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Philosoph Jürgen Habermas © Louisa Gouliamaki/AFP

Habermas neu lesen

Einleben statt Integration

Jürgen Habermas wurde als großer Denker der Demokratie gewürdigt. Kaum beachtet blieb, wie stark seine Begriffe auch Debatten über Migration, Zugehörigkeit und Integration geprägt haben – und warum das Wort „Einleben“ heute neu gelesen werden sollte.

Von Donnerstag, 26.03.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 26.03.2026, 8:57 Uhr Lesedauer: 10 Minuten  |  

Mit dem Tod von Jürgen Habermas am 14. März 2026 ist eine der prägenden Stimmen der europäischen Gegenwartsphilosophie verstummt. In den Tagen danach erschienen zahlreiche Nachrufe auf den großen Denker der Öffentlichkeit, der Demokratie und der Moderne. Kaum beachtet wurde dabei jedoch ein Aspekt seines Werkes, der für Einwanderungsgesellschaften von erheblicher Bedeutung ist: sein Einfluss auf Debatten über Migration, Integration, Zugehörigkeit und politische Kultur.

Der gebürtige Düsseldorfer Jürgen Habermas, geboren im Jahr 1929, widmete sein Leben der Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der Ideengeschichte der westeuropäischen Aufklärung. Über Jahrzehnte hinweg lebte er in Starnberg südwestlich von München. Weniger bekannt ist jedoch, wie eng seine Biografie, sein Denken und auch seine Wirkung mit Fragen von Ortswechsel, öffentlicher Verständigung und gesellschaftlicher Integration verbunden sind.

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Die Lebensgeschichte Habermas’ ist eng mit seiner eigenen Binnenmigration innerhalb Deutschlands verknüpft.

Übersicht seiner Wirkungsorte, Tätigkeiten und Lebensstationen im zeitlichen Verlauf:

  • Düsseldorf: Geburtsort (1929).
  • Gummersbach: Der Ort seiner Kindheit und Jugend, wo er bis zum Abitur lebte.
  • Göttingen, Zürich, Bonn: Die Orte seines Studiums (1949–1954).
  • Frankfurt am Main: Die zentrale Wirkungsstätte. Ab 1956 war er Assistent bei Adorno am Institut für Sozialforschung. Später erhielt er die Professur für Philosophie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität.
  • Marburg: Der Ort seiner Habilitation (1961) unter Professor Wolfgang Abendroth.
  • Heidelberg: Eine Lehrtätigkeit als außerordentlicher Professor an der Universität Heidelberg von 1961 bis 1964.
  • Starnberg: Hier lebte er anschließend bis zu seinem Tod.

Seine biografischen Stationen sind mehr als bloße Ortsangaben. Sie verweisen auf Bewegungen innerhalb gesellschaftlicher Räume, auf intellektuelle Übergänge und auf die Einbettung eines Denkers in unterschiedliche soziale und politische Kontexte. Gerade deshalb lässt sich Habermas auch jenseits der klassischen Philosophie für migrationsbezogene Fragen fruchtbar machen.

Habermas Lebenswelt

Jürgen Habermas gilt auch als wichtiger theoretischer Wegbereiter für die Migrationswissenschaft. In seinem vielbeachteten Werk Theorie des kommunikativen Handelns prägte er unter anderem den Begriff der Lebenswelt. Die zweibändige Veröffentlichung behandelt im ersten Band die „Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung“, während sich der zweite Band unter dem Titel „Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft“ einer weiterführenden Analyse widmet.

Die Lebenswelt nach Jürgen Habermas kann als ein gemeinsam geteilter Horizont aus Selbstverständlichkeiten, Überzeugungen und Wertvorstellungen verstanden werden, innerhalb dessen Menschen kommunizieren und gegenseitiges Verständnis herstellen. Sie fungiert dabei als eine Art „transzendentaler Ort“ des kommunikativen Handelns und umfasst die Bereiche Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit. Auf dieser Grundlage ermöglicht sie sowohl alltägliche Verständigung als auch soziale Solidarität und steht zugleich in einem Spannungsverhältnis zu funktional ausdifferenzierten Systemen wie Wirtschaft und Staat.

