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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Hatice Akyün

“Wir stehen wieder bei null”

Jeder dritte Deutschtürke mit Uniabschluss sieht seine Zukunft in der Türkei. Selbst die Schriftstellerin Hatice Akyün steht kurz vor dem Absprung. Gibt es ein Deutschland nach Sarrazin? Warum wird einem die Heimat plötzlich fremd? Und ab wann darf man resignieren? Ein Interview.

VONDominik Baur

Dominik Baur leitet das Berliner Büro des Migazin. Er lebt und arbeitet als freier Journalist seit 2009 in der Hauptstadt. Mehr auf www.gschichten.de.

DATUM8. Februar 2011

KOMMENTARE59

RESSORTAktuell, Interview

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MiGAZIN: Frau Akyün, man hört, Sie wollten auswandern. Das ist nicht Ihr Ernst, oder?

Hatice Akyün: Meine Entscheidung habe ich noch nicht endgültig getroffen, aber es sind nicht mehr bloß Gedankenspiele. Ich mache mir ganz konkret Gedanken darüber.

MiG: Warum?

Akyün: Weil ich mich frage, ob es nicht woanders schöner ist. Die derzeitige Stimmung in diesem Land macht mir Angst. Ich habe eine Tochter, die wird jetzt vier. Ich möchte, dass sie in einem Land aufwächst, in dem sie akzeptiert ist. Ich möchte nicht, dass meine Tochter irgendwann aus der Schule nach Hause kommt und erzählt: Mama, die sagen, ich bin dumm, weil ich Türkin bin. Ich will nicht, dass sie das Gefühl bekommt, nicht zu diesem Land zu gehören.

MiG: Kaum ein anderer deutscher Autor Ihrer Generation schreibt mit so viel Liebe über sein Land wie Sie. Woher kommt dieser plötzliche Bruch?

Dieses Interview ist eine Koproduktion mit MAGDA, dem Magazin der Autoren. Lesen Sie dort ein ausführliches Porträt über die Autorin: Wie Hatice Akyün den Humor verlor.

Akyün: Weil man mir verbal ständig ins Gesicht schlägt. Jeden Tag. Wenn ich die Zeitung aufschlage oder den Fernseher anschalte, muss ich mir von irgendwelchen Politikern und Pseudowissenschaftlern anhören, warum Menschen wie ich nicht hierher gehören. Und da soll ich sagen: Hey, das ist doch mein geliebtes Land! Wissen Sie, was mir am meisten Sorgen macht? Dass es schon wieder ganz normal ist, von „Ausländern“ zu sprechen. Neulich wurde ich in einem Radiointerview vom Moderator als Ausländerin bezeichnet. Und das war gar keine Boshaftigkeit. Wir sind einfach mal 30 Jahre zurückgegangen.

MiG: Aber Sie sind Deutsche. Wenn Sie nun in die Türkei auswandern wollen, geben Sie dann nicht gerade denen Recht, die Sie als Ausländerin abstempeln wollen?

Akyün: Das Schlimme ist: Ich fühle inzwischen so viel Türkisches in mir durch diese Debatte. Es ist ein Teil in mir zum Vorschein gekommen, den ich jahrelang gar nicht wahrgenommen habe.

MiG: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Sie sich am Ende in der Türkei noch fremder fühlen als hier?

Akyün: Nein. Ein Teil meiner Familie lebt in Istanbul. Und Menschen wie ich werden dort mit offenen Armen empfangen. Es gibt viele meiner Generation, die bereits in die Türkei abgewandert sind – Wissenschaftler, Juristen, Ärzte. Allein in meinem persönlichen Umfeld gibt es etwa zwanzig Menschen, die entweder schon in die Türkei gegangen sind oder sich konkret nach Jobs dort umsehen. Ich war vor kurzem in Istanbul, da gibt es sogar schon einen Rückkehrerstammtisch. Das sind Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Die haben hier studiert, zum Teil mit exzellenten Abschlüssen. Aber in Deutschland finden sie keine Stelle – wegen ihres türkischen Namens. In Istanbul dagegen stehen ihnen alle Türen offen. Aber nicht weil sie türkische Wurzeln haben, sondern weil sie Fachkräfte sind.

MiG: Hat Ihr Stimmungsumschwung auch etwas mit einem Herrn namens Sarrazin zu tun? Hat er dieses Land so sehr geändert, dass Sie sich hier nicht mehr zu Hause fühlen?

Akyün: Ich sage das sehr ungern, weil ich es manchmal selbst nicht wahrhaben möchte: Aber wahrscheinlich hat die Sarrazin-Debatte nur etwas wieder zum Vorschein gebracht, was die ganze Zeit über da war. Sarrazin selbst ist mir egal. Aber die Massen, die zu ihm rennen und ihn hochleben lassen, machen mich fassungslos. Schauen Sie sich die Auftritte von Sarrazin an, dort herrschen zum Teil mobähnliche Zustände. Wenn ich das sehe, bekomme ich Beklemmungen. Und ich kann absolut nicht verstehen, wie jemand, der ein bisschen Grips hat, sich hinstellen kann und sagt: Ja, es stimmt schon, das mit der Genetik war ein bisschen blöd, aber im Grunde sagt er ja auch viel Wahres.

