
Ausländerfeindliche Diskurse
Venezolaner in Chile: Zwischen Bleiben und Gehen
Erst geholt, dann zum Problem erklärt: In Chile geraten Venezolaner zwischen Wirtschaftskrise, Rechtsruck und Rückkehrdruck. Das erinnert an Deutschland, wo Migration im Wahlkampf ebenfalls schnell zur Sündenbock-Erzählung wird.
Von Malte Seiwerth Montag, 16.03.2026, 14:11 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 16.03.2026, 14:11 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
„Ich sehe meine Zukunft keinesfalls hier in Chile.“ Der Venezolaner Francisco Torres verließ seine krisengebeutelte Heimat vor neun Jahren. Nach einer langen Reise über Land kam der heute 47-Jährige in der chilenischen Hauptstadt Santiago an und konnte wenig später seine Familie nachholen. Aber so ganz angekommen sei er nie, sagt er.
„Wegen der geringen Löhne und der hohen Kosten für das Studium der Kinder haben wir schon länger überlegt, wieder auszuwandern“, erzählt der dreifache Vater. „Und jetzt noch viel mehr, da sich die Bedingungen in Venezuela geändert haben.“
Tauwetter in Venezuela, ultrarechte Regierung in Chile
Anfang des Jahres griffen die USA Venezuela an und verschleppten den autoritär regierenden Präsidenten Nicolás Maduro. Die seitdem amtierende Delcy Rodríguez hat mit der Freilassung hunderter politischer Gefangener Tauwetter eingeleitet. Gleichzeitig lässt die Aufhebung einzelner Sanktionen durch die USA die Wirtschaft des Landes aufatmen. In Chile übernimmt derweil am 11. März José Antonio Kast das Präsidentenamt. Der Ultrarechte wurde mit dem Versprechen gewählt, Hunderttausende Migranten und Migrantinnen des Landes zu verweisen.
So stellt sich für die Menschen aus Venezuela die Frage: Gehen oder bleiben? Laut Schätzungen des nationalen Migrationsdienstes leben in Chile rund 730.000 Venezolanerinnen und Venezolaner. Sie machen etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung aus und stellen die größte migrantische Gruppe. Ein Großteil von ihnen kam zwischen 2017 und 2019. Getrieben von einer tiefen Wirtschaftskrise und Repression durch Staatschef Maduro, verließen laut den Vereinten Nationen damals knapp acht Millionen Menschen das Land. Es war die größte Migrationsbewegung, die Lateinamerika bis dahin erlebt hatte.
Ausländerfeindliche Diskurse
Maria Perdigon verließ Venezuela ebenfalls zu jener Zeit und ließ ihren Sohn bei ihren Eltern. 2020 erreichte sie endlich Chile. Dort angekommen, arbeitete sie viel, um ihren Sohn zu sich zu holen und die Eltern zu unterstützen. „Ich hätte es sonst nicht verkraften können, sie zurückgelassen zu haben“, erzählt die 31-Jährige, die mittlerweile ihren Sohn bei sich hat und in einem Kiezladen arbeitet.
Die rechte chilenische Regierung von Präsident Sebastián Piñera, die bis 2022 an der Macht war, ermöglichte den Migrantinnen und Migranten aus dem offiziell sozialistisch regierten Venezuela die Einreise mit einem speziellen Visum. Doch vielen Menschen in Chile waren sie nicht willkommen. In ausländerfeindlichen Diskursen, besonders zu Wahlkampfzeiten, wurden die Venezolaner für gefühlte oder tatsächliche Probleme verantwortlich gemacht.
Venezolaner oft am Rande der Gesellschaft
Der chilenische Soziologe Nicolás Gissi spricht dabei von einem „Sündenbock“-Phänomen. Ein Gefühl von steigender Kriminalität, das durch die Statistik kaum belegbar ist, sei mit Migranten aus Venezuela in Verbindung gebracht worden, schreibt der Soziologe. Die Menschen lebten häufig am Rand der Gesellschaft. Nur zwei Drittel von ihnen haben Aufenthaltspapiere und viele können keinen regulären Job ausüben.
Nun stimmt der Amtsantritt des rechten Kast Torres und Perdigon unruhig. „Kast wird das Land stärker machen, das ist gut“, sagt Perdigon. Aber für sich selbst sieht sie keine Zukunft in Chile. Der neue Präsident werde sie früher oder später des Landes verweisen, denkt sie. „Ich habe mein Erspartes und werde damit in Venezuela ein Haus kaufen.“
Misstrauen gegenüber künftigem Präsidenten Kast
Sie könnte recht haben. Denn direkt nach seiner Wahl kündigte Kast einen „humanitären Korridor“ an, durch den 300.000 Venezolanerinnen und Venezolaner in ihre Heimat zurückkehren sollen. Allerdings scheiterten erste Gespräche mit den Nachbarländern. Und auch die Landwirtschaftsverbände, die von der billigen Arbeitskraft profitieren, baten Kast, nicht so rigoros gegen die Migranten vorzugehen.
Auch Torres traut dem ultrarechten Kast nicht. Er arbeite als Installateur von Klimaanlagen und habe ein kleines Unternehmen aufgebaut. „Wir leben legal, aber man weiß nie, welche Gesetze Kast erlassen wird.“ (epd/mig) Aktuell Ausland
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