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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Ein Appell

Erdoğan fordert, Merkel fördert

Die Integrationsdebatten der vergangenen Wochen und Monate über Migranten im Allgemeinen und Türken und Araber bzw. Muslime im Besonderen scheint eine überraschende Wendung zu nehmen.

Deutschland entdeckt türkische Regierungspolitiker der AKP als Motivator am Integrationshimmel. Bereits am vergangenen Wochenende zeigten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan ungewohnt einstimmig. Insbesondere in puncto Integration zogen beide Regierungschefs am selben Strang – Bildung, Spracherwerb, keine Assimilation.

Zwei Tage später gab die Bild den türkischen EU-Verhandlungsführer Egemen Bağış (AKP) wieder: „Ich fordere meine türkischen Landsleute und alle Deutschen türkischer Herkunft auf: Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten und Gebräuchen eures Gastlandes an!“, sagte Bağış. Der türkische Minister weiter: „Schickt eure Kinder auf die besten Schulen, damit sie eine Zukunft haben! Und achtet die Gesetze!“

Angesichts der Klarheit und Entschiedenheit dieser Worte zeigt sich die hiesige Öffentlichkeit überrascht. Nicht so die Menschen mit Türkisch als Mutter- oder Fremdsprache. Aufforderungen zur Integration, Bildung und Spracherwerb aus der Türkei sind für sie nicht neu. Bei fast jedem Besuch eines türkischen Politikers werden sie wiederholt. Leider berichten meist ausschließlich die Europa-Ausgaben türkischer Tageszeitungen darüber, der Mainstream in Deutschland ignoriert sie in der Regel. Eine Ausnahme durfte Deutschland vor knapp drei Jahren erleben. Damals sprach der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan in der KölnArena vor 20.000 begeisterten Türkischstämmigen:

„Niemand kann von Ihnen erwarten, dass Sie sich einer Assimilation unterwerfen. Denn Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. […] Wir müssen jedoch auch Folgendes zur Kenntnis nehmen: Sie können sich im heutigen Deutschland […] nicht mehr als ‚der Andere‘ […] betrachten. […] Die türkische Gemeinschaft hat sich volle 47 Jahre für dieses Land verausgabt. […] Es ist bemerkenswert, dass sich […] gewisse grundlegende Probleme immer noch nicht auf der Tagesordnung befinden. Selbstverständlich werden unsere Kinder Türkisch lernen. Das ist Ihre Muttersprache, und es ist Ihr natürlichstes Recht, Ihre Muttersprache Ihren Kindern weiterzugeben. Jedoch würden Sie, wenn Sie die Sprache des Landes erlernen, in dem Sie leben, oder sogar noch einige Sprachen dazu erlernen, in jeder Hinsicht davon profitieren. Schauen Sie, viele unserer Kinder hier lernen im frühen Alter keine Fremdsprachen. Diese Kinder werden mit der deutschen Sprache erst dann konfrontiert, wenn sie mit dem Schulbesuch beginnen. Und das führt dazu, dass diese Kinder im Vergleich zu den anderen Schülern die Schullaufbahn bereits mit einem Nachteil von 1:0 beginnen müssen. Doch würde es für Sie und für Ihre Kinder in jeder Hinsicht vorteilhaft sein, wenn Sie die Möglichkeiten, die das qualitativ gute und gut organisierte Schulsystem Ihnen bietet, maximal ausschöpfen. […] Wenn Sie die Sprache des jeweiligen Landes nicht beherrschen, nicht lernen, so fallen Sie unweigerlich in eine Situation der Benachteiligung.“1

Die anschließend äußerst hitzig geführte Debatte war geprägt von einem einzigen Satz: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Insbesondere Unionspolitiker liefen Sturm gegen den türkischen Premier und warfen ihm vor, die Integration der in Deutschland lebenden Türken zu hemmen. Integrationsfördernd war die auf einen Satz reduzierte Debatte nicht. Im Gegenteil: Die gesamte Rede des türkischen Premiers verpuffte. Türken hatten Erdoğan zwar wahrgenommen, waren von der anschließenden Debatte aber derart irritiert, dass sie nur folgern konnten, Deutschland fordere Assimilation, könne es aber nicht sagen. Schließlich hatte der türkische Regierungschef doch nichts Schlimmes gesagt, wie konnte man seine Worte missverstehen!? Lediglich den EU-Beitrittsgegnern spielte die eigens angestoßene Debatte in die Tasche. So konnten sie das Bild des „bösen Türken“ aufrechterhalten.

Mindestens grob fahrlässig nahmen Erdoğan-Kritiker dabei in Kauf, selbst als Integrationsbremse zu fungieren. Denn kein deutscher Politiker wäre auch nur ansatzweise in der Lage gewesen, derart ins Gewissen der Türkischstämmigen zu reden und mit einem solchen Feingefühl an die Vernunft zu appellieren. Kein deutscher Politiker wäre auch nur ansatzweise in der Lage 20.000 Türkischstämmige in eine Halle zu locken. Die deutsche Öffentlichkeit ist derzeit noch nicht einmal in der Lage, Türkischstämmige in Deutschland anzusprechen. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Data 4U zufolge haben lediglich 38 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland von der „Sarrazin-Debatte“ gehört bzw. diese in den Medien verfolgt. Ein Armutszeugnis für beide Seiten.