Im Zentrum der Lebenswelt steht das kommunikative Handeln, durch das Verständigung sprachlich vermittelt und auf Konsens ausgerichtet wird. Gleichzeitig gliedert sich die Lebenswelt in drei Dimensionen: Die Kultur stellt das notwendige Deutungswissen bereit, das zur Interpretation von Situationen erforderlich ist. Die Gesellschaft umfasst die normativen Ordnungen, die Zugehörigkeit und Solidarität strukturieren. Die Persönlichkeit schließlich bezeichnet die Fähigkeiten, die Individuen dazu befähigen, sprachlich zu interagieren und an Kommunikationsprozessen teilzunehmen.

Kennzeichnend ist zudem, dass die Lebenswelt als ein weitgehend selbstverständlicher und selten hinterfragter Hintergrund fungiert, der soziale Integration überhaupt erst ermöglicht. In der Gegenüberstellung von Lebenswelt und System tritt ein grundlegender Gegensatz hervor: Während die Lebenswelt der Logik der Verständigung folgt, orientieren sich Systeme an den Steuerungsmedien Geld und Macht.

In diesem Zusammenhang warnt Habermas vor einer „Kolonialisierung der Lebenswelt“, bei der systemische Mechanismen – etwa bürokratische Strukturen – zunehmend in diesen Bereich eindringen und die Bedingungen freier sowie unverzerrter Verständigung beeinträchtigen.

Habermas und die Migrationswissenschaft

Jürgen Habermas wird in der Migrationsforschung sowie in benachbarten Diskursen zu Integration, Staatsbürgerschaft und Asylrecht – insbesondere im deutschsprachigen Raum – kontinuierlich rezipiert. Auch wenn er selbst kein spezialisierter Migrationsforscher war, stellen seine theoretischen Überlegungen eine wesentliche Grundlage für die Analyse von Migrationsdynamiken, Fragen von Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Integration dar.

Von besonderer Bedeutung ist dabei sein Konzept des Verfassungspatriotismus, das häufig herangezogen wird, um Zugehörigkeit jenseits ethnischer Herkunft zu denken. An die Stelle kultureller oder nationaler Homogenität tritt hier die Identifikation mit demokratischen Werten und rechtlichen Prinzipien – ein Ansatz, der gerade für moderne Einwanderungsgesellschaften zentrale Relevanz besitzt. Ebenso wird seine Theorie des kommunikativen Handelns genutzt, um die Voraussetzungen gelingender Verständigung in pluralistischen Gesellschaften zu analysieren. Sie liefert ein theoretisches Instrumentarium, um Integrationsprozesse sowie interkulturelle Kommunikationsformen differenziert zu betrachten.

Auch im Kontext von Asylrecht und Menschenrechten finden Habermas’ Überlegungen breite Anwendung. Er hat sich wiederholt öffentlich zu diesen Themen positioniert und dabei hervorgehoben, dass das Asylrecht als Bestandteil universeller Menschenrechte zu verstehen ist. Diese Perspektive wird in kritischen Auseinandersetzungen mit gegenwärtiger Asylpolitik häufig aufgegriffen und weitergeführt.

Gleichzeitig bleibt Habermas’ Werk nicht frei von konstruktiver Kritik. Innerhalb der kritischen Migrationsforschung wird es einerseits weiterentwickelt, andererseits auch hinterfragt – etwa im Hinblick auf die Anforderungen postmigrantischer Gesellschaften oder zur Analyse von Rassismus sowie Mechanismen sozialer Ausgrenzung in Aufnahmegesellschaften.

Insgesamt zeigt sich, dass seine sozialphilosophischen Konzepte zwar nicht originär für die Migrationsforschung konzipiert wurden, dort jedoch eine tragfähige und einflussreiche theoretische Grundlage bilden. Gerade in einer Zeit, in der Fragen von Zugehörigkeit, Teilhabe und gesellschaftlicher Verständigung politisch umkämpfter denn je erscheinen, lohnt sich der erneute Blick auf Habermas auch aus migrationswissenschaftlicher Perspektive.

