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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010
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Studie

Muslimisches Leben in Deutschland

In Deutschland leben wesentlich mehr Muslime als bislang angenommen. Das geht aus einer neuen Studie hervor, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Auftrag der Islamkonferenz erstellt hat. Es soll am kommenden Donnerstag auf der Deutschen Islamkonferenz in Berlin vorgestellt werden.

Für die Studie wurden 6004 Personen ab 16 Jahren aus 49 muslimisch geprägten Herkunftsländern zu Religion und Integration befragt. Mit den Angaben über Haushaltsmitglieder stützt sich die Auswertung auf fast 17 000 Personen.

Muslime und Staatsbürgerschaft
Bisher ging man von etwa 3,1 bis 3,4 Millionen Muslimen aus. Die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass es bis zu 4,3 Millionen Muslime sein müssen. Die neuen, höheren Zahlen erklärt die Studie damit, dass jetzt erstmals mehr Herkunftsländer und außerdem auch die Nachkommen eingebürgerter Muslime berücksichtigt wurden.

Mehr als die Hälfte, nämlich 2,5 bis 2,7 Millionen, haben türkische Wurzeln. Je etwa 600 000 stammen aus Südosteuropa und aus arabischen Staaten. Der Erhebung zufolge haben 45 Prozent der hier lebenden Muslime ausländischer Herkunft einen deutschen Pass, 55 Prozent eine ausländische Nationalität.

Mitgliedschaften und Religiosität
Auch in Bezug auf Mitgliedschaften in Vereinen überrascht die Studie. Während vier Prozent ausschließlich Mitglied in einem herkunftsbezogenen Verein ist, ist jeder zweite Muslim ist Mitglied in einem deutschen Verein. Jeder fünfte Muslim und jede fünfte Muslima gaben eine Mitgliedschaft in religiösen Vereinen und Gemeinden an.

Ein Drittel bezeichnet sich als „stark gläubig“ und die Hälfte als „eher gläubig“. 13,6 Prozent gaben an, eher nicht oder gar nicht zu glauben. Besonders ausgeprägt ist die Religiosität bei türkischstämmigen und afrikanischen Muslimen. Mit Ausnahme der Muslime aus dem Iran und Zentralasien, halten sich die Muslime weithin an Speisevorschriften und Fastengebote, vor allem die Sunniten. 70 Prozent der Frauen tragen nie ein Kopftuch und unter den stark gläubigen Musliminnen bedeckt jede Zweite ihr Haar. Zugewanderte Muslima tragen das Kopftuch häufiger täglich (25,2 Prozent) als in Deutschland geborene (17,8 Prozent).

Bildung und Schule
Am häufigsten fürchten muslimische die Eltern um ihre Töchter bei Klassenfahrten, hier bleiben fast zehn Prozent der Musliminnen Zuhause. Von hundert Befragten gaben sieben an, ihre Töchter nicht am Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen, vier wollten ihre Mädchen vom Sexualkundeunterricht fernhalten. Das ist weniger als der Bundesdurchschnitt. 15 Prozent aller Eltern wollen ihre Töchter aus religiösen und anderen Gründen vom Sexualkundeunterricht fernhalten. Der Boykott betreffe demnach „eine Minderheit“, so die Studie. Der Großteil (76 Prozent) würde sich auf der anderen Seite freuen, wenn die Schulen einen islamischen Religionsunterricht anbieten würden.

Download: Muslimisches Leben in Deutschland

Problembereich Bildungsniveau ist laut Studie aber nicht zu übersehen: Trotz eines in der zweiten Generation feststellbaren Bildungsaufstiegs ist die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss hoch und der Anteil der Abiturienten gering. Türkische Einwanderer haben, neben solchen aus dem Nahen Osten den weitaus niedrigsten Bildungsgrad. Schlechter steht es um die Bildungsabschlüsse bei arabischen Zuwanderern. Ausschlaggebend sei nicht die Religion, sondern vor allem der Bildungsgrad der Eltern, heißt es. Gerade bei den türkischen Frauen der ersten Zuwanderergeneration lägen auf diesem Gebiet „extrem niedrige Werte“ vor.

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28 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. G.Keldermann sagt:

    @ Ekrem Senol

    Nur kurz, da ich nachher nach Izmir fliege.

    Sie haben mich im Punkt VERBÄNDE anscheinend falsch verstanden.
    Ich bin nicht der Meinung, die Verbände machen Geschäfte
    MIT Zwangsehen u.dg. , „Kelek & Co“ greifen auch die
    Verbände an, und schaden so deren Reputation bei
    Öffentlichkeit , Presse und Regierung.

    Bis Montag.

  2. […] Muslime in Deutschland als bisher angenommen SABAH und TÜRKIYE berichten über die Studie “Muslimische Leben in Deutschland” des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg (BAMF). Danach leben in […]

  3. YuKa sagt:

    Frau Keles hat auf dem Gruppenfoto der Islamkonferenz doch herrlich gestrahlt. Schließlich hatte sie ja einen Sitzplatz in der ersten Reihe. Da darf und sollte man schon stolz sein. Nicht jeder darf bzw. muss neben Schäuble und Merkel sitzen. :-))

    Manche würde gerne neben Brad Pitt oder Daniel Craig sitzen. Ich würde selbstverständlich Christian Bale vorziehen. Aber was soll’s. Irgendwie muss man ja seine Brötchen verdienen. Womit dann auch die „Nestbeschmutzerei“ (was für ein drolliger Begriff) erklärt wäre.

  4. municipal sagt:

    @ Ekrem Senol

    Gerade habe ich im Diskussionsforum einen interessanten Beitrag gefunden mit einemn Vorwurf, der so ungeheuerlich ist, das ich ihn hier einstellen möchte:

    Der User „Wallenstein“ schreibt, Zitat

    Das kann ich nur bestätigen. Ich unterrichte an einer Schule mit hohem Muslimen-Anteil. Deren Antisemitismus spottet jeder Beschreibung.

    Bei der Studie, die vor einigen Wochen vorgestellt wurde, war von einem hohen Anteil an Antisemitismus unter deutschen Schülern die Rede, was mich sehr verwunderte. Auf Anfrage bei den Verfassern der Studie in Hannover wurde mir telefonisch von einem Verfasser mitgeteilt, dass nur deutsche Schüler über das Verhältnis zu Juden befragt wurden.
    Das muss man sich mal geben. Da wurde eine Gruppe komplett
    von der Befragung ausgeschlossen. Der Hype in den Medien war groß, wie deutsche Schüler denn nur so rechts eingestellt sein können. Es wurde aber nicht hinterfragt, wer gefragt wurde und wie hoch der Anteil des Antisemitismus unter muslimischen Schülern ist.
    Ich kann nur sagen: Er ist immens und weitaus größer.

    Zitat Ende
    http://forum.spiegel.de/showthread.php?postid=4083248

    ….dass nur deutsche Schüler über das Verhältnis zu Juden befragt wurden.

    Wenn DAS stimmt, dann ist die ges. Studie in Frage zu stellen.

    Ich werde mich morgen ebenfalls tel. dort erkundigen.
    Sie, Herr Senol, sollten das auch tun.

  5. Markus Hill sagt:

    Egal, wer einen Punkt da einbringt:
    „Zitat
    Vier muslimische Dachverbände haben sich zu einen Koordinierungsrat zusammengeschlossen und wollen nun ,,mit einer Stimme‘‘ für die staatliche Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft eintreten. Damit erfüllen sie eine der Forderungen der Politik nach einem Ansprechpartner. ,,Der Koordinierungsrat bekennt sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik‘‘, heißt es in der Geschäftsordnung des Gremiums, um dann wie mit hinter dem Rücken gekreuzten Fingern hinzuzufügen: ,,Koran und Sunna des Propheten Mohammed bilden die Grundlage des Koordinierungsrates.‘‘
    Zu diesem Punkt hätte ich mir von Ihnen einen inhaltlich orientierten Kommentar gewünscht. Das erscheint mir wirklich etwas merkwürdig, Was jetzt: Demokratische Grundordnung oder Religionsvorbehalt? (Weiss, nicht Ihr Text, einfach nur einmal eine Stellungnahme zu solchen Punkten. Solche Sichtweisen förden nicht Ingegration sondern bauen eher Mauern auf.

  6. Johanna sagt:

    Bevor ich den öffentlichen Aussagen der dort vertretenen Islam-Verbände Glauben schenke, wird die Hölle überfrieren.

  7. Markus Hill sagt:

    Stimmen diese Vorwürfe oder nicht? Haben Sie das klären können?? Wäre interessant zu erfahren.

  8. delice sagt:

    „…Dies bedeutet: Die Gesetze der Bundesrepublik und die Werte des Landes gelten für Muslime nur unter einem Gottesvorbehalt. …“

    Wollte da nicht die CDU/CSU auch nicht auch den Gottes-Bezug in der „EU-Verfassung“ bzw. im neuen Lissabon-Vertrag drin stehen wissen?

  9. delice sagt:

    Das ist wohl ein leidiges Thema.

    Es gehört wohl auch zum allgemeinen Unverständnis, der bekennenden Unkenntnis und der selbstbewussten und lässigen Art so manches hier einfach, bewusst und selbstverständlich vieles wild zu vermengen.

    Der User „Wallensein“, auch noch als Lehrer, also mit einem gewissen Intellekt behaftet, was man ruhig unterstellen darf, gibt also folgendes von sich:

    „Das kann ich nur bestätigen. Ich unterrichte an einer Schule mit hohem Muslimen-Anteil. Deren Antisemitismus spottet jeder Beschreibung. …“

    Er beschreibt nicht, wer seine Schüler sind und von welchen Ländern diese kommen. Bei den deutschen Schülern wird der Hass auf alles jüdischen wohl noch höher und intensiver liegen!

    Wahrscheinlich ist der Anteil der Schüler, die einen arabischen Hintergrund haben nicht gering.

    Nun, ein Araber, sei wieder einmal gesagt, ist auch ein Semit!

    Wie also kann ein Araber denn dann noch ein Anti-Semit sein?

    Das alleine verdeutlicht – mit Verlaub – schon einen gewissen Beweis der obigen Aufreihung, kurzum auch einer selbstverliebten Dummheit. Zudem kommen diese Menschen, zumindest ist dies der Grund ihrer Eltern hier in Deutschland zu sein, wohl auch der, dass sie einfach auch Opfer einer nicht richtigen Politik Israels sind. Sie alle müssen sich mal im privaten anhören, wenn palästinensische Christen so über Israel denken und auch ohne die Schere im Kopf, also einer selbstgewählten Zensur, so aussprechen! Nur die Prügel kriegen natürlich in Deutschland immer die muslimischen Araber ab! Dabei geht die Kritik eigentlich in Richtung Zionismus, der auch von gläubigen Juden immer wieder und noch härter ausgesprochen wird! Lesen Sie einfach kritische jüdische Zeitungen und Zeitschriften, auch in deutscher Sprache! Noch härter geht es zu, wenn sie englisch oder französisch lesen können zu! Nur der verdummte deutsche Leser übt sich in selbstgewählter Zurückhaltung!

    Im türkischen gibt es sogar den Ausspruch, dass nur Freunde wagen die schmerzliche Wahrheit zu sagen.

    Außerdem ist es wohl eher ein Anti-Zionismus und ohnehin nur eine Ideologie als Import, vor allem aus Deutschland, den man dann nur übernommen hat. Araber und Juden hatten bis dahin kein Problem miteinander! Wer es genauer wissen will, braucht nur die Geschichte zu lesen, wo für Juden der muslimische Raum auch europäischen Juden in all den Jahrhunderten einen Schutzraum und Zufluchtsort geboten hatte.

  10. Markus Hill sagt:

    „Außerdem ist es wohl eher ein Anti-Zionismus und ohnehin nur eine Ideologie als Import, vor allem aus Deutschland, den man dann nur übernommen hat. Araber und Juden hatten bis dahin kein Problem miteinander! Wer es genauer wissen will, braucht nur die Geschichte zu lesen, wo für Juden der muslimische Raum auch europäischen Juden in all den Jahrhunderten einen Schutzraum und Zufluchtsort geboten hatte.“
    Ich habe einmal die spanische Geschichte verfolgt. War auch einmal in Grenada. Gelesen hatte ich, dass es zwar ein friedliches Zusammenleben gab. Bemängelt wurde jedoch, dass diesen Gruppen (Juden, Christen) nur ein irgendwie „untergeordnetes“ Verhältnis eingeräumt wurde. (Deshalb wird dieser Sachverhalte auch oft in der Diskussion weggewischt). Sollte so Sachen wie Steuerzahlung, Rechtsstand etc. betreffen.
    Mich würde interessieren, ob das Propaganda war oder sachlich zutreffend? Sie scheinen sich da intensiv mit zu beschäftigen, vielleicht wissen Sie etwas mehr.


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