Prof. Dr. Dr. habil. Stefan Piasecki, Iran, Autor, Stefan Piasecki, Migration
Prof. Dr. Dr. habil. Stefan Piasecki © privat, Zeichnung: MiG

„Spiel anderer“

Wie Iraner den Krieg wahrnehmen

Zwischen Bomben, Funkstille und zerbrochenen Hoffnungen erzählen Menschen aus dem Iran von Angst, Wut und Erschöpfung. Was als vorsichtige Hoffnung auf Öffnung begann, ist zu einem Albtraum geworden.

Von Dienstag, 24.03.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 23.03.2026, 11:41 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Vor genau zehn Jahren besuchte ich den Iran das erste Mal. Ich sollte einen Vortrag an der Universität Teheran halten. Ich war neugierig, aber auch beunruhigt. Was würde mich erwarten? Wenige Stunden nach der Landung – der mittägliche Gebetsruf Azan war noch nicht erklungen – schwor ich mir, alles zu vergessen, was ich je über das Land gehört hatte.

Es war die Zeit der Öffnung, Präsident Ruhani versuchte, das Land auf einen neuen Kurs zu bringen. Das Atomabkommen war noch intakt, die Sanktionen aufgehoben. Seither war ich oft dort, habe Bücher über das Land geschrieben, in Teheran und anderen Städten gelehrt, viele Gespräche geführt und Freunde gefunden: Menschen aus allen Lagern, von liberal und reformorientiert bis hin zu ultrakonservativ. Noch im Januar konnte meine Doktorandin an der Universität Teheran ihre Arbeit erfolgreich verteidigen. Ich stehe mit Iranern dort und in Deutschland in Kontakt.

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Hanieh (alle Namen geändert), 32, lebt im Nordosten Teherans. Die Spieleproduzentin versucht, per WhatsApp Hilferufe an Freunde im Ausland zu schicken. „Ich hänge hier fest und habe Angst um meine Familie“, schreibt sie. „Wir leben zwischen Militärzonen. Jeden Tag greifen sie an. Das Haus erbebt ständig.“ Der Text bricht mitten im Satz ab.

Solche Nachrichten sind in den letzten Wochen tausendfach verschickt worden – oder gar nicht mehr angekommen. Der Krieg hat das Leben verändert – stärker als Sanktionen, Proteste und ihre Niederschlagung. Repression wirkt nicht mehr. Die iranische Gesellschaft, lange geprägt von vorsichtiger Kritik und stiller Hoffnung auf Reformen, ist heute aufgeladen. Hoffnung, Wut, Angst und Misstrauen liegen nebeneinander.

„Für eine freie Zukunft müssen wir das jetzt aushalten.“

„Das Regime hat uns jahrzehntelang terrorisiert. Man hat Menschen ermordet, entrechtet und enteignet“, sagt mir Shala, 67, eine Rentnerin aus Teheran, die gerade in den USA ist und nicht zurückkann. „Für eine freie Zukunft müssen wir das jetzt aushalten.“ Die Unerbittlichkeit ihrer Worte schmerzt mich. Andere sehen die Situation völlig anders.

„Die Zionisten haben unseren großen General Soleimani und jetzt den weisen Führer Chamenei ermordet. Man darf ihnen nicht vertrauen“, so die Übersetzerin Sahar, 45, die im Süden Teherans lebt. „Man muss sie gnadenlos bekämpfen.“ Mir wird klar, wie entwöhnt wir in Westeuropa von Konflikten und Verzweiflung sind, denn es fällt mir schwer, Wut und Kampfbereitschaft hinzunehmen.

„Unsere Leben sind nur eine Währung in einem Spiel, um das wir nie gebeten haben.“

In Gesprächen mit Iranern zeigt sich, wie unversöhnlich die Positionen geworden sind und wie tief ihre Erschöpfung inzwischen reicht. Immer wieder erlebten sie dasselbe: Hoffnung auf Veränderung – gefolgt von Enttäuschung. Ankündigungen und Versprechen des Westens. Warten auf Reformen, Wahlen, neue Gesichter im politischen Leben des Iran – aber an den Machtverhältnissen änderte sich wenig. Die Militarisierung der Proteste Anfang Januar, staatliche Repressionen, Verhaftungen und Hinrichtungen haben viele geschockt. Schließlich der Kriegszustand seit Ende Februar während laufender Verhandlungen.

