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Vorort von Damaskus/Syrien im Oktober 2025 © Dylan Collins/AFP

Syriens vergessene Familien

Aufgewachsen im Lager – ohne Papiere und Bildung

Immer mehr Menschen aus den berüchtigten IS-Lagern im Nordosten Syriens kehren zurück an ihre Heimatorte. Doch das Misstrauen ist groß. Wie gelingt die Reintegration nach Jahren der Isolation?

Von und Sonntag, 30.11.2025, 10:33 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 30.11.2025, 8:47 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

In Ost-Aleppo in Nordsyrien haftet der Staub der Vergangenheit an allem. Der Schmutz zertrümmerter Häuser, der schwere Geruch von Benzin und Diesel sowie der Staub der Straße bilden ein Gemisch aus feinsten Partikeln, die sich mit jedem Atemzug tiefer in die Lungen der Passanten fressen. Unter jedem Schritt knirschen Steine, Splitter oder Müllreste. Der Krieg ist hier bis heute in jeder Bewegung zu spüren.

In einem dunklen Treppenhaus im zweiten Stock öffnet Fatma die Tür zu ihrer Wohnung. Wie ein dunkler Schatten steht sie im Rahmen – komplett schwarz verhüllt. Lediglich ihr Umriss ist zu erkennen. Im einfallenden Lichtkegel sind ihre Augen zu sehen, umrahmt von einer Brille, umhüllt von einem Schleier.

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„Ich war überzeugt“

„Bis heute werden wir beschuldigt, dem IS anzugehören, obwohl wir nicht dazugehörten“, sagt die 45-Jährige. Im Wohnzimmer sitzt sie auf einer dünnen Matratze auf dem Boden, die Hände im Schoß. Bis Ende Juli hat sie mit ihren sieben Kindern im berüchtigten Al-Hol-Camp im Nordosten Syriens in einem Zelt gelebt. Ihr achtes Kind hat nicht überlebt. Als sie vor sechs Jahren im Lager ankamen, war das damals Neugeborene erst zehn Tage alt. Hajar starb nach einem Jahr.

Vor allem Angehörige von Kämpfern der Terrormiliz IS sind bis heute im Al-Hol-Camp und ähnlichen Lagern im Nordosten Syriens untergebracht. Sie kamen aus Städten, die der IS zuvor brutal zerstört hatte. Ihren Mann hat Fatma das letzte Mal im Januar 2019 gesehen, kurz bevor der IS als militärisch besiegt erklärt wurde. Die Kurden hätten ihn mitgenommen. Nie wieder habe sie von ihm gehört. Dass sie oder ihr Mann der Terrormiliz angehörten haben sollen, bestreitet sie.

Lediglich die Kleidung gefalle ihr. „Ich glaube an das, was ich trage“, sagt Fatma. Es gebe ihr ein Gefühl von Anstand und Keuschheit. Früher habe sie sich nicht so gekleidet. Als „der Staat“, wie sie die Terrororganisation nennt, die Kleidung eingeführt habe, habe sie ihr gefallen. „Ich war überzeugt“, sagt sie.

Die von den USA unterstützten und kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) führen bis heute den Kampf gegen den IS in Syrien an und sind auch für die Lager verantwortlich.

„Welpen des Kalifats“

Das Al-Hol-Camp wird oft als „tickende Zeitbombe“ beschrieben – ein Ort, an dem die Ideologie der Extremisten wachsen und gedeihen kann, fernab von Realität und Bildung. Im Camp übe die Terrororganisation weiter Einfluss auf die Bewohner aus, sagt auch Direktorin Dschihan Hanan. „Die Bewohner bekommen ihre Anweisungen von außen“, sagt sie.

Die Kinder würden darauf vorbereitet werden, zukünftige Kämpfer zu werden, berichtet eine der kurdischen Verantwortlichen im Lager, die anonym bleiben will. Sie seien die „Welpen des Kalifats“. Im Al-Hol-Camp käme es immer wieder zu Morden, Vergewaltigungen und Angriffen. IS-Zellen aus dem Außen würden dazu anstiften. Bei Razzien würden Leichen gefunden werden. Immer wieder würden auch Waffen reingeschmuggelt. Diejenigen, die sich vom IS lossagen wollten, lebten weiter unter seinem Schatten. Wer sich den Kleidungsregeln verweigere, werde mit dem Tod bedroht.

