
Skandale, Tabubrüche, Aufreger
Flood the zone with shit
Skandale, Tabubrüche, immer neue Aufreger: Wer den öffentlichen Raum mit Dauerlärm überflutet, nimmt uns Orientierung – und verschiebt nebenbei die Grenzen des Sag- und Machbaren. Was hilft dagegen?
Von Joachim Glaubitz Donnerstag, 12.02.2026, 16:18 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 12.02.2026, 16:18 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Was wir aktuell tagtäglich erleben, lässt sich unter dem Phänomen „flood the zone with shit“, im Sinne medialer Taktik und als langfristige Strategie politisch-ökonomischer Machtausübung, ausgesprochen gut zusammenfassen. Die Grundidee (u. a. Steve Bannon zugeschrieben) besteht darin, den öffentlichen Raum mit einer solchen Menge an widersprüchlichen, skandalisierenden oder extremen Forderungen zu überfluten, dass Orientierung, Priorisierung und Widerstand systematisch erschwert werden. Wahrheit, Zumutbarkeit und politische Machbarkeit verschwimmen.
Es geht nicht darum, eine einzelne Lüge durchzusetzen, sondern darum, den gemeinsamen Referenzrahmen aufzulösen. Wenn alles gleichzeitig behauptet, dementiert, eingeordnet und skandalisiert wird, verlieren wir die Möglichkeit, klar zu unterscheiden, was real geplant ist, was bewusst provoziert wird und was reine Ablenkung darstellt. Dinge erscheinen zugleich als möglich, als überzogen, als taktisch gestreut oder als gelogen. In der Folge halten wir vieles gleichzeitig für wahr und für falsch – nicht aus reflektierter Skepsis, sondern aus Überforderung.
Diese epistemische Desorientierung bildet die Voraussetzung für den zweiten Effekt: die politische Erprobung von Grenzverschiebungen. Genau das erleben wir derzeit auch in Deutschland. Forderungen nach der Abschaffung des Acht-Stunden-Tages oder der Teilzeit-Arbeit, Leistungskürzungen im Gesundheitswesen (etwa bei zahnärztlichen Leistungen), eine Erhöhung des Rentenalters oder eine weitergehende Deregulierung der Arbeitsmärkte erscheinen nicht isoliert, sondern als Teil einer Kaskade. Dabei geht es nicht darum, dass diese Vorstellungen wirklich direkt umgesetzt werden. Entscheidend ist ihre Funktion als Testballons: Wie groß ist der Widerstand? Wo liegt die Schmerzgrenze? Und noch zentraler: Wie schnell setzt Gewöhnung ein?
Hier greift der Overton-Window-Ansatz: Was heute noch als radikal oder unvorstellbar gilt, kann durch permanente Wiederholung und Vergleich mit noch drastischeren Vorschlägen morgen als „vernünftig“ oder gar als „Kompromiss“ erscheinen. In dieser Logik wirkt die Idee, die Rente stärker privat abzusichern, plötzlich wie ein längst überflüssiger Schritt – nicht, weil das sozial gerecht wäre, sondern weil der Referenzrahmen systematisch verschoben wurde.
„Krisen – reale oder kommunikativ erzeugte – werden genutzt, um neoliberale Umverteilungs- und Abbauprogramme durchzusetzen, die unter stabilen Bedingungen kaum mehrheitsfähig wären.“
Ein sehr ähnlicher Mechanismus lässt sich seit Jahren bei Diskursstrategien der extremen Rechten beobachten – und er funktioniert dort erschreckend erfolgreich. Begriffe wie „Remigration“ sind dafür exemplarisch. Der Begriff fungiert nicht nur als Code für massenhafte gewaltvolle Abschiebungen, sondern als Mittel zur Verschiebung des Diskursrahmens. War er einst Anlass dafür, dass Millionen Menschen auf die Straße gingen und für Demokratie demonstrierten, findet er sich heute ohne großes Aufsehen auf Wahlplakaten oder im Programmentwurf der AfD Sachsen-Anhalt für die Landtagswahlen 2026.
Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Lähmung durch Überforderung. Die Gleichzeitigkeit globaler Krisen – Ukrainekrieg, Iran, Rojava, Epstein-Komplex, ICE, Klimakrise, autoritäre Verschiebungen – erzeugt einen Zustand permanenter Alarmbereitschaft. Wenn alles gleichzeitig brennt, wird Handlungsfähigkeit fragmentiert oder vollständig blockiert. Das eröffnet Räume.
Naomi Klein hat diesen Mechanismus in ihrem Buch „Die Schock-Strategie“ beschrieben: Krisen – reale oder kommunikativ erzeugte – werden genutzt, um neoliberale Umverteilungs- und Abbauprogramme durchzusetzen, die unter stabilen Bedingungen kaum mehrheitsfähig wären. Neu ist heute vor allem die Dauerhaftigkeit des Ausnahmezustands. Der Schock endet nicht mehr, er wird zum Normalzustand.
Deshalb ist es zentral, den Blick auf das zu richten, was unter all dem liegt und langfristig zerstörerisch wirkt: ein System kapitalistischer Wertschöpfung, inklusive der damit verbundenen Macht-, Eigentums- und Abhängigkeitsverhältnisse. Es geht nicht um einzelne politische Fehlentscheidungen, sondern um eine strukturelle Logik, die Profite systematisch über Grundbedürfnisse, ökologische Grenzen und menschliche Würde stellt. Die aktuellen Debatten sind Symptome – nicht die Ursache.
Wenn es gelingt, das verbindende Element hinter diesen unterschiedlichen Krisen zu erkennen – die gemeinsamen Machtlogiken, ökonomischen Interessen und Formen struktureller Gewalt –, dann können und müssen auch die verschiedenen Kämpfe und Widerstände miteinander verbunden werden. Das bedeutet, aus der Vereinzelung herauszukommen und strategischer, koordinierter und organisierter zu agieren: im Großen wie im Kleinen. Nicht jeder Konflikt ist derselbe, aber viele folgen derselben Logik.
„Die Strategie des Überflutens lebt davon, dass alles isoliert erscheint: hier eine Sozialdebatte, dort eine Migrationsfrage, anderswo ein geopolitischer Konflikt.“
Diese Verbindung ist entscheidend, um dem Zersplitterungseffekt von flood the zone with shit etwas entgegenzusetzen. Denn die Strategie des Überflutens lebt davon, dass alles isoliert erscheint: hier eine Sozialdebatte, dort eine Migrationsfrage, anderswo ein geopolitischer Konflikt. Werden diese Felder jedoch als Ausdruck einer gemeinsamen strukturellen Dynamik verstanden, entsteht wieder Orientierung – und mit ihr die Möglichkeit kollektiven Handelns.
Eine Nummer kleiner, aber praktisch entscheidend, bedeutet das zweierlei:
Erstens: Begrenzung statt Totalzuständigkeit im eigenen Handeln verbunden mit dem Aufbau von Netzwerken. Die bewusste Konzentration auf ausgewählte Themen, an denen wir tatsächlich handlungsfähig sind, ermöglicht Wirksamkeit. Die Vernetzung der verschiedenen Themenfelder ermöglicht es, Gemeinsamkeiten zu finden, Strategien zu entwickeln und Stärke zu gewinnen.
Zweitens – und vielleicht noch wichtiger: Empathie, gegenseitiger Respekt und Solidarität in unseren unmittelbaren privaten und beruflichen Einflusssphären. Wenn das große System auf Vereinzelung, Konkurrenz und Abstumpfung setzt, dann sind Beziehung, Fürsorge und kollektive Praxis keine „weichen Werte“, sondern politischer Widerstand im Alltag.
Oder anders gesagt: Gegen das Überfluten hilft nicht noch mehr Wasser, sondern Orientierung, Verbundenheit, Mut, an den Stellen anzusetzen, an denen wir tatsächlich etwas verändern können, und gemeinsames Handeln. (mig) Meinung
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