Abendkleid und Smoking, sind immer mal wieder privat auf der Bühne. Das störte den Regisseur nicht. Mich auch nicht. Es ist eine Stärke des Stückes. Aus dem monologischen Sextett wird nach und nach eine vielschichtige Erzählung der Autodidakten, die viel mehr entstehen lässt als jede einzelne Geschichte zu erzählen vermag. Darauf muss man sich einlassen können. Langweilig ist es nie. Nebenbei erfahren wir noch, wie wichtig Nutella sein kann.

Nach den Erfolgsgeschichten der 2. Generation holte Langhoff Schülerinnen und Schüler auf die Bühne des Ballhauses. Die so genannte 3. Generation. Hier geht es für die in Deutschland Geborenen nicht mehr um die Frage der Heimat. Sie haben viel weniger abstrakte Fragen: „Hast Du eigentlich einen Freund?“ Und schon die passende Antwort: „Nein, Du Arschloch!“ So einfach ist das in „Ferienlager“. Acht Betten sind auf der Bühne, umkreist vom weißflügligen Engel und dem Teufel mit den schwarzen Flügeln. Alle Bett-Geschichten sind furchtbar real und mit irdischer Maxime: „Alle Kanaken werden verkacken!“ Das Spiel der jungen Autodidakten ist wunderbar, die Bollywood-Parodie einfach glänzend! Da treibt der Spaß die Lebenswünsche, schaut ganz altersgemäß in die auch schon problembeladenen und depressiven Welten der Jüngeren. Eine deutliche Erweiterung des Schimpfwort-Reservoirs inbegriffen: „Du Hartz-IV-Kopf!“

Ballhaus Naunynstraße
Naunynstraße 27, Berlin-Kreuzberg
Eintritt: 14, ermäßigt 8 €
www.ballhausnaunynstrasse.de

Weitere Vorstellungen
„Pauschalreise“ – Die 1. Generation (Mittwoch bis Samstag, 06. bis 10. September, jeweils 20 Uhr)

In diesem Jahr machte sich der „Ostgermane“ Lukas Langhoff zum Abschluss seiner Trilogie auf, die Wurzeln der Einwanderung zu erkunden, also Blicke auf die 1. Generation zu werfen. Seinen ursprünglichen Plan, auch hier mit Autodidakten, mit Betroffenen zu arbeiten, ließ er fallen. Er entschied sich für professionelle Darsteller und eine Textvorlage von Hakan Savaş Mican. Beides waren sehr gute Entscheidungen! „Pauschalreise“ ist die Überraschung der Generationen-Trilogie. Der Regisseur lädt die Protagonisten auf eine Wolke. Der Himmel mit einer Parkbank ist die Bühne. Dort sammeln sich die Schicksale der ersten Einwanderer, begegnen den eigenen Kindern und Enkeln. Mit der 1. Generation entsteht das finale Bild, bringt Langhoff alles auf eine Bühne. So in der Szene „Rückenschmerzen“. Links auf der Bank der sich scheinbar fügende Opa mit Rückenschmerzen in türkischer Sprache. Rechts sitzt die neue Hausärztin, sie könnte seine Tochter sein und sagt: „Ich spreche prinzipiell kein Türkisch, um Missverständnisse zu vermeiden!“ Die Missverständnisse vermittelt die Enkelin zwischen den Generationen, im Thema unbeteiligt und schön laut. Die Szene landet in Kopf, Herz und Seele gleichermaßen. Eine Punktlandung!

Als zugezogener Kreuzberger werde ich oft gefragt, wie die so sind, die Türken in Kreuzberg. Die Antwort fällt mir seit dem Wochenende nicht mehr schwer: Schaut die Stücke der Generationen-Trilogie im Ballhaus an!

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