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Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

SPD

Positionspapier Integration

„Alle reden über Integration – aber was ist gemeint? Wenn Sie uns fragen: Wo Integration gelingt, haben alle Menschen gleiche Chancen auf Teilhabe an der Gesellschaft“, so die SPD in ihrem neuen „Positionspapier Integration“. MiGAZIN dokumentiert das Papier.

Gesundheitspolitik für alle
Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, ambulante Versorgungseinrichtungen und Rehabilitationszentren müssen den Bedürfnissen verschiedener Patientengruppen gerecht werden. Auch denen von Migrantinnen und Migranten. Das ist bislang selten der Fall. Ob Speisepläne, interkulturelle Fortbildung des Personals oder – insbesondere für die erste Migrantengeneration – mehrsprachige Informationen, Aufbau eines Dolmetschernetzes oder Übersetzung von Einwilligungsformularen: vor allem die Einrichtungen vor Ort können viel verändern. Doch auch auf Bundesebene können wir einiges anpacken.

Interkulturell geschultes Personal
Für gute Betreuung müssen Arzt und Patient sich verstehen. Das klappt oft nicht. Das kann an mangelnden Sprachkenntnissen der Migrantinnen und Migranten, aber auch an fehlendem Gespür für wichtige Fragen auf Seiten des Personals liegen: Welche Tabus gibt es im Umgang mit dem eigenen Körper? Müssen geschlechtsspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden? Gibt es ein anderes, beispielsweise stärker religiös als naturwissenschaftlich geprägtes Krankheitsverständnis? Warum ist die Scheu, psychologische Hilfen in Anspruch zu nehmen, bei Migrantinnen und Migranten höher als bei Deutschen?

Für solche Fragen muss medizinisches Fachpersonal sensibel sein. Deshalb werden wir gegenüber den Bundesländern darauf hinwirken, dass es, je nach lokalem Bedarf, ausreichende Fortbildungsangebote für den Erwerb interkultureller Kompetenzen gibt. Außerdem soll interkulturelle Kompetenz zum Einstellungskriterium gemacht werden. Hier könnten die verschiedenen Institute des Bundes, etwa das Robert-Koch-Institut, mit gutem Beispiel vorangehen.

Gesund durch Aufklärung
Migrantinnen und Migranten nehmen seltener Gesundheitsleistungen in Anspruch als die deutsche Mehrheitsbevölkerung – weniger Behandlungen, weniger Vorsorge, weniger Impfungen, weniger Rehabilitation. Deshalb werden wir die gesundheitliche Aufklärung zielgruppenspezifisch verbessern, um Migrantinnen und Migranten besser zu erreichen.

Die Datenlage verbessern
Es gibt zu wenige Daten und Studien, die Fragen von Gesundheit und Pflege migrationsspezifisch untersuchen. Insbesondere stellen bisherige Untersuchungen, sofern sie hier überhaupt differenzieren, auf Ausländerinnen und Ausländer ab, ohne Deutsche mit Migrationshintergrund einzubeziehen. Wir möchten gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut, den Krankenkassen, den Gewerkschaften und dem Statistischen Bundesamt Lösungen erarbeiten, um die Datenlage zu verbessern.

Approbation auch für nichteuropäische Migrantinnen und Migranten
Bislang werden nur Deutsche, EU-Bürgerinnen und -Bürger, Bürgerinnen und Bürger des Europäischen
Wirtschaftsraumes sowie Bürgerinnen und Bürger einiger Staaten, mit denen völkerrechtliche Abkommen bestehen, unbeschränkt zu medizinischen Berufen zugelassen. Ob als Arzt, Psychotherapeut, Zahnarzt oder Apotheker: Selbst Ausländerinnen und Ausländer, die ihre Ausbildung in Deutschland gemacht haben, können sich nicht niederlassen, sondern dürfen meist nur angestellt und befristet arbeiten.

Damit werden gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte von der unbeschränkten Berufsausübung ausgeschlossen. Und das, obwohl es einen Ärztemangel in Deutschland gibt. Dabei macht sie ihre Herkunft nicht zu schlechteren Ärztinnen und Ärzten. Im Gegenteil, die Herkunft kann sogar ein Vorteil sein. So spielt es etwa in der Psychotherapie eine wichtige Rolle, ob sich ein Patient gegenüber dem Therapeuten in seiner Muttersprache ausdrücken kann. Deshalb wollen wir die einschlägigen Berufsordnungen für Heilberufe umfassend für Nicht-Deutsche, die ihre Ausbildung in Deutschland abgeschlossen haben, öffnen.

Sonderbedarfszulassungen
Wir benötigen ausreichend muttersprachliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Doch die kassenärztlichen Vereinigungen gehen restriktiv mit Zulassungsanträgen um. Durch Sonderbedarfszulassungen könnte gewährleistet werden, dass sich in Städten mit hohem Migrantenanteil entsprechend viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten niederlassen können, die die Muttersprache von Gruppen sprechen, die einen Großteil der örtlichen Bevölkerung ausmachen. Wo notwendig, muss es in Ballungszentren Sonderbedarfszulassungen geben.

Gesundheit im Integrationskurs thematisieren
Wo es an Verständnis zwischen Arzt und Patient fehlt, können mangelnde Deutschkenntnisse ebenso wie fehlendes Wissen über medizinische Versorgung der Grund sein. Die Integrationskurse können einen Beitrag leisten, das zu ändern. Hier werden im Sprachkurs 600 Stunden Deutsch, im Orientierungskurs 45 Stunden über das Leben in Deutschland gelehrt. Künftig sollen im Deutschkurs Grundbegriffe über Gesundheit und Krankheit aufgegriffen werden. Zudem soll der Orientierungskurs um Grundlagenwissen über die Gesundheitsversorgung ergänzt werden.

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Ein Kommentar
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  1. […] und das kommunale Wahlrecht auch für Nicht-EU-Ausländer plädiert die SPD im „Positionspapier Integration“, das am Freitag auf der Jahresauftaktklausur in Magdeburg vorgestellt wurde. Der Grundsatz, […]



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