
Afrikas unfreiwillige Söldner
Mit falschen Jobversprechen in Russlands Krieg
Sie suchten Arbeit im Ausland, um ihre Familien ernähren zu können: als Fahrer, Wachmann oder auf dem Bau. Doch statt eines Jobs landeten Hunderte Afrikaner in russischer Uniform an der Front – getäuscht, ausgenutzt und verheizt.
Mittwoch, 18.03.2026, 12:14 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 18.03.2026, 12:14 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Edison Kamwesigye glaubte den Worten eines Arbeitsvermittlers. Der erzählte dem 47 Jahre alten Ugander von der Möglichkeit, als Fahrer oder Wachmann in Russland zu arbeiten – so berichtet es Kamwesigyes Ehefrau Carol. Der Vermittler brachte ihn zusammen mit anderen Männern des ostafrikanischen Landes zur russischen Botschaft und half bei der Visabeschaffung. Wenige Tage später habe sie einen beunruhigenden Anruf erhalten. „Er sagte, diese Leute schicken uns in den Krieg“, erzählt sie. „Er sagte, bete für uns, wir wissen nicht, ob wir lebend zurückkommen.“
Es war das letzte Gespräch des Paares. Nur wenige Wochen nach der Ankunft Kamwesigyes in Russland berichteten andere Ugander, er sei bei Kämpfen in der Ukraine ums Leben gekommen. Carol Kamwesigye konnte nur vor einem leeren Sarg symbolisch Abschied nehmen.
Bericht: Mehr als Tausend Anwerbungen allein aus Kenia
Das Schicksal von Edison Kamwesigye ist kein Einzelfall, und nicht nur in Uganda trauern Angehörige um Männer, Väter, Brüder oder Söhne, die in russischer Uniform im Ukraine-Krieg starben. Was es mit der Arbeit im fernen Russland auf sich hatte, erfuhren sie erst, als es zu spät war. Auch aus Kenia und Südafrika sind Fälle bekannt.
Einem Bericht kenianischer Sicherheitsbehörden zufolge, der kürzlich im Parlament vorgestellt wurde, wurden mehr als 1.000 Kenianer bisher von Einzelpersonen oder unseriösen Vermittlungsfirmen angeworben. Sie fanden sich an der Front in der Ukraine wieder oder wurden in der russischen Rüstungsindustrie eingesetzt. Mindestens 89 Kenianer waren im Februar in Kampfeinheiten an der Front, so der Bericht.
Außenminister fragt in Moskau nach
Russland gibt offiziell nur spärlich Auskunft zu den afrikanischen Söldnern. Bekannt ist aber, dass es den Moskauer Streitkräften an Soldaten mangelt und die Anwerbung im eigenen Land schwieriger wird. Diese Woche äußerte Außenminister Musalia Mudavadi aus Kenia in Moskau seine Besorgnis wegen „Kenianern, die freiwillig oder unfreiwillig in das russische Militär eingereiht wurden“.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow wiegelte ab. „Alle Bürger Kenias wie anderer Staaten nehmen an der militärischen Spezialoperation freiwillig teil in voller Übereinstimmung mit den russischen Gesetzen“, sagte er. Moskau sagte aber seinen Angaben nach einen Anwerbestopp zu.
Tödliche Sturmangriffe an vorderster Front
Das kremltreue Boulevardblatt „Komsomolskaja Prawda“ berichtete mehrmals bewundernd über einen Studenten aus Kamerun, der sich 2024 freiwillig zum Kampf in der Ukraine gemeldet habe. Der Mann mit dem Kampfnamen Venom bringe als geübter Motorradfahrer Soldaten, Munition und Verpflegung an die vorderste Frontlinie. In sozialen Netzwerken finden sich Fotos afrikanischer Kämpfer, von russischen Kommentatoren als „unsere Schwarzrussen“ oder Afrorussen bezeichnet.
Doch andere Internetvideos legen nahe, dass die Afrikaner vor allem als Kanonenfutter in hochgefährliche Einsätze geschickt werden, um den Weg für nachfolgende russische Soldaten freizukämpfen. „Schau, wie viele Einwegsoldaten! Und die singen noch fröhlich!“, sagte eine Männerstimme auf Russisch zu Aufnahmen einer Gruppe afrikanischer Soldaten im Schnee.
Kiew berichtet von 24.000 Ausländern auf russischer Seite
Wie verbreitet das Phänomen ausländischer Soldaten in der russischen Armee ist, behauptet man ausgerechnet auf der anderen Seite der Front – in der Ukraine – zu wissen. Insgesamt sollen seit dem russischen Einmarsch 2022 mehr als 24.000 Ausländer Verträge mit der russischen Armee unterzeichnet haben, teilte der ukrainische Militärgeheimdienst der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage mit. Mit 70 Prozent komme dabei das Gros aus asiatischen Staaten, meist den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien. Nur etwas mehr als sieben Prozent oder etwa 1.780 Söldner seien dabei aus afrikanischen Staaten.
Wie viele Afrikaner derzeit in ukrainischer Gefangenschaft sind, gibt der Geheimdienst nicht preis. Es stamme mehr als jeder zehnte ausländische Kriegsgefangene vom afrikanischen Kontinent. Kiew zufolge zeigt Russland kein Interesse an einem Austausch gefangener ausländischer Staatsbürger.
Hoffen auf Auslandsjobs wegen hoher Arbeitslosigkeit
Ghanas Außenminister Samuel Okudzeto Ablakwa fragte im Februar in Kiew nach vermissten Landsleuten. „Noch bedrückender und beängstigender ist, dass uns mitgeteilt wurde, dass seit 2022 vermutlich 272 Ghanaer in den Krieg gelockt wurden, wobei schätzungsweise 55 getötet und zwei als Kriegsgefangene gefangen genommen wurden“, schrieb er anschließend auf X. Von ukrainischer Seite wurde Kooperation und eine Behandlung der Gefangenen nach den Genfer Konventionen zugesagt.
Für viele Menschen in Kenia und anderen Staaten Afrikas sind Arbeitsvermittler oft die letzte Hoffnung auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz im Ausland, um die Familie finanziell unterstützen zu können. Die Arbeitslosigkeit, gerade auch bei jungen Leuten, ist hoch – in Kenia etwa arbeiten Schätzungen zufolge 85 Prozent der Arbeitnehmer im sogenannten informellen Sektor ohne gesicherte Beschäftigung.
Unseriöse Firmen, falsche Versprechungen
Immer wieder wird vor unseriösen Firmen gewarnt, die falsche Versprechungen machen, im Ausland den Pass einbehalten oder die Arbeitsuchenden in prekäre Arbeit etwa in den Golfstaaten bringen. Dass die versprochene Arbeit direkt in den Krieg führen kann, schockiert nun viele.
„Statt sicherer Arbeitsplätze im Ausland fanden sich viele junge Kenianer an der Front eines brutalen Krieges in der Ukraine wieder und kämpften unter der Fahne des russischen Militärs“, sagt Hussein Khalid von der zivilgesellschaftlichen Organisation Vocal Africa, die Angehörige der betroffenen Männer unterstützt. „Kenianer wurden in den Krieg verschleppt. Familien trauern, sind besorgt und suchen verzweifelt nach Antworten. Einige Kenianer haben ihr Leben verloren; andere sind in feindseligen Bedingungen ohne Zugang zu Hilfe gestrandet.“ (dpa/mig) Aktuell Ausland
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