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Kind schläft (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

Kind der Besatzungszeit

Rassismus vom ersten Lebenstag an

Kinder von alliierten Soldaten und deutschen Frauen wurden in der Nachkriegszeit oft ausgegrenzt. Viele erlebten Rassismus. Als Erwachsene machten sich Frauen wie Ingrid Gade auf die Suche nach ihren Vätern.

Von Dienstag, 24.02.2026, 10:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 24.02.2026, 9:38 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Sie trugen oft deutsche Namen, doch ihr Aussehen hob sie vom Durchschnitt der Kinder und Jugendlichen im Deutschland der Nachkriegszeit ab: Weil ihre Väter schwarze US-Soldaten waren, erlebten viele Kinder wegen ihrer Hautfarbe Rassismus und wurden als Nachwuchs von Besatzungssoldaten verunglimpft. Vor 80 Jahren, im Laufe des Jahres 1946, kamen viele der knapp 5.000 Jungen und Mädchen zur Welt.

Eine von ihnen war Ingrid Renate Gade, geboren 1946 im baden-württembergischen Kirchheim unter Teck und zwischenzeitlich bereits verstorben. Ihre Mutter war zum Zeitpunkt der Schwangerschaft 20 Jahre alt und verlobt mit dem Sohn einer Industriellenfamilie, hatte aber eine Affäre mit einem gleichaltrigen US-Soldaten, einem Afroamerikaner, der wie viele Besatzungssoldaten bald Deutschland verließ.

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„Ich. Ingrid. Eine Katastrophe“

Das Baby hatte statt der erhofften hellen Haut und blonden Haare „braune Hautfarbe, schwarze Kringellocken“, wie Gade in ihrer Autobiografie schreibt. „Ich. Ingrid. Eine Katastrophe“, heißt es dort weiter: „Es gab wohl kaum ein Lebewesen, das man in diesem noch voller Nazis steckenden, zerstörten Nachkriegsdeutschland weniger wollte als ein schwarzes Kind.“

Die Familie des Verlobten verlangte noch am Tag der Geburt von Ingrids Mutter, das Baby wegzugeben – und die junge Frau fügte sich. Gade schreibt im Rückblick: „Einen einzigen Tag erst war ich auf dieser Welt, da begann bereits meine unendlich schmerzhafte Odyssee durch Heime und eine Privatpflege.“

Schläge und Mangelernährung

In der Pflegefamilie, in die sie 1949 kommt, erfährt Ingrid eine lieblose Umgebung: Schläge, Mangelernährung, Herabwürdigung und Diskriminierung. Eine Nachbarin schaltet schließlich das Jugendamt ein. Knapp sechsjährig kommt Ingrid ins Heim, doch auch dort erfährt sie Gewalt, Vernachlässigung, Rassismus, sexualisierte Übergriffe.

Der Titel ihrer Autobiografie „Gib mir einen …kuss!“, der das rassistische N-Wort ausgeschrieben benutzt, rührt von einer Erfahrung als Jugendliche her, als ihr ein deutlich älterer Mann mit genau diesen Worten nachstellt.

Suche nach dem Vater

Ein Kontakt zur leiblichen Mutter besteht all die Jahre, doch die Beziehung ist belastet. Schon früh sehnt sich Ingrid Gade nach ihrem unbekannten leiblichen Vater. Sie beginnt ihn zu suchen – und hat Glück: Er lebt noch, sie findet ihn und sie finden zueinander.

Damit ist Gade eine große Ausnahme bei den „GI Babies“, wie sich die Kinder von US-Soldaten und deutschen Müttern selbst nennen. Die werden auch nach Ende der Besatzungszeit geboren, denn bis heute sind US-Soldaten in Deutschland stationiert. Jennifer Battenfeld vom Verein „GI Babies Germany“ erklärt im Gespräch mit dem „Evangelischen Pressedienst“, ein echter Kontakt zwischen Vater und Kind sei selten: „Viele überschätzen, was ein Kennenlernen wirklich bedeutet – oft bleibt es ein fremder Mensch.“ Gerade wenn der Vater eine Familie in den USA habe, sei der Beziehungsaufbau oft schwierig.

Verheiratet und verlobt zugleich

„Manchmal klappt eine Beziehung eher mit Halbgeschwistern“, sagt die 1977 geborene Deutsch-Amerikanerin, die weiß, wovon sie spricht: Ihr Vater gehöre zu den First Nations in den USA, sie kenne ihn nicht, obwohl auch sie sich auf die Suche nach ihm gemacht habe. Battenfelds Eltern waren nach ihren Worten zwei Jahre zusammen und verlobt. „Er hat aber verschwiegen, dass er in den USA verheiratet war. Als er nach seinem Einsatz ging, versprach er, erst ein Haus zu suchen und sie nachzuholen. Als meine Mutter nichts mehr von ihm hörte, rief sie an – und seine Frau meldete sich“, fasst sie ihre Familiengeschichte zusammen.

Battenfeld betätigt sich bei „GI Babies Germany“ als „Search Angel“: Sie hilft anderen bei der Suche nach ihren Vätern, die als US-Soldaten zeitweise in Deutschland lebten. Fast alle „Search Angels“ seien selbst betroffen. „Nur so kann man wirklich mitfühlen, was andere erleben“, sagt sie. „Aber jede Suche heute reißt meine eigenen Wunden auf.“

„Alltägliche Demütigung“

Die Historikerin Silke Satjukow von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat sich wissenschaftlich mit dem Thema Kriegs- und Besatzungskinder befasst. Im Gespräch erklärt sie: „Auf der einen Seite war die alltägliche Demütigung schlimm, auf der anderen Seite haben sie allmählich Fuß gefasst und sind in der Gesellschaft angekommen. Das war allerdings für die schwarzen Kinder sehr viel schwerer.“

Als historisches Beispiel nennt Satjukow etwa einen Lehrer im baden-württembergischen Ladenburg, der einem schwarzen Schulanfänger einen Platz ganz hinten und ganz alleine im Klassenzimmer zugewiesen habe. Noch in den 60er Jahren hätten viele es abgelehnt, dass Schwarze beispielsweise in Frisiersalons arbeiteten: „’Die Kundschaft wünscht sich das nicht‘, hieß es dann immer wieder.“

Aber, so erklärt die Geschichtsprofessorin, „im alltäglichen Nahkontakt fing man an, sich anzunähern“. Mit der Zeit habe es Menschen gegeben, „die einfach menschlich handelten: ‚Was können denn die Kleinen dafür?’“ Und schließlich sei mit der 1968er Bewegung und der Thematisierung der eigenen Verantwortung im Nationalsozialismus Bewegung in den Diskurs „Wir und die Fremden“ gekommen. (epd/mig) Aktuell Panorama

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