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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Lamyas Welt

Der Deutsche ist tot. Lang lebe der Deutsche.

Das Thema Integration wird überbewertet, sagen die einen. Integration ist das Zukunftsthema, meinen die anderen. Seit zehn Jahren wird nun verstärkt eine Debatte geführt, die weitgehend ergebnisfrei verläuft und bespickt mit Ablenkungsmanövern ist.

VONLamya Kaddor

 Der Deutsche ist tot. Lang lebe der Deutsche.
Geb. 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer. Sie unterrichtet das Schulfach „Islamkunde in deutscher Sprache“, bildete an der Universität Münster deutschsprachige Islamlehrer aus und berät die Politik zur Integration von Muslimen, gehört zu den Sprecherinnen des „Forum am Freitag“ des ZDF und ist Vorsitzende des 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bundes e.V. In ihrer MiGAZIN-Kolumne schreibt sie über ihre Welt - „Lamyas Welt“. Bei C.H.Beck erschien von ihr zuletzt „Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßem Islam“ (2010).

DATUM1. Juni 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Das wurde jüngst aus berufenem Munde wieder deutlich. Anlässlich der konstituierenden Sitzung des Bundesbeirats für Integration erklärte Staatsministerin Maria Böhmer: „Der Beirat ist eine ausgezeichnete Plattform für Diskussionen über Grundsatzfragen von Zuwanderung und Integration und für eine Identitätsdebatte. Eine zentrale Frage lautet: Wie lange ist man ein Migrant? Mittlerweile lebt die dritte und vierte Generation von Migranten in unserem Land. Dies sind junge Menschen, die hier geboren sind und nun in Deutschland aufwachsen und zur Schule gehen. Sie müssen die Chance bekommen, bei uns anzukommen. Dazu müssen sie ihr jeweiliges Herkunftsland loslassen.“

Das erinnert mich an einen Radiobericht vor einiger Zeit. Darin berichtete ein Mann, Mitte 40, Vater dreier Kinder, von seinem Leben in einem kleinen, typisch deutschen Dorf nahe Bonn. Er erzählte, dass sich das Gesicht seiner Heimat in den letzten Jahren stark verändert habe. Zahlreiche Familien seien von auswärts hinzugezogen, neue Wohngebiete mit modernen Reihenhäusern und hübschen Gärten seien entstanden. Der Mann fing an, sich zu beklagen: Einige dieser fremden Menschen hätten begonnen, seine Töchter etwa in der Schule oder auf dem Weg dorthin anzufeinden. Die Erwachsenen äußerten sich abfällig über sie, von den Kindern dieser Neuankömmlinge würden sie geradewegs beschimpft. Immer wieder hieße es, er und seine Familie sollten doch dahin zurückgehen, wo sie hergekommen seien. Das hier sei schließlich ihre Heimat. Über solche Äußerungen konnte sich der Mann nur wundern: „Wir leben seit 400 Jahre in diesem Dorf. Seit 400 Jahren!“ Das Problem seiner Familie: Sie ist etwas dunkler im Teint, denn ihre Vorfahren kamen einst aus dem Osten – als Sinti und Roma.

Frau Böhmer, wann ist man in Deutschland angekommen? Reichen 400 Jahre aus? Offensichtlich nicht. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Statt öffentlich darüber nachzudenken, wie lange ein Migrant nun ein Migrant ist, und statt Forderungen zu stellen, dass man sein jeweiliges Herkunftsland loslassen müsse, muss es der Politik endlich darum gehen, der deutschen Bevölkerung reinen Wein einzuschenken. Dieses ist nicht mehr die homogene Gesellschaft der 50er Jahre – weitgehend ohne Asylanten, ohne Ausländer, ohne Menschen mit dunklerer Hautfarbe und schwarzen Haaren. Und zu dieser Gesellschaft werden wir auch nie wieder zurückkehren. Gesellschaften machen von jeher durch Zuzug und Abwanderung einen Wandel durch. Das ist ganz natürlich. Solche Veränderungen lassen sich nicht aufhalten. Das muss die Botschaft sein. Doch sie wird von der Politik tabuisiert. Solange diese Botschaft aber nicht in den Köpfen der Menschen in Deutschland ankommt, wird Integration niemals gelingen. Und wer diese Veränderung der deutschen Gesellschaft nicht wahrhaben will, soll klar und unmissverständlich sagen, wie er sie aufhalten will, oder für immer schweigen.

