Joachim Glaubitz, MiGAZIN, Menschenrechte, Flucht, Migration, Asyl, Rechtsextremismus
Joachim Glaubitz © privat, Zeichnung: MiG

Schatten und Macht

Wenn die Angst nach unten zeigt

Während der Blick misstrauisch wandert, wächst die eigentliche Gefahr längst über unseren Köpfen: in Macht, Geld und menschenfeindlichen Erzählungen. Über das Stolpern in einer Gesellschaft, die auf die Falschen zeigt.

Von Donnerstag, 19.03.2026, 14:54 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 19.03.2026, 14:54 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Nicht aus Demut, eher aus Gewohnheit. Mein Blick huscht nach rechts, nach links, immer wieder zurück auf den Asphalt vor meinen Füßen. Gedanken kleben aneinander wie Kaugummi:

Lifestyle-Teilzeit.
Kassen sollen keine Zahnbehandlung mehr bezahlen.
Der Rechtsextremist Martin Sellner im Thüringer Landtag.

Die Menschen sind faul.
Wer 3 Termine verpasst bekommt keine Sozialleistungen mehr.

Mehr Arbeit.
Wie lange bekommen ältere Menschen teure Medikamente?
Abschiebelager heißen nun Return Hubs.
Weg mit dem Acht-Stunden-Tag.
In der EU-Asylpolitik einigt sich Schwarz-Rot auf maximale Strenge.

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Ein Schuh schiebt sich in mein Blickfeld, eilig, schmutzig. Ein anderer streift mich fast. Ich stolpere über einen Stein, fange mich wieder. Und während ich weitergehe, frage ich mich, wann wir uns eigentlich geeinigt haben zu glauben, dass die Bedrohung immer neben uns steht. Oder unter uns.

„Täglich wird uns eingeredet, dass es die Minderheiten sind. Die Fremden. Die Geflüchteten. Menschen mit Migrationsgeschichte.“

Täglich wird uns eingeredet, dass es die Minderheiten sind. Die Fremden. Die Geflüchteten. Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Dass sie uns schaden. Unsere Kultur bedrohen. Unsere Werte. Unseren Wohlstand.

Aber sie sind es nicht.

Wir leben in einer Zeit extremer Vermögenskonzentration. Reichtum sammelt sich nicht nur an – er kapselt sich ab. Er schafft Parallelgesellschaften jenseits demokratischer Kontrolle, jenseits gesellschaftlicher Verantwortung, jenseits des Rechtsstaats.

Von diesen Orten geht eine weit größere Bedrohung für die Menschen aus. Sie liegen nicht am Rand der Gesellschaft, sondern in rechtskonservativen Thinktanks und zentralen Entscheidungspositionen. Sie tragen Namen wie Trump, Thiel oder Musk – und hunderte weitere, weniger bekannte, aber nicht weniger wirkmächtige. Es sind Figuren, deren Macht so umfassend geworden ist, dass sie kaum noch sichtbar erscheint.

„Ein System, in dem Algorithmen öffentliche Diskurse verzerren.“

Ein System, in dem Algorithmen öffentliche Diskurse verzerren, in dem über Netzwerke, Abhängigkeiten und politische Verflechtungen Einfluss auf ganze Gesellschaften genommen wird – sichtbar etwa in der realen Umsetzung von Project 2025 in den USA, die wir derzeit live miterleben.

Ein weiterer Schritt, ein kurzes Stocken. Wieder ein Stolpern. Dabei wird mir klar: Es sind Symptome. Teil eines Systems, das einigen wenigen erlaubt, sich über alle anderen zu stellen. Ein System, das Kapital in Macht übersetzt und Macht in eigene Regeln. Regeln, die sich der Verantwortung entziehen. Der Moral. Der Humanität.

Adorno sagte einmal, dass die falschen Verhältnisse falsches Bewusstsein erzeugen. Dass die Menschen beginnen, das zu verteidigen, was sie eigentlich zerstört. Genau das erleben wir. Ein System, das uns erzählt, wir müssten nur härter sein, strenger, effizienter – und das dabei seine eigene Gewalt unsichtbar macht.

Besonders deutlich werden diese Abgründe dort, wo sie nicht mehr zu leugnen sind: in den Epstein-Files. Es sind individuelle grausame Taten. Es sind Täter, die sich entscheiden, Menschen zu demütigen, zu misshandeln, ihnen unvorstellbaren Schaden zuzufügen. Aber es ist mehr als das.

„Eine Welt nach eigenen Spielregeln, in der nichts Bedeutung hat außer dem eigenen Hedonismus.“

Es ist ein Netzwerk. Ein System. Ein Spiegel dessen, was passiert, wenn Macht und Geld jede Grenze auflösen. Wenn das Undenkbare realisierbar wird, weil Konsequenzen keine Rolle mehr spielen. Eine Welt nach eigenen Spielregeln, in der nichts Bedeutung hat außer dem eigenen Hedonismus. In der sich Menschen für unantastbar halten und den Mindestanforderungen menschlichen Zusammenlebens ins Gesicht spucken.

Doch diese Entgrenzung ist nicht privat. Sie sickert in Gesellschaften ein, prägt Denkweisen, verschiebt das Sagbare und das Machbare. Wo Kapital sich von Verantwortung löst, wo Macht keiner Rechenschaft mehr unterliegt, entsteht ein Klima der Verrohung – eines, in dem autoritäre, menschenfeindliche Antworten nicht Ausnahme, sondern Angebot werden.

Horkheimer schrieb: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Denn die Brutalisierung beginnt nicht erst auf der Straße. Sie beginnt dort, wo Verantwortung verdünnt wird, wo Gewalt nach unten ausgelagert und nach oben unsichtbar gemacht wird.

Ich merke, wie meine Schritte langsamer werden. Wieder stolpere ich. Aber diesmal bleibe ich kurz stehen. Denn wir dürfen uns nicht blenden lassen. Nicht von der Flut an Informationen. Nicht von Verdrehungen, Fakes, Nebelkerzen. Genau darauf setzt dieses System: auf Erschöpfung. Auf Lähmung. Auf das Gefühl, dass alles zu komplex sei, um noch etwas zu verstehen – geschweige denn zu verändern. Aber Lähmung darf nicht das letzte Wort sein.

Es ist entscheidend, weiter an Fakten zu arbeiten. Wahrheiten zu suchen. Fragen zu stellen. Widersprüche offenzulegen. Kritische Öffentlichkeit ist kein Luxus, sie ist eine Überlebensfrage. Nur so kann verhindert werden, dass Täter und Strukturen ungestraft bleiben.

„Wer dieses System nicht hinterfragt, schützt am Ende genau jene, die von ihm profitieren.“

Und es geht um noch etwas: Neu zu denken. Die Ordnung zu hinterfragen, die ein solches System möglich gemacht hat. Ein System, das Menschen gegeneinander ausspielt. Das uns einredet, der Nachbar sei das Problem. Der Zugezogene. Die Bürgergeldempfängerin. Der Mensch neben uns.

Wer dieses System nicht hinterfragt, schützt am Ende genau jene, die von ihm profitieren.

Ich richte den Blick langsam nach oben. Meine Schritte werden schneller. Die Muskeln spannen sich. Und als ich wieder nach rechts und links sehe, sehe ich Gesichter. Viele. Unterschiedliche. Müde, wütende, hoffnungsvolle. Und ich merke: Ich bin nicht allein.

Es ist viel zu tun. Aber wir müssen endlich dort hinschauen, wo Bedrohung wirklich liegt. (mig) Meinung

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