Habermas, Frankfurt und Integration

Jürgen Habermas begriff Migration als eine zentrale globale beziehungsweise „glokale“ Herausforderung, die auf der Grundlage von Menschenrechten und einer koordinierten europäischen Politik bewältigt werden muss. Er verteidigte das Asylrecht, hob die Bedeutung von Integration durch öffentlichen Diskurs hervor und warnte zugleich vor einem erstarkenden Nationalismus. Zugehörigkeit verstand er dabei nicht ethnisch, sondern als Bindung an gemeinsame demokratische Prinzipien. Gerade diese Ideen trugen seine Schriften auch in entlegene Hörsäle autoritärer und autokratischer Staaten.

In einem Gespräch mit dem Autor dieses Artikels äußerte er sich am Rande einer Konferenz an der Goethe-Universität Frankfurt im Jahr 2016 zu der Frage, welcher deutsche Begriff den lateinischen Ausdruck „Integration“ angemessen ersetzen könnte: „Nach reiflicher Überlegung fällt mir – angeregt durch Ihre präzise Frage – vor allem das deutsche Wort ‚Einleben‘ als Pendant ein. Es ließe sich gut im Zusammenhang mit der Lebenswelt denken.“

Dieser Gedanke ist bemerkenswert. Denn „Einleben“ klingt im Deutschen weniger technisch als „Integration“ und verweist stärker auf einen sozialen, alltagsnahen und wechselseitigen Prozess. In genau diesem Sinne kann Habermas’ Denken bis heute produktiv gelesen werden: nicht als Anpassungsforderung, sondern als Einladung zur Teilhabe an einer gemeinsamen politischen und gesellschaftlichen Lebenswelt.

Jürgen Habermas prägte die Frankfurter Schule über Jahrzehnte hinweg maßgeblich und gilt als führende Figur ihrer zweiten Generation. Seine Frankfurter Zeit lässt sich in drei zentrale Phasen gliedern: Den Ausgangspunkt bildet das Jahr 1956, als er auf Einladung von Theodor W. Adorno eine Stelle als Assistent am Institut für Sozialforschung annahm. Nach einer zwischenzeitlichen Unterbrechung kehrte er 1964 zurück, um den Lehrstuhl von Max Horkheimer an der Goethe-Universität zu übernehmen. In dieser Phase entwickelte er sich zu einem prägenden Mentor der bundesdeutschen 68er-Bewegung, auch wenn er sich später kritisch von deren radikalen Strömungen distanzierte.

Frankfurt am Main, als die internationalste Stadt Deutschlands, bildete zusammen mit dem Club Voltaire als Ort von Gesellschaft, Öffentlichkeit und Dialog sowie der Goethe-Universität als Institution das intellektuelle Zentrum der 68er-Bewegung in der Bundesrepublik. Insbesondere der Campus Bockenheim spielte eine prägende Rolle für die deutsche Nachkriegsgeschichte, da er als Ausbildungsstätte für eine nationale und internationale Elite in Rechts-, Sozialwissenschaften und Philosophie fungierte. Von hier ging unter anderem durch den griechischen Rechtswissenschaftler Spyridon Simitis die erste Datenschutzregelung Deutschlands für Hessen im Jahr 1970 hervor, die kurze Zeit später auch eine begriffliche Internationalisierung erfuhr: Copyright.

Nach mehr als einem Jahrzehnt am Max-Planck-Institut in Starnberg kehrte Habermas 1983 erneut nach Frankfurt zurück. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994 und festigte in dieser Zeit seinen Ruf als einer der weltweit einflussreichsten Philosophen. Sein Werk umfasst rund 50 Publikationen, die in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurden.

Sein geistiges Erbe bleibt der Mainmetropole bis heute erhalten: Erst kürzlich wurde sein vollständiger wissenschaftlicher Vorlass an die Universitätsbibliothek der Goethe-Universität übergeben. Damit hinterließ er über 75 Jahre Publikationsgeschichte an seiner geschätzten Alma Mater – eine einmalige Leistung von außergewöhnlicher internationaler Bedeutung.

Habermas und Iran

Der besagte Campus Bockenheim in Frankfurt war über Jahrzehnte hinweg für viele Menschen im 20. und 21. Jahrhundert prägend. Ebenso hatten viele iranischstämmige Studierende die Entwicklungen Deutschlands am Puls der Zeit in Frankfurt erlebt.