MiG: Seine Fürsprecher halten Sarrazin zugute, er benenne manches Problem…

Akyün: Ich bitte Sie! Es gab vor ihm schon Politiker und Wissenschaftler, die die Probleme seriös benannt haben. Aber nicht auf spaltende Weise. Müssen wir immer noch über Selbstverständlichkeiten reden? Müssen wir darüber reden, dass jemand, der in Deutschland lebt, verdammt noch mal die deutsche Sprache zu lernen hat? Dass er sich an die hier geltenden Gesetze zu halten hat? Wo ist denn das eigentliche Problem? Dass es Menschen gibt, die sich nicht an die Gesetze halten? Ja, stimmt. Dann müssen wir uns aber anschauen: Warum machen sie das nicht? Tun sie es nicht, weil sie Türken sind oder weil sie asozial sind? Diese Leute würden sich auch in der Türkei und in keinem anderen Land dieser Welt daran halten. Wenn man sich diese Fragen stellt, wird es nämlich schwierig. Dann stößt man auf vielschichtige Gründe – aber einfacher ist es natürlich zu sagen: Das sind Türken, Muslime, alles klar, Schublade zu. Sie können Menschen nicht zwingen, differenziert zu denken. Es ist viel einfacher und griffiger, sich als Politiker hinzustellen und zu verkünden: Multikulti ist tot. Und der Jubel ist einem sicher.

MiG: Worüber sollten wir denn stattdessen reden?

Akyün: Das Problem ist ein soziales. Und dann sind wir wieder da, wo wir schon seit 30 Jahren stehen – bei der Frage: Wie kriegen wir die Menschen aus den Ghettos raus? Das geht nur durch Bildung, Bildung, Bildung. Und wo wird gekürzt? Bei der Bildung! Bei den Integrationskursen! Da beginne ich dann, an den Politikern zu zweifeln, und denke mir: Die meinen es doch alle nicht ernst. Das interessiert die doch überhaupt nicht, ob die Menschen sich integrieren und Deutsch lernen.

MiG: Aber wenn Leute wie Sie abwandern, macht das die Sache auch nicht besser.

Akyün: Es ist auch keine leichte Entscheidung. Manchmal sage ich mir: Du hast als Person, die in der Öffentlichkeit steht, vielleicht die Chance, etwas geradezurücken, das Sprachrohr für viele im Land zu sein. Aber dann ist es immer wieder dasselbe, und wir stehen wieder bei null. Ich rede mir doch nur den Mund fusselig. Dazu kommt: Ich habe mich geändert, ich bin keine Rebellin mehr. Früher hätte ich mich hingestellt und gefragt: Wie können wir die Probleme gemeinsam lösen? Aber heute denke ich einfach nur: Ihr könnt mich alle mal. Ich muss ganz schnell weg hier.

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59 Kommentare
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  1. A.E. sagt:

    Ich erkenne in ihren Aussagen vieles wieder.

    Weiter so Deutschland!

  2. Tupac sagt:

    Das ist doch lächerlich…Auswandern nur weil miese Stimmung ist…die Stimmung in der Türkei ist bestimmt nicht besser für einen Deutschländer…Und nix steht bei Null, einiges ist voran gekommen, genauso wie Sarrazin das Negative sieht, sehen viele Menschen mit türk. Migrationshintergrund auch nur das Negative…noch einmal, wie lächerlich!

  3. Sinan A. sagt:

    Dominik Baur ist der falsche Mann für das Migazin. Die Grundhaltung stimmt einfach nicht. Was wir hier sehen, ist der falsche Weg der Integrationsarbeit: Der Deutsche wird Chef, setzt die Themen und bedrängt den Migranten mit Fragen, bis dieser entnervt flüchtet. Der richtige Weg wäre: Hatice Akyün übernimmt die Leitung des Berliner Büros und Dominik Baur sucht sich eine neue Tätigkeit.

  4. ötze sagt:

    also ich kenn den baur nicht, aber ich finde das interview cool. es zeigt, was die sarrazin debatte gebracht hat. die die scheiße bauen bleiben hier, die intelligenten hauen ab. man kann es ihnen nicht verübeln, find ich. ich würde auch am liebsten auswandern, wenn ich deutschland nicht als meine heimat ansehen würde und ich mich nicht so sehr von meiner „türkischen identität“ distanziert hätte. ich dachte es würde was bringen damals. vonwegen integration. hat es aber nicht. heute fühle ich mich benachteiligt, von deutscher, wie türkischer seite. aufgrund meiner „wirren“ identität.

    egal. das interview ist gut, da es die gedanken vieler türken in deutschland toll skizziert, egal ob gebildet oder nicht.

    der rest ist shitstorm und darf ruhig missachtet werden^^ an dem artikel gibts nichts auszusetzen.

  5. Karl Willemsen sagt:

    „Schauen Sie sich die Auftritte von Sarrazin an, dort herrschen zum Teil mobähnliche Zustände.“

    Völlig richtig erkannt! Allerdings VOR den Lesungslokalen ist es der faschistoide Links-Mob der die Zuhörer anpöbelt und bespukt.

    Aber der verlinkte Magda-Artikel ist da noch etwas aufschlussreicher was Akyüns Motivation auszureisen angeht:

    „Sarrazin ist ein Bürokrat, der sein ganzes Leben lang von Steuergeldern bezahlt wurde“, sagt Hatice Akyün. „Auch von meinem Geld.“ Oder: „In der jetzigen Situation solidarisiere ich mich lieber mit den türkischen Hartz-IV-Empfängern als mit irgendwelchen Deutschen.“

    aha, die erfolgreiche Buchautorin hat wohl in letzter Zeit auch häufiger mal Liebesbriefe vom Finanzamt erhalten und bemerkt gerade, dass so ein Sozialstaat wie D ein ziemlich teurer Spaß ist – für alle die den bezahlen müssen… da lässt sich im Unsozialstaat Türkei natürlich der ein oder andere €uro sparen!

    Um sich „mit den türkischen Hartz-IV-Empfängern zu solidarisieren“, müsste sie allerdings mal schön in D bleiben, denn die leben nämlich fast allle ausschliesslich HIER! …oder meint sie etwa die türkischen Hartz-IV-Empfängern, welche auch noch die Dreistigkeit besitzen sich ihr H4 in die Türkei überweisen zu lassen?

  6. Gast1962 sagt:

    Wenn man als Deutscher das ganze mal unvoreingenommen im Lichte gewisser Nutzenüberlegungen betrachtet fällt einem auf das viele aus dem Ausland die sich zum Beispiel in der USA kein qualitativ hochwertiges Studium leisten können hierherkommen um hier auf Kosten des deutschen Steuerzahlers zu studieren um dann wieder nach absolvierten Studium irgendwo anderst hinzuziehen wo die steuerliche Situation besser ist so daß diesen Leuten dann mehr vom Netto bleibt. Wir brauchen deshalb auch eine Zuzugssteurung nach Nutzenaspekten wie in der USA oder der schweiz und Studiengebühren für Ausländer. Aber wenn das einer fordert wird er von den Grünen als Nutzenrassist gebrandmarkt und schon fast kriminalisiert. Nutzenrassist ist eine Wortschöpfung von dem rechtspolitischen Sprecher der Grünen Beck der zwar kein Juristisches studium absolviert hat aber dennoch ein geradezu begnadeter Rechtspraktiker ist wenn es darum geht ungrün denkende in die schon fast kriminelle Ecke zu stellen damit die dann still sein sollen.
    Die Gebildeten Türken die man brauchen könnte gehen wieder heim dafür kommen wieder neue bildungsferne aus Ostanatolien nach für die Deutschland dann auf Kosten des Steuerzahlers als Durchlauferhitzer dient.

  7. Tupac sagt:

    Auswandern tun doch ehe nur diejenigen, die hier keine beruflichen Chancen sehen, weil sie einfach die Qualifikationen nicht mitbringen, die nötig wären. Das ist doch die Ursache, alles andere ist nur Rechtfertigung für eigene Unzulänglichkeiten!!!

    Es gibt so viele,die nicht auswandern, weil sie einfach gut sind, in dem, was sie tun!

  8. Ypsilon sagt:

    Ein tolles Interview. Frau Akyün spricht mir, und mit Sicherheit auch sehr vielen Migranten, aus der Seele.

    @ Sinan A.: Was stimmt denn nicht ?
    Oder missverstehe ich Ihre Ironie?

    So wie die Integrationsdebatte seit Jahren geführt wurde, war die Salonfähigkeit des Rassismuses eigentlich nur eine Frage der Zeit.
    Die meisten Medien und Politiker waren sich nicht zu schade und sind sich auch immernoch nicht zu schade, der populistischen und menschenverachtenden Diskussionskultur den Vorrang zu geben.

    Dennoch werde ich erst mal noch bleiben, denn hier ist meine Heimat und meine Heimat werde ich bestimmt nicht kampflos irgendwelchen menschenverachtenden Berufspopulisten überlassen.

    P.S. Müsste der Vollständigkeit halber nicht noch

    http://www.magda.de/heimatweh/

    irgendwo im Artikel verlinkt sein? Auf der Facebook-Seite vom Migazin findet sich dieser Link und ich meine, zur Abrundung des Interviews, sollte einem dieser Artikel nicht vorenthalten werden 😉

  9. Ypsilon sagt:

    Huch, ist ja doch verlinkt….

  10. Ufuk sagt:

    Tolle Frau.Teile ihre Meinung absolut und ich denke auch jeder andere Türke in Deutschland mit angehendem oder bestehendem höheren Bildungsabschluss


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