„Wir sind das schmutzige Werk von jemand anderem“, sagt Elaheh, 34, Friedensaktivistin aus Teheran. „Unsere Leben sind nur eine Währung in einem Spiel, um das wir nie gebeten haben.“ Sie hat es in einem glücklichen Moment geschafft, ihre Gedanken im Internet zu veröffentlichen.

„Offen wird von manchen der Sturz der Regierung gefordert. Andere sehen im Westen, lange bewundert und verklärt, mittlerweile den Feind.“

Während mir gegenüber Kritik an der Führung der Islamischen Republik lange eher vorsichtig oder privat formuliert wurde, sind die Positionen inzwischen verhärtet und werden nicht mehr verheimlicht. Offen wird von manchen der Sturz der Regierung gefordert. Andere sehen im Westen, lange bewundert und verklärt, mittlerweile den Feind. Sogar der bislang unentschlossene Teil der Bevölkerung rückt im Krieg näher an die Herrschenden heran. Dem Westen gehe es nur um die Rohstoffe, er interessiere sich nicht für Menschen und ihre Rechte. Andere wiederum sehen in der staatlichen Repression den eigentlichen Grund für die Krise des Landes.

Zwischen diesen Positionen lebt eine große Mehrheit von Menschen, die vor allem eines empfinden: Furcht. „Azizam. Krieg ist im Iran angefangen. Von Israel. Ich hab echt Angst“, schrieb Setareh mir auf WhatsApp am Morgen des 28. Februar. Sie ist 35, Anästhesieassistentin. Sie lebt in dem Stadtteil, dessen Tanklager in Brand gesetzt wurden. Brennendes Öl floss durch die Straßen. Auch Krankenhäuser wurden bombardiert. Ich mache mir große Sorgen, denn seither herrscht Funkstille, während andere es hin und wieder schaffen, nach außen zu kommunizieren.

„Firmen sind geschlossen, man bekommt keinen Lohn. Lebenswichtige Medikamente fehlen. Menschen haben krebskranke Kinder. Andere sind nierenkrank.“

„Es ist Ramadan, Fastenzeit“, schimpft Mehdi, 58, Rentner, in einer Audionachricht. „Firmen sind geschlossen, man bekommt keinen Lohn. Lebenswichtige Medikamente fehlen. Menschen haben krebskranke Kinder. Andere sind nierenkrank.“

Diese Erfahrungen verändern nicht nur den Alltag – sie verändern auch die gesellschaftliche Kultur. Die jahrzehntelange politische Instrumentalisierung der Religion hat in Teilen der Gesellschaft zu einer tiefen Entfremdung geführt. Religiöse Rituale verlieren an Bedeutung, während kulturelle Ausdrucksformen stärker werden. Musik, Tanz oder alltägliche Gesten werden zu Formen stillen Protests.

„Als Soziologe besorgt mich die starke Polarisierung der Gesellschaft, in der unterschiedliche politische Realitäten nebeneinander existieren und kein Austausch mehr stattfindet.“

Als Soziologe besorgt mich die starke Polarisierung der Gesellschaft, in der unterschiedliche politische Realitäten nebeneinander existieren und kein Austausch mehr stattfindet. Kampf statt Diskurs – genau darin liegt die größte Gefahr der Nachkriegszeit. Wenn gegensätzliche Positionen nicht wieder miteinander ins Gespräch gebracht werden, drohen neue Konflikte – im Extremfall sogar ein Bürgerkrieg oder dauerhafte Instabilität, die von außen weiter angeheizt werden könnte.

Andererseits gibt es einen gemeinsamen Nenner – die dreitausendjährige Geschichte des Landes als Kulturnation. Über alle Lager hinweg eint Iranerinnen und Iraner die Liebe zum Land und zu ihrer Kultur, zu den Königen der vorislamischen Zeit sowie zu den Dichtern und großen Geistlichen der islamischen Epoche. Es ist zu hoffen und zu beten, dass in dieser Verbundenheit der Schlüssel für eine neue Zukunft liegen kann. (mig) Meinung

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