Anfang der 2000er Jahre unternahm Habermas eine Reihe von Reisen nach Asien, unter anderem in den Iran und nach China. Zwar hatte Habermas keinen universitären Austausch mit dem Iran, doch seine dortigen Beobachtungen teilte er auf persönliche Anfrage dem Autor dieses Artikels im Dialog im Jahr 2014 mit: „Ich war überrascht, wie die iranischen Studenten mich empfingen, wir wischen irgendwann von der Universität in ein großes Hotel aus. Sie übertrugen meinen Vortrag und die anstehenden Diskussionen über Lautsprecher nach draußen, ich habe wirklich gestaunt. Vor allem war ich positiv von den Vorträgen der Frauen überrascht worden, sie waren klug, kritisch, abermals mutig.“

Jürgen Habermas war somit zu seiner Zeit auch im Austausch zwischen westlichen und iranischen Intellektuellen präsent. Seine im Jahr 2002 unternommene Reise, die in die Amtszeit von Mohammad Khatami fiel, war von besonderer Prägnanz. Der Besuch wurde vielfach als Beitrag zu einem Dialog verstanden, der darauf abzielte, unterschiedliche politisch-zivilisatorische, historische sowie sprachlich-kulturelle Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen.

Dort begegnete Jürgen Habermas in Teheran Akademikern und Studierenden, mit denen er über Fragen der Demokratie, der Zivilgesellschaft und die Bedeutung öffentlicher Diskussionen sprach. Seine Gedanken stießen auf reges Interesse, zumal seine zentralen Theorien – insbesondere jene zum kommunikativen Handeln – im Iran bereits bekannt waren und in persischer Übersetzung vorlagen.

Gleichzeitig erfolgte der Aufenthalt in einem politisch sensiblen Kontext, der von Spannungen zwischen reformorientierten und konservativen Kräften geprägt war. Vor diesem Hintergrund wurde seine Reise auch kritisch bewertet. Habermas selbst äußerte sich vorsichtig zu den politischen Entwicklungen, betonte jedoch die zentrale Rolle von Dialog und Verständigung, während er grundlegende Veränderungen innerhalb des Systems eher zurückhaltend einschätzte.

Bis heute dient Habermas im Iran als wichtiger Referenzpunkt für philosophische und politische Debatten, vor allem in Bezug auf Demokratie, Öffentlichkeit und den Austausch zwischen unterschiedlichen Welt- und Wissenskulturen.

Habermas und das Durchleuchten der Gesellschaft

Am vertrautesten ist Frankfurter Kennern von Jürgen Habermas das Konzept des kommunikativen Handelns, das davon ausgeht, dass Menschen durch vernunftgeleitete Gespräche und wechselseitiges Verstehen zu gemeinsamen Lösungen gelangen können. Dieses wurde am AfE-Turm auf dem Campus Bockenheim der Goethe-Universität Frankfurt sowie in den umliegenden Hörsälen mit römischen und arabischen Zahlen früh vermittelt.

In diesem Zusammenhang prägte er den bekannten Ausdruck des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“, mit dem er verdeutlichte, dass sich in einer offenen und freien Diskussion das überzeugendste Argument ohne äußeren Druck durchsetzt. Der „herrschaftsfreie Diskurs“ gehört bis heute zum Jargon, zur Praxis und zum Denkvokabular in den entsprechenden Fachbereichen der Frankfurter Goethe-Universität. Auch wenn der Strukturwandel der Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert angesichts glokaler Klimadebatten, sozioökonomischer Krisen und zahlreicher Konflikte transnational stärker spürbar ist, zeigt sich seine Relevanz weiterhin – selbst im universitären Seminar.

Gerade darin liegt womöglich auch sein bleibender Wert für Migrations- und Integrationsdebatten. Habermas liefert keine einfachen politischen Rezepte. Aber er hinterlässt Begriffe, Denkfiguren und Maßstäbe, mit denen sich moderne Einwanderungsgesellschaften bis heute beschreiben und prüfen lassen: Verständigung statt Abschottung, politische Zugehörigkeit statt ethnischer Enge, öffentliche Teilhabe statt bloßer Verwaltung. Vielleicht ist das Wort „Einleben“, das er in unserem Gespräch erwähnte, gerade deshalb so treffend. Es beschreibt Integration nicht als technisches Programm, sondern als lebendigen Vorgang in einer geteilten Lebenswelt. Genau darin liegt seine zeitlose Aktualität. (mig) Aktuell Gesellschaft

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