Mit dem Sturz von Langzeitmachthaber Baschar al-Assad im vergangenen Jahr hat sich in Syrien auch die Frage gestellt, wie es mit den Lagern und den IS-Überbleibseln weitergehen soll: Auflösen oder weiter von der Gesellschaft abschotten?

Aufgewachsen im Lager

In Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen hat die nicht-staatliche Stabilisierungsunterstützungseinheit (SSU) sogenannte Hoffnungs-Konvois gestartet. Sie bringen syrische Familien aus den Lagern zurück an ihre Heimatorte. Doch das Misstrauen ist groß.

Als der erste Konvoi in Aleppo einrollte, habe es Kritik und Hass gegeben. Viele wollten die Menschen aus den Lagern nicht in ihrer Nachbarschaft, sagt SSU-Direktor Munser Al-Salal. Doch mittlerweile habe sich das Bild geändert, es gebe immer mehr Verständnis. Viele forderten heute sogar selbst die Auflösung der Camps, damit die Ideologie keinen weiteren Nährboden habe.

Viele der Kinder kennen nichts anderes als das Lager. Als die ersten Busse gen Aleppo aufbrachen, staunten sie über die Realitäten der Gegenwart. Wohnhäuser und -gebäude, so etwas hatten sie noch nie gesehen. Auch Bäume und Natur gab es in dem Wüstengebiet um das Camp nahe der irakischen Grenzen so gut wie gar nicht. Zu sehen sind die Einblicke auf Handyvideos der NGO-Mitarbeiter.

Die Bildung der Kinder und der Anschluss der Familien an die Gesellschaft, sei das wichtigste und zugleich die größte Herausforderung, sagt al-Salal. Auch Lehrer und Schulen hätten Vorurteile gegenüber den Kindern. Doch im Krieg sei es eben oft so, dass sich Menschen den Stärkeren anschlössen, um sich selbst zu schützen.

Gefangen im Flüchtlingslager

Auch die 29-jährige Sainab ist vor kurzem aus dem Al-Hol-Camp zurück nach Aleppo gekommen. Sechs Jahre lebte sie mit ihren vier Kindern in dem Lager, das offiziell als Flüchtlingslager bezeichnet wird, in der Realität von den Einwohnern aber als eine Art Gefängnis beschrieben wird.

Sainabs Mann starb im Beschuss in Baghus, der letzten IS-Bastion Syriens. Ein IS-Kämpfer sei er nicht gewesen. Er habe lediglich für sie gearbeitet, sagt sie. Sie selbst habe sich damals schließlich den SDF ergeben. Rund 70.000 Flüchtlinge wurden nach der Schlacht in Baghus in das Al-Hol-Camp gebracht. Hilfsorganisationen sprachen schon damals von katastrophalen humanitären Bedingungen.

Ohne Papiere und Bildung

Die Dschihadisten kontrollierten zuvor große Teile Syriens und des Iraks. Heute gilt die Terrororganisation als militärisch besiegt. Einzelne Zellen sind aber weiter aktiv.

Ausweispapiere hat Sainab nicht, weder für sich noch für ihre Kinder. Die SSU helfe ihr dabei, Geburtsurkunden zu bekommen. Zur Schule gingen ihre Kinder bisher aber nicht. Ihre Kinder im Alter von sechs bis 12 Jahren könnten heute kaum lesen und schreiben.

Ähnlich geht es Hiba und ihren drei Kindern. „Die Schulen im Lager waren schrecklich“, sagt die 43-Jährige. Sie sitzt neben ihrer 22 Jahre alten Tochter Ghalia im Haus ihres Bruders, wo sie untergekommen sind nach dem Leben im Al-Hol-Camp. Auch sie sind voll verschleiert, tragen schwarze Handschuhe, um auch ihre Hände zu bedecken. Wer sich hinter dem Schleier verbirgt, lässt sich nur anhand der Stimmen erkennen. Zwischen ihnen sitzt die jüngste Tochter Maria. Sie ist sieben Jahre alt, trägt ein rotes Kopftuch, rosa Pullover und eine Jeans. Wenn sie groß ist, so sagt sie, möchte sie sich wie ihre Schwester und ihre Mutter kleiden.

Hiba hofft auf ein unabhängiges Leben. Sie will Bildung für ihre Kinder. Das sei alles, was nun für sie zähle. Ghalia besuche einen Krankenpflege-Kurs. Maria möchte einmal Ärztin werden. (dpa/mig) Aktuell Ausland

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