
Bootsunglücke
Binnen eines Tages sterben dutzende Geflüchtete auf drei Seewegen
19 Tote vor Lampedusa, 19 Tote vor der türkischen Küste, zwei Tote am Ärmelkanal: Drei Katastrophen an nur einem Tag machen sichtbar, dass gefährliche Überfahrten nicht enden, sondern immer tödlicher werden.
Montag, 06.04.2026, 15:35 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 06.04.2026, 15:35 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Ein Tag wie ein Albtraum: Kurz vor den Ostertagen gab es vor der italienischen Insel Lampedusa, vor der Küste der Südwesttürkei und am Ärmelkanal binnen eines Tages drei tödliche Bootsunglücke. Vor Lampedusa wurden bei der Rettung eines Geflüchtetenbootes mehr als ein Dutzend Tote geborgen. Wie die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf die Küstenwache meldete, entdeckten die Einsatzkräfte am Mittwoch vergangener Woche 19 Tote sowie 5 Menschen in kritischem Zustand auf dem kleinen Boot. Zudem fanden sie 58 Überlebende.
Ein Patrouillenboot der Küstenwache hatte Angaben zufolge in den frühen Morgenstunden den Rettungseinsatz etwa 85 Seemeilen vor Lampedusa begonnen. Auf dem Boot fanden die Einsatzkräfte dann die Leichen mehrerer Menschen sowie Personen in kritischem Zustand. Ansa meldete, die Gruppe sei vor wenigen Tagen von der libyschen Küste aus Richtung Europa aufgebrochen. Während der Überfahrt hätten sich die Wetterbedingungen mit starkem Wind und durchgängigem Regen bei etwa zehn Grad allerdings verschlechtert. Möglicherweise könnte Unterkühlung die Todesursache sein.
Boot mit Geflüchteten kentert vor Türkei – mindestens 19 Tote
Vor der Küste der Südwesttürkei sank am selben Tag ein Schlauchboot mit Geflüchteten an Bord. Mindestens 19 Menschen seien nahe dem Touristenort Bodrum ums Leben gekommen, teilte die türkische Küstenwache mit. 21 Menschen konnten demnach gerettet werden – eine Person starb wenig später im Krankenhaus.
Den Angaben zufolge sank das Schlauchboot, nachdem es zunächst versucht hatte, einem Küstenwachenschiff zu entgehen, das die Gruppe aufgefordert hatte, anzuhalten, wie die Küstenwache auf ihrer Webseite schrieb. Das Boot kenterte demnach während der Verfolgungsjagd, weil aufgrund von „starkem Wind und Seegang“ Wasser hineingeraten war. Wie viele Menschen sich genau auf dem Boot befunden haben, sei unklar. Der Gouverneur von Mugla sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu, alle Insassen des Bootes hätten die afghanische Staatsangehörigkeit gehabt.
Zwei Geflüchtete sterben bei Überfahrt nach Großbritannien
Am selben Tag kamen an der nordfranzösischen Küste zwei Geflüchtete bei der versuchten Überfahrt nach Großbritannien ums Leben. Eine weitere Person sei unterkühlt in eine Klinik nach Dunkerque gebracht worden, teilte die Präfektur mit. Rund 30 Menschen hätten vor dem Strand von Gravelines versucht, auf ein großes Schlauchboot zu gelangen. Viele standen dabei bis zu den Schultern im kalten Wasser oder rutschten von dem Boot wieder herunter. Französische Rettungskräfte bargen acht der Geflüchteten.
In großer Zahl überqueren Menschen seit Jahren von Nordfrankreich aus in kleinen Booten den Ärmelkanal, um Großbritannien zu erreichen. London versucht seit längerem, die Fluchtbewegungen auch mit französischer Hilfe einzudämmen und zahlt dafür Millionensummen an Paris. Ein entsprechender Vertrag zwischen beiden Ländern wurde kürzlich zunächst für zwei Monate verlängert, während Gespräche über dessen künftige Ausgestaltung andauern.
Tödliche Routen
Knapp 41.500 Menschen erreichten nach britischen Angaben im vergangenen Jahr nach der gefährlichen Überfahrt über die Meerenge Großbritannien. Dort werden die Migration und Maßnahmen zu ihrer Begrenzung seit langem hitzig debattiert. Rechtspopulisten und Konservative forderten zuletzt ein härteres Vorgehen.
Als einer der größten Brennpunkte der Fluchtbewegungen gilt allerdings das Mittelmeer. Auf der Überfahrt aus Afrika nach Europa kommen immer wieder Menschen ums Leben, meist durch Ertrinken nach Schiffbrüchen. Allein in diesem Winter, in dem besonders schwere Stürme registriert wurden, wird die Zahl der Toten auf mehr als 1.000 geschätzt. Die türkische Ägäisküste ist ebenfalls ein wichtiger Ausgangspunkt für Menschen, die versuchen, über das Meer die nahegelegenen griechischen Inseln und oft auch das EU-Festland zu erreichen.
Trotz zahlreicher tödlicher Unglücke gibt es im Mittelmeer keine staatlich organisierte Seenotrettung. Lediglich private Seenotrettungsorganisationen halten mit aus privaten Spenden finanzierten Schiffen Ausschau nach Menschen in Seenot. Italien setzt ihre Schiffe nach Rettungseinsätzen immer wieder fest, weil sie sich weigern, mit der libyschen Küstenwache zu kooperieren. Diese bringen die Menschen wieder zurück nach Libyen, wo ihnen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen Haft und Folter drohen. Die Europäische Union zahlt nordafrikanischen Ländern viel Geld, damit sie ihre Grenzen für Geflüchtete schließen und sie von der Überfahrt nach Europa abhalten. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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