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Arbeit in einer Firma (Symbolfoto) © 123rf.com

Auf der Baustelle

Eine Brille ist oft mehr als Augenschutz

Wer auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in der Logistik arbeitet, ist oft stundenlang Sonne, Staub und Wind ausgesetzt. Gerade Beschäftigte mit Migrationserfahrung sind in diesen Berufen überdurchschnittlich vertreten – doch beim Schutz der Augen wird in der Praxis zu oft geschludert.

Dienstag, 10.02.2026, 0:14 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 11.02.2026, 19:18 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Wenn die Sonne tief steht, reicht ein kurzer Blick über eine Baustelle, um zu verstehen, warum Augen im Alltag „mitarbeiten“ müssen: Staub wirbelt auf, metallische Flächen spiegeln, helle Fassaden blenden. Viele kneifen die Lider zusammen, statt konsequent eine passende Schutzbrille zu tragen. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn was wie ein Komfortproblem wirkt, ist in vielen körperlichen Berufen eine Sicherheits- und Gesundheitsfrage.

Das Thema hat auch eine soziale Seite. Menschen mit Migrationserfahrung sind in vielen körpernahen Branchen stark vertreten. Nach Auswertungen, die sich auf den Mikrozensus beziehen, liegt der Anteil im Baugewerbe besonders hoch. Wer hier über Arbeitsbedingungen, Teilhabe und faire Standards spricht, kommt an Arbeitsschutz nicht vorbei – und dazu gehört auch der Schutz der Augen.

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Sonne, Staub, Splitter: Warum Augen besonders gefährdet sind

Auf dem Bau und in Outdoor-Jobs kommen Belastungen oft im Paket: grelles Licht, UV-Strahlung, Staub, Wind, kleine Partikel beim Bohren, Schleifen oder Trennen. Manchmal genügt ein Moment, in dem etwas vom Boden hochschlägt – und aus Routine wird eine Verletzung. Hierbei geht es nicht um schicke Oakley Sonnenbrillen, sondern um Arbeitsschutz im klassisch verstandenen Sinne.

Gleichzeitig ist die Gefahr schleichend. UV-Strahlung gilt als Risikofaktor für Augenerkrankungen wie den Grauen Star. Wer täglich im Freien arbeitet, sammelt über Jahre eine Belastung an, die sich erst später bemerkbar machen kann: häufige Reizungen, stärkere Blendempfindlichkeit, langfristig Probleme mit der Linse. Augenschutz ist deshalb nicht nur eine Frage von „besser sehen“, sondern auch von Vorsorge.

Arbeitsschutz ist Pflicht – aber nicht immer Alltag

Rechtlich ist die Richtung klar: Wenn Gefährdungen nicht anders ausreichend reduziert werden können, muss der Arbeitgeber geeigneten Augen- und Gesichtsschutz bereitstellen. Darauf verweisen die Regeln der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) – inklusive Gefährdungsbeurteilung und passender Auswahl der Schutzausrüstung. Berufsgenossenschaften betonen außerdem: Es soll nur zertifizierter Augen- und Gesichtsschutz (CE-Kennzeichnung) eingesetzt werden, und es braucht klare Vorgaben, wo er zu tragen ist.

In der Realität klaffen Anspruch und Alltag dennoch auseinander – aus Gründen, die viele Betriebe kennen:

  • Zeit- und Kostendruck: „Nur kurz“ ohne Brille zu schneiden oder zu bohren, ist eine typische Abkürzung, die sich einschleicht.
  • Schlechte Passform: Brillen verrutschen, beschlagen, drücken – besonders in Kombination mit Helm, Gehörschutz oder Staubmaske.
  • Informationslücken: Wer neu im Team ist, schnell eingesetzt wird oder Sprachbarrieren hat, bekommt Regeln manchmal nur nebenbei mit.
  • Scheu, „aufzufallen“: Wer sich im Betrieb erst beweisen muss, fragt seltener nach oder besteht nicht auf Ausstattung.

Das ist weniger eine Frage individueller „Vernunft“ als von Struktur: Arbeitsschutz funktioniert nicht über Plakate, sondern über Routine – bereitstellen, erklären, üben, kontrollieren.

Warum das besonders oft Menschen mit Migrationserfahrung betrifft

Dass viele Beschäftigte mit Migrationserfahrung in Branchen mit körperlicher Arbeit vertreten sind, ist gut dokumentiert – etwa für Bau, Reinigung, Lebensmittelproduktion oder Gastronomie. Entscheidend ist, was daraus folgt: Wo Menschen häufiger in Jobs arbeiten, die draußen stattfinden oder mit Staub und Partikeln zu tun haben, steigt die Bedeutung von UV-Schutz, Augen- und Gesichtsschutz.

Hinzu kommt: In Bereichen mit Subunternehmen, wechselnden Teams und kurzfristigen Einsätzen wird Sicherheitskultur schnell zur „Mitlaufaufgabe“. Wer heute hier und morgen dort arbeitet, hat weniger Gelegenheit, Standards einzufordern. Teilhabe im Arbeitsleben heißt aber auch: Das Recht, gesund zu bleiben, darf nicht davon abhängen, wie sicher die eigene Position ist.

Sonnenbrille ist keine Schutzbrille

Ein häufiger Irrtum: Eine dunkle Sonnenbrille sei automatisch „Augenschutz“. Bei Arbeitsschutz geht es jedoch oft um mechanische Gefährdungen (Splitter, Staub), Funkenflug oder Chemikalien – und dafür braucht es passende Schutzbrillen. Berufsgenossenschaften weisen darauf hin, dass Schutzstufen und Anforderungen je nach Tätigkeit variieren und Gefährdungen kombiniert auftreten können.

Praktisch heißt das: Wer Staub oder Partikel abbekommen kann, braucht Modelle, die seitlich gut abschirmen. Wer in praller Sonne arbeitet, braucht zusätzlich verlässlichen UV-Schutz. Und bei Funkenflug gelten andere Anforderungen als beim Arbeiten im Freien ohne mechanische Risiken. Je klarer Betriebe das trennen und passende Ausrüstung bereitstellen, desto weniger greifen Beschäftigte zu irgendeiner „Brille von unterwegs“, die im Zweifel mehr blendet als schützt.

Schutz ist Teilhabe

Die Debatte um Arbeitsmigration dreht sich oft um Fachkräfte, Zahlen und Engpässe. Aber wer will, dass Menschen bleiben, sich etwas aufbauen und dazugehören, muss über das sprechen, was Arbeit im Alltag bedeutet: Gesundheitsschutz, Respekt, klare Regeln, verlässliche Ausstattung.

Augenschutz ist ein gutes Beispiel, weil er sofort sichtbar macht, ob Sicherheit als Kultur oder als Kostenpunkt behandelt wird. Die Regeln sind bekannt. Entscheidend ist, ob sie überall konsequent umgesetzt werden. Eine Schutzbrille ist kein Luxus. Sie ist Alltagssicherheit – und für viele, die körperlich arbeiten, eine Frage der Fairness. (bg) Panorama

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