Ich selbst kann an dieser Stelle leider noch nicht schweigen, denn die Anerkennung der gesellschaftlichen Realität führt automatisch zu der Frage: Was heißt eigentlich Deutsch-Sein? Viele weichen dem Thema hilflos und überfordert aus, fordern aber im Gegenzug ganz selbstbewusst das Bekenntnis zur „deutschen Leitkultur“. Also: Weißwurst essen? Vorm Zubettgehen Goethe und Schiller lesen? Sekt schlürfen und Bowle trinken? Mit beharrtem Bierbauch, über den sich zur Hälfte ein eibeflecktes Unterhemd spannt, samstags das Auto waschen? Sonntags durch Museen streifen? Einen Gesprächskreis gründen? Gartenzwerge aufstellen? Seine Kinder taufen lassen? Ihnen deutsche Namen geben? Sich die Haut bleichen? Eine Antwort auf die Frage gibt es nicht.

Wir können also nicht benennen, was „deutsche Leitkultur“ ist, aber wir sträuben uns „bis zur letzten Patrone“ gegen Zuwanderung „aus fremden Kulturkreisen“ (der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer), wir erklären Multikulti für „gescheitert, absolut gescheitert!“ (die Bundeskanzlerin Angela Merkel) und wir halten Arabern und Türken eine verminderte Intelligenz und Integrationsbereitschaft vor (der SPD-Politiker Thilo Sarrazin). Wir fordern und fordern und fordern. Wenn beim Stichwort Integration allerdings permanent von Forderungen gesprochen wird, dann dürfen auch alle am Wunschtisch Platz nehmen. In einer Demokratie macht man das so. Trotzdem wundern sich manche oder echauffieren sich gar darüber, dass angeblich die „Migranten“ dauernd Forderungen stellten.

Wir brauchen gemeinsame Werte, mit denen wir uns alle identifizieren können. Darüber müssen wir in der Öffentlichkeit diskutieren – und zwar ohne Tabus. Eine vernünftige und nachvollziehbare Forderung wäre beispielsweise: Alle Bürger dieses Landes sollten sich zum Grundgesetz bekennen und Deutsch sprechen können. Leider reicht dies vielen Zeitgenossen nicht aus, wie man sieht. Schade, dass unsere Verfassung denjenigen so wenig wert ist.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist es jedenfalls nicht mehr damit getan, seit Generationen hier geboren zu sein, um als Teil der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Ich weiß auch nicht, was die „deutsche Leitkultur“ ist. Ich weiß lediglich, man kann auch deutsch sein, wenn man schwarze Haare hat und sogar wenn man Muslimin ist. Dass der Islam samt seinen Anhängern zur Realität dieses Landes gehört, bestreiten heute nur noch Menschen, die sich ihrerseits nicht in unsere Gesellschaft integriert haben.

Der Deutsche ist tot. Lang lebe der Deutsche.

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65 Kommentare
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  1. Oki sagt:

    Ich schätze Frau Kaddors Meinung in vielen Fragen sehr, aber wie ich bei diesem Debattenbeitrag feststellen muss nicht immer.
    So zu tun als ob man Zuwanderung, vorallem auch aus islamischen Ländern, als fast unvermeidliches Naturgesetz hinnehmen müsste ist nicht zutreffend. Das sind ganz klar politische Entscheidungen gewesen, die über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden wurden und werden. Hätte der Bürger, wie es in der Demokratie eigentlich üblich ist, über die essenzielle Entscheidung von Masseneinwanderung ja oder nein entscheiden dürfen, dann hätte es die Masseneinwanderung in der Form nicht gegeben.
    Daher hat Horst Seehofer absolut Recht wenn er Einwanderung aus kulturfremden Ländern beenden will, Stichwort Arrangierte- und Zwangsehen mit sogenannten „Importpartnern“ aus islamischen Ländern. Die unterschiedlichen Integrationserfolge sind eindeutig.

