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Mädchen mit Kopftuch (Symbolfoto) © 123rf.com

Aufgeben ist keine Option

Afghaninnen retten sich in die Selbstständigkeit

Amira Latifi wollte Informatik studieren – heute näht sie heimlich Mode, beschäftigt Frauen und unterrichtet Mädchen im Verborgenen. Während Taliban Bildung und Jobs blockieren, werden kleine Unternehmen zum letzten Ausweg.

Von Dienstag, 03.02.2026, 12:06 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 03.02.2026, 12:06 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Eigentlich, sagt Amira Latifi, hätte sie jetzt Informatik an der Universität in Kabul studiert. Sie sitzt an einem Nachmittag im vergangenen Herbst an einem geheimen Ort in der afghanischen Hauptstadt. Sogar ein Stipendium für ein Auslandsstudium hatte sie erhalten. „Aber meine Eltern waren so stolz, dass ihre Tochter an der Universität in Kabul studieren würde, dass sie mir das Stipendium nicht erlaubten“, sagt Latifi, die eigentlich anders heißt, ihren Namen aus Sicherheitsgründen aber nicht öffentlich nennen will.

Als die Taliban im Sommer 2021 die Macht in Afghanistan übernehmen, besucht die 23-Jährige gerade eine private Universität, um sich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Doch dann schränkten die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen innerhalb weniger Monate immer weiter ein und verboten ihnen zunächst den Besuch weiterführender Schulen, später auch von Universitäten.

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Aufgeben ist keine Option

Aufgeben wollte Latifi trotzdem nicht. Schon kurz nach der Machtübernahme beginnt sie, zu Hause eigene Mode und traditionelle afghanische Kleidung zu nähen, um diese später über Instagram oder Facebook und per Luftfracht ins Ausland zu versenden. „Anfangs gab es viele Probleme mit dem Versand, und wir mussten uns das Vertrauen der Kunden erst aufbauen“, sagt sie. Heute beschäftigt sie rund zehn Mädchen und Frauen in einer kleinen Werkstatt. Der Großteil ihrer Produkte gehe nach Kanada, wo viele Freunde von ihr lebten, aber auch in die USA oder die Schweiz. Mittlerweile, erzählt sie, besitze sie für ihre Modeproduktion sogar eine offizielle Lