
Rias-Jahresbericht
Israelbezogene Vorfälle prägen Antisemitismus-Statistik
Die Zahl antisemitischer Vorfälle stagniert in Deutschland auf sehr hohem Niveau. Besonders häufig registrierte Rias israelbezogene Fälle; sie machten 68 Prozent aller Vorfälle aus. Zugleich nimmt rechtsextremer Antisemitismus deutlich zu.
Mittwoch, 17.06.2026, 14:53 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 17.06.2026, 14:53 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
In einer Erfurter Straßenbahn wird ein Mann mit einer Davidstern-Kette von einem anderen Passagier beschimpft und verprügelt. In München schlagen zwei Passanten einen Mann, der ein T-Shirt mit aufgedrucktem Davidstern trägt. In Hessen brüllt ein Mann einem Rabbiner beim Einkaufen im Supermarkt „Free Palestine“ entgegen und schubst ihn.
Drei Beispiele aus dem Jahresbericht „Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025“ des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus Rias. Insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle hat das Netzwerk im vergangenen Jahr erfasst – von „verletzendem Verhalten“ bis zu extremer Gewalt, von „israelbezogenem Antisemitismus“ bis zu rechtsextremer Geschichtsleugnung, ob im Internet oder im täglichen Leben.
„Antisemitismus droht, sich zu normalisieren“, sagte Rias-Geschäftsführer Benjamin Steinitz bei der Vorstellung der Zahlen. „Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass sich die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft an das erschreckende Ausmaß des Antisemitismus gewöhnt hat.“ Der Bundesbeauftragte gegen Antisemitismus, Felix Klein, sagte, Antisemitismus sei für viele Jüdinnen und Juden „bitterer Alltag“. „Und genau das darf unsere Gesellschaft nicht länger hinnehmen.“
Vier Erkenntnisse aus dem Rias-Bericht:
1. Die Zahlen stagnieren auf sehr hohem Niveau
Rias ist ein Netzwerk von Meldestellen für Betroffene oder Zeugen. Erfasst werden also nicht nur strafbare Taten wie Angriffe, Bedrohungen oder Beleidigungen, sondern auch verletzende Äußerungen und Vorfälle. 2025 wurden insgesamt fast exakt so viele Fälle registriert wie 2024.
Dabei zeigt sich in einigen Kategorien ein Rückgang: Rias dokumentiert vier Fälle „extremer Gewalt“ – im Vergleich zu acht Fällen im Jahr davor. Darunter war 2025 zum Beispiel der Angriff eines Islamisten auf einen Touristen am Holocaust-Mahnmal in Berlin, wo der Täter Juden vermutete. Dazu kamen 178 andere Angriffe (im Vergleich zu 187 im Jahr davor), 257 Bedrohungen (302) und 413 gezielte Sachbeschädigungen (447).
Mehr Fälle entfielen hingegen auf die Kategorie „verletzendes Verhalten“, etwa Pöbeleien oder Schmierereien: 2025 waren es 7.770 nach 7.593 im Jahr davor. Und immer häufiger trifft Juden Hass im Internet: 2.314 auf einzelne Menschen oder Institutionen bezogene Vorfälle spielten sich online ab (2024: 1.984).
All diese Zahlen sind drastisch höher als vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023. Zum Vergleich: 2022 registrierte Rias noch insgesamt 2.610 Vorfälle, davon 2.007 Fälle von „verletzendem Verhalten“.
2. Die allermeisten Fälle haben mit dem Nahost-Konflikt zu tun
Bei der Definition von Antisemitismus folgt Rias der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Diese Arbeitsdefinition ist nicht rechtsverbindlich. Sie nennt neben klassischen antisemitischen Mustern auch Beispiele, bei denen sich Antisemitismus gegen Israel richten kann, sofern sie den Staat dämonisieren, delegitimieren oder sein Existenzrecht bestreiten. Kritiker bemängeln, die IHRA-Definition sei in zentralen Punkten zu unklar und könne dazu führen, dass harte Kritik an der israelischen Regierung, an Besatzungspolitik oder an Menschenrechtsverletzungen vorschnell als antisemitisch gewertet werde. Für die Rias-Zahlen bedeutet das: Die seit 2023 stark gestiegene Zahl israelbezogener Vorfälle spiegelt auch wider, nach welchen Kriterien Meldestellen Äußerungen, Parolen und Vorfälle einordnen.
„Die Geschehnisse im Nahen Osten, der Krieg in Gaza, das hat direkte Auswirkungen auf Antisemitismus in Deutschland“, sagte Klein. Für das vergangene Jahr qualifiziert Rias insgesamt 5.916 Fälle – wie 2024 sind es 68 Prozent aller registrierten Vorfälle – als „israelbezogenen Antisemitismus“.
Das Netzwerk wird dafür bisweilen kritisiert, dass es die Definition weit fasse und etwa Slogans auf propalästinensischen Demonstrationen mitzähle. Klein hält dagegen, vieles sei eindeutig. Rias nennt Drohungen wie „Zionazis töten“ oder „Kill all Juice“. Ein Jude aus Jena erhielt auf Facebook die Nachricht: „Hi benzona zio oinker. Don’t worry, you’ll be back in Auschwitz soon.“ „Ben zona“ steht in Hebräisch für „Hurensohn“, „Oinker“ für Schwein, Zio für Zionist. Der englische Satz heißt: „Keine Sorge, du wirst bald wieder in Auschwitz sein.“
Auch Rias weist den Vorwurf zurück. Entscheidend sei der jeweilige Kontext – etwa ob Israel als jüdischer Staat grundsätzlich delegitimiert, dämonisiert oder Jüdinnen und Juden kollektiv verantwortlich gemacht würden. Genau an dieser Grenze verläuft jedoch die fachliche und politische Auseinandersetzung.
3. Antisemitismus von Rechts nimmt zu
Die Zahl der Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund wuchs laut Rias deutlich von 562 auf 807. So bekam nach Angaben aus dem Jahresbericht in Baden-Württemberg ein Verein, der an eine von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge erinnert, eine E-Mail mit dem Wortlaut: „ich bin ein stolzer SOLDAT aus Österreich, morgen um 11 Uhr werde ich euch Besuchen, mein Gewehr will sich mit euch Unterhalten. Scheiß Juden SIEG HEIL.“
Bei einer Busfahrt in Mecklenburg-Vorpommern riefen Rechtsextremisten: „Juden an die Wand!“ In Magdeburg sprach ein Redner von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, die das deutsche Volk zersetzen solle. In Thüringen sagte ein Rechtsextremer zu Konzertbesuchern: „Ich hoffe, dass ihr in die Gaskammer kommt.“ Nur einige von etlichen Beispielen.
4. Judenhass trifft nicht nur Juden
Laut Rias waren insgesamt 1.849 Menschen von den im Jahresbericht dokumentierten Vorfällen betroffen. Davon waren 852 jüdische oder israelische Personen, dazu kommen noch einmal 345 Menschen, die „als jüdisch oder israelisch adressiert wurden“. Antisemitisch beschimpft oder attackiert wurden aber auch politische Gegner, Menschen, die in Gedenkinitiativen aktiv waren, Antisemitismusbeauftragte – oder einfach nicht-jüdische Unbeteiligte.
Klein sagte, Antisemitismus bedrohe eben nicht nur Jüdinnen und Juden. „Er bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und den moralischen Kern unserer Republik.“ Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs griff dies im „Tagesspiegel“ auf und sagte: „Wir rufen insbesondere alle Christinnen und Christen zu sichtbarer Solidarität mit unseren jüdischen Geschwistern auf.“ (dpa/mig) Aktuell Panorama
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- „Missbräuchliche Vaterschaft“ Wenn die Ausländerbehörde entscheidet, wer Vater ist!
- „Du bist nicht mehr Deutsche“ Ehe aus Kolonialzeit entscheidet über…
- Kampf gegen die Bürokratie Mein Weg von Ungarn in die deutsche Kita
- Enthüllt Interne Chats belegen Kooperation von Union und AfD…
- Frust und Zweifel Iran: Wenn der Angriff die Falschen trifft
- Baden-Württemberg Die Mär von der Protestwahl