Es ist an der Zeit, sich über die Vorteile einer engen Zusammenarbeit mit türkischen Politikern bewusst zu werden. Sie sind die Einzigen, die auch diejenigen Türken erreichen, die sich in der Regel auf keiner Diskussionsrunde über Integration blicken lassen. Sie sind es auch, die diejenigen erreichen, die keine deutsche Zeitung lesen und Nachrichten auf deutschen TV-Sendern schauen.

Die Rede Erdoğans hätte eine ganz andere Wirkung gehabt, hätten sich unsere Politiker besonnen und sich ausnahmsweise um das Gemeinwohl gekümmert, als billigen Populismus zu betreiben. Die Rede hätte auch eine ganz andere Wirkung gehabt, hätte Bundeskanzlerin Angela Merkel der türkischstämmigen Bevölkerung nicht erst im Nachhinein gesagt „Ich bin auch eure Kanzlerin“. Die Wirkung wäre eine ganz andere gewesen, wären sie gemeinsam mit Erdoğan aufgetreten.

Vor diesem Hintergrund ist die Pressekonferenz Merkels mit Erdoğan vom vergangenen Samstag ein Meilenstein in der deutschen Integrationspolitik. Genauso, wie man auf dem Gebiet der Wirtschaft, Umwelt oder Energie bilaterale Beziehungen eingeht, ist auch eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Integration möglich und unter diesen Umständen auch zwingend erforderlich. Das scheint man verstanden zu haben.

Eine Anregung zum Abschluss für die künftige Zusammenarbeit: Erdoğan fordert, Merkel fördert.

  1. Übersetzung des Bundespresseamtes  []
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Ein Kommentar
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  1. Die Zitierung der damaligen Äußerungen von Ministerpräsident Erdogan ist als bislang nicht geläufige, aber inhaltlich wesentliche Ergänzung zur einseitigen Kommentierung der Kölner Rede sehr hilfreich. Danke dafür!

    Was mir nicht behagt – obwohl ich es psychologisch nachvollziehen kann – ist das „hätte“, „konnte“, „wäre“ als Vorwurf an Politik und Medien hierzulande. Letztlich ist das derselbe Debattenstil, wie er bisher beim Integrations-/Inklusions-Thema von nahezu allen öffentlich sich Äußernden betrieben wird: empörte Benennung von Missständen und Vorwurf an die jeweils ausgemachten (anderen) Schuldigen.
    Über die Qualität von „hart aber fair“ kann man sicher geteilter Meinung sein. Aber in der gestrigen Sendung wurde zumindeste ansatzweise deutlich, was den Qualitätsmangel des Integrations-Diskurses ausmacht: da niemand eine – nicht nur im Labor oder im Modellversuch funktionierende – Lösung dafür parat hat, wie aus KIndern von Unterschichtfamilien mit teilweise völlig inkompatiblen Wertvorstellungen soziale Aufsteiger werden können, belässt man es bei Problembenennung und Schuldzuweisung. Wowereit hat dies am Beispiel Buschkowsky plausibel gemacht; er selbst verfährt allerdings auch nicht anders.
    Wer sich einmal von sozialpädagogischen Familienhelferinnen hat erzählen lassen, welchen nahezu unvorstellbaren Mangel an Basic-Kompetenzen für eine „normale“ Lebensführung es in manchen Unterschichtfamilien gibt, wie schwierig es ist, in einem solchen System selbst kleine Verhaltensänderungen herbei zu führen, der kann nur sehr nachdenklich werden. Nicht auszudenken, was bedarfsgerechter Einsatz solcher Fachkräfte in allen solchen Familien kosten würde. Dazu kommen – wenn es sich um Zuwandererfamilien etwa aus der Türkei oder arabischen Ländern, aber z.B. auch aus etlichen afrikanischen Staaten handelt – in der Tat häufig fehlinterpretierte Wertvorstellungen als einziger stabiler Maßstab für richtiges/moralisches Verhalten. Es tut mir leid, das sagen zu müssen: aber hier sind auch Stadtteilmütter, die ich prinzipiell für einen der wenigen geeigneten Lösungsinstrumente halte, machtlos.
    Ich fürchte, dass unsere generell Hilflosigkeit bei Förderung sozialen Aufstiegs – besser: beim Auftauchen aus „sozialem Morast“ – uns allen dämmert. Aber wir sind nicht stark genug, uns diese Hilflosigkeit erst einmal einzugestehen. Es ist ein bisschen wie bei einem Süchtigen: solange man sich seiner Sucht nicht wirklich bewusst ist und sich dazu bekennt, gehen alle Lösungsversuche ins Leere.



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