Edgar Pocius, MiGAZIN, Migration, Klassen, Bildungsbürgertum, Migration, Gesellschaft
Edgar Pocius © prviat, Zeichnung: MiGAZIN

Ruf nach Anerkennung

Was Talahons und rechte Jugendliche verbindet

Was viele aktuelle Konflikte in Deutschland verbindet, ist weniger Ideologie als ein Gefühl, übersehen zu werden. Wo Anerkennung fehlt, wird Provokation zur Sprache. Über denselben Hunger von Talahons und radikalen Rechten.

Von Dienstag, 03.02.2026, 12:57 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 03.02.2026, 12:57 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Der Soziologe Axel Honneth beschreibt in seinem Buch „Kampf um Anerkennung“, dass Anerkennung eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung einer gesunden und stabilen Identität ist. Menschen benötigen das Gefühl, wahrgenommen, respektiert und ernst genommen zu werden, um ein positives Selbstverständnis entwickeln zu können.

Gesellschaftliche Konflikte entstehen dort, wo Anerkennung fehlt oder verweigert wird. Honneth unterscheidet dabei drei Formen der Anerkennung, die emotionale Anerkennung, die rechtliche Gleichstellung sowie die soziale Wertschätzung.

___STEADY_PAYWALL___

Oft versuchen Menschen, eine fragile Identität durch radikale Formen der Zugehörigkeit zu festigen, auf der Suche nach Sinn, Halt und sozialer Bedeutung.

„Bleibt positive Aufmerksamkeit aus, wird versucht, durch negatives oder schockierendes Verhalten wahrgenommen zu werden.“

Dieses Framing zeigt, dass in Deutschland viele Gruppen miteinander konkurrieren, weil sie sich übersehen fühlen und dennoch Aufmerksamkeit erlangen wollen. Ähnlich wie bei Kindern lässt sich dabei eine bekannte Strategie beobachten. Bleibt positive Aufmerksamkeit aus, wird versucht, durch negatives oder schockierendes Verhalten wahrgenommen zu werden.

Diese Form der Aufmerksamkeitssuche durch Provokation findet sich sowohl bei alteingesessenen als auch bei migrantischen Gruppen. Auf der einen Seite stehen Jugendgruppen, die als Talahons bezeichnet werden, auf dem anderen jungen Menschen, die fremdenfeindliche Parolen singen. Junge Männer sind für solche Formen der Radikalisierung besonders anfällig, doch das grundlegende Problem von fehlender Wertschätzung und dem Wunsch nach Zugehörigkeit betrifft alle Altersgruppen. Die genannten Beispiele machen dieses Bedürfnis lediglich besonders sichtbar.

„Statt sich an Karriere, Arbeit und Hausbau zu orientieren, stehen Müßiggang, Sportanzug, Kampfsport und Criminal Rap im Mittelpunkt.“

Die ausgewählten Gruppen zeigen sehr plakativ, wie ein unerfüllter Wunsch nach Anerkennung durch negatives Verhalten ausgedrückt wird. Die Subkultur der Talahons verkörpert dabei vieles von dem, was in der bürgerlichen Mitte als abstoßend oder provokant wahrgenommen wird. Statt sich an Karriere, Arbeit und Hausbau zu orientieren, stehen Müßiggang, Sportanzug, Kampfsport und Criminal Rap im Mittelpunkt, verstanden als performativer Ausdruck einer rebellischen Identität gegen das deutsche Spießertum.

Diese Haltung markiert eine bewusste Abgrenzung vom bequemen und geregelten Leben. Das Feindbild des bürgerlichen Alltags wird gezielt verkörpert, um durch Provokation Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit zu erzeugen. Dahinter verbirgt sich ein starkes Bedürfnis nach Geltung, das jedoch nicht über positive Anerkennung, sondern über die Mittel negativer Aufmerksamkeit ausgedrückt wird.

Andere radikalisieren sich hingegen im politischen Spektrum. Die Radikalisierung im rechten Milieu kann ebenfalls als Form des Protests gegen eine als zu bequem empfundene gesellschaftliche Mitte verstanden werden. Dahinter steht oft der Wunsch nach Stabilität, verbunden mit Vorstellungen von mehr Disziplin, Arbeit und Ordnung. Bürgerliche Werte werden dabei zunehmend zugespitzt, bis schließlich ein klares Feindbild entsteht.

„Im Gegensatz zur Talahon-Subkultur werden hier bürgerliche Werte nicht abgelehnt, sondern überbetont.“

In diesem Zusammenhang lässt sich anmerken, dass die AfD häufig als Protestpartei wahrgenommen wird. Dabei geht es weniger um konkrete Inhalte als um das Bedürfnis, ein Zeichen des Dagegenseins zu setzen und Aufmerksamkeit zu erzeugen, selbst dann, wenn diese negativ ausfällt. Diese Dynamik verstärkt vor allem das Denken in Gruppen, im Sinne eines Wir-gegen-sie.

Im Gegensatz zur Talahon-Subkultur werden hier bürgerliche Werte nicht abgelehnt, sondern überbetont. Ausbildung, Abschlüsse und Erwerbsarbeit dienen als moralische Abgrenzung gegenüber anderen politischen Lagern. Menschen, denen geringere Leistung zugeschrieben wird, insbesondere wenn sie eine Migrationsgeschichte haben, werden dabei leicht zu Feindbildern erklärt.

Zwischen diesen Gruppen entsteht eine Art Hass-Liebe-Beziehung, da sie einander benötigen, um sich über Abgrenzung zu definieren. Die gesellschaftliche Mehrheit schwankt dabei immer wieder, welche Gruppe als problematischer wahrgenommen wird und welcher mehr negative Aufmerksamkeit zuteilwird.

Oft bleibt unbeachtet, dass diese Dynamik die Gesellschaft zunehmend in viele kleine Gruppen aufspaltet, die trotz aller Gegensätze eines gemeinsam haben: den Wunsch, gesehen und anerkannt zu werden. Eines der Kernprobleme in den Debatten um Wertschätzung ist dabei ein veraltetes Verhältnis zur Arbeit. Häufig wird darüber gesprochen, welche Gruppen wie viel geleistet haben und wer angeblich zum Wiederaufbau Deutschlands beigetragen hat.

„Letztlich geht es um Anerkennung.“

Der Fokus liegt dabei stark auf sozialen Leistungen, fast so, als gäbe es keine anderen Staatsausgaben und als würden einige wenige Langzeitarbeitslose den gesellschaftlichen Wohlstand für sich beanspruchen. Dabei wird übersehen, dass das, was Menschen für Gemeinschaft und Zusammenhalt leisten, nicht allein in prestigeträchtigen Berufsbezeichnungen oder optimierten Lebensläufen auf Plattformen wie LinkedIn sichtbar wird. Auch dort geht es letztlich um Anerkennung.

Arbeit und gesellschaftlicher Beitrag haben viele Formen. Für die Gemeinschaft tätig zu sein bedeutet nicht nur Erwerbsarbeit, sondern auch Fürsorge, Engagement, kreative Arbeit oder soziale Verantwortung, vorausgesetzt, die entsprechenden Möglichkeiten zur Entfaltung sind überhaupt vorhanden.

In Zeiten von künstlicher Intelligenz und sich wandelnden Industrien wird sich auch das Verständnis von Arbeit verändern müssen. Die entscheidende Frage ist, ob wir künftig immer mehr Menschen haben werden, die sich vom Leistungs- und Arbeitsethos ausgeschlossen fühlen, oder ob es gelingt, jede Form des gesellschaftlichen Einbringens als wertvoll anzuerkennen. (mig) Meinung

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)