    „Wir brauchen gemeinsame Werte, mit denen wir uns alle identifizieren können.“

    Deutschland und Europa hat bereits ausreichend gute und vielen anderen Kulturen überlegene, gemeinsame Werte und ein Zuwanderer der freiwillig in dieses Land kommt hat sich an diesen Werten zu orientieren und sich anzupassen, oder es steht im frei zu gehen. Es gibt ein schönes englisches Sprichwort „when in rome do as the romans do“.
    Viele Enwanderer in der Geschichte Europas, auch in Deutschland, haben diese Selbstverständlichkeit verinnerlicht und angewendet und sind damit Teil dieser Gesellschaft geworden, auch ohne Integrationskurse und Beiräte. Man denke an Hugenotten und Polen und viele andere. Nur Muslimen scheint das nicht genehm zu sein, sie wollen Deutschland und Deutschsein verändern. Erklären den Deutschen sogar für tot. Ich finde so einen Satz und so eine Einstellung ziemlich respektlos und dreist und es wird auch nicht zu mehr Gemeinsamkeit führen, sondern genau das Gegenteil erreichen.

  2. Andreas sagt:

    Das dürfte einigen „Deutschen“ nicht schmecken. Und Oki hat den Anfang gemacht.

    @Oki, Sie scheinen einer der Gründe zu sein, warum Politiker sich eben nicht trauen, der Bevölkerung „reinen Wein einzuschenken“.

  3. MoBo sagt:

    @ Oki
    zu 1): wie die Einwanderung historisch passiert ist hat für die aktuelle Debatte eigentlich wenig Auswirkungen. Frau Kaddor ist in Deutschland geboren, punkt. Sie wurde auch nicht gefragt, ob sie nach Deutschland will. Die Ehezuzüge (die nicht alle nur arrangiert oder unter zwang sind) sind nur ein Teil der Einwanderung und derzeit ist Deutschland ohnehin ein Abwanderungsland.

    zu 2): Das Deutschland „überlegene“ Werte hätte müsste erst noch bewiesen werden, Fakt ist aber vor allem, dass sich niemand einig über einen Wertekanon ist – außer eventuell dem GG.

    Das „nur Muslime“ ist eine bewusste einseitige Darstellung. Vor 1945 hat es auch in Deutschland Einwohner gegeben, die ganz andere Lebensweisen hatten, z.B. Sinti und Roma oder orthodoxe Juden. Frau Kaddor weist zurecht auf die Homogenisierung der Deutschen Gesellschaft nach 1933-45 hin.

    Zu sagen dass es Leuten denen es nicht gefällt freisteht zu gehen – die meisten „Migranten“ in Deutschland, darunter auch Frau Kaddor oder ich, sind hier geboren und viele haben Deutsche Pässe. Wenn uns etwas nicht gefällt haben wir genauso wie Sie das Recht, dieses zu benennen.

  4. Kritiker sagt:

    Dazu müssen sie ihr jeweiliges Herkunftsland loslassen.

    Oh liebe Lamy, das kommt bei den meisten Türken gar nicht gut an!

  5. tinab sagt:

    Eine Kleinigkeit: man ist nicht „Sinti und Roma“, sondern in der Regel nur eines von beiden. Wenn die Familie seit mindestens 400 Jahren in Deutschland lebt, sind sie wahrscheinlich Sinti, die Roma kamen meines Wissens später.

    @Oki: Die Hugenotten waren auch nicht von Anfang an perfekt integriert und auch nicht überall erwünscht. In Frankfurt z.B. waren nur die wohlhabenden Hugenotten gerne gesehen, die ärmeren durften sich in Friedrichsdorf ansiedeln. Dort wurde bis kurz vor dem 1. Weltkrieg in der evangelischen Kirche vormittags französisch gepredigt und noch lange eine deutsch-französische Mischsprache gesprochen, die Friedrich Stoltze zu einen Spottgedicht inspirierte, welches folgendermaßen beginnt: „Hélas, Martin, hélas, Martin, chassez les Gickel aus dem jardin…“

    In Frankfurt gibt es bis heute eine deutsch-reformierte Kirche und eine französisch-reformierte. In der letzteren wurde zumindest in den 80er Jahren einmal im Monat der Gottesdienst auf französisch gehalten. Und wie lange sind wir Hugenotten schon hier…

  6. locuta sagt:

    „….muss es der Politik endlich darum gehen, der deutschen Bevölkerung reinen Wein einzuschenken. Dieses ist nicht mehr die homogene Gesellschaft der 50er Jahre – weitgehend ohne Asylanten, ohne Ausländer, ohne Menschen mit dunklerer Hautfarbe und schwarzen Haaren.“

    Man vertue sich nicht – diese Gesellschaft ist schnell wieder herzustellen!
    Fürs erste würde es schon ausreichen, ein Rückführungsministerium anstatt eines „Integrationsmonsters“ einzurichten!

  7. Sabberlatz sagt:

    Deutschsein heißt heute, auf einem Territorium zu leben, den gleichen Pass in der Tasche zu haben und den gleichen Gesetzen zu unterliegen. Mehr nicht. Es gibt noch die „lingua franca“ Deutsch, aber in ein paar Jahrzehnten wird es in Deutschland mehrere Amtssprachen geben und Deutsch wird eine Minderheitssprache unter mehreren sein.

    Das, was Deutschland vor der Etablierung der multikulturellen Gesellschaft auf ehemals deutschem Territorium an kulturellen Leistungen geschaffen hat, wird größtenteils auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, weil es ja nicht der progressiven transnationalen Multi-Kulti-Ideologie entspricht. Großartig. In ein paar Jahrzehnten werden sämtliche europäischen Länder Neuauflagen der USA sein. Ist doch schön, wenn Mailand so ist wie Madrid, Madrid so wie Berlin, Berlin so wie Prag, Prag so wie Stockholm, Stockholm so wie Amsterdam, Amsterdam so wie New York… Braucht man ja gar nicht mehr in Urlaub zu fahren, ist eh überall dasselbe. Unterschiedliche Architektur oder unterschiedliches Klima, das war es dann aber auch. Vorbei die Zeiten, in denen es wirkliche kulturelle Vielfalt gab.

  8. André sagt:

    Deutsch ist derjenige, der einen deutschen Pass hat. So simpel ist es. Weitergehende Qualifikationsanforderungen sind mir nicht bekannt. Schade, dass man das anno 2011 überhaupt noch erwähnen muss…

  9. André sagt:

    “….muss es der Politik endlich darum gehen, der deutschen Bevölkerung reinen Wein einzuschenken. Dieses ist nicht mehr die homogene Gesellschaft der 50er Jahre – weitgehend ohne Asylanten, ohne Ausländer, ohne Menschen mit dunklerer Hautfarbe und schwarzen Haaren.”

    „Man vertue sich nicht – diese Gesellschaft ist schnell wieder herzustellen!
    Fürs erste würde es schon ausreichen, ein Rückführungsministerium anstatt eines “Integrationsmonsters” einzurichten!“

    Deportieren wir auch die ca. 1,6 Mio Ruhrdeutschen, die polnische Wurzeln haben? Ich frage mal lieber nach, denn ich habe ein wenig Angst, dass es demnächst bei meinem BVB im Westfalenstadion arg leer wird…

  10. Kai Diekelmann sagt:

    Iocuta: Glauben Sie das wirklich, dass ein Rückführungsministerium Deutschland wieder homogen machen könnte? Was soll denn passieren mit ca. 9 Mio. Deutschen, die Migrationshintergrund haben? Staatsbürgerschaft aberkennen? Ausweisen – wohin?
    Dass immer noch – hoffentlich denkende?! – Menschen der Illusion nachhängen, die eingetretene kulturelle und religiöse Vielfalt ließe sich wieder zur Einheitskultur/-religion zurückführen, ist nicht zu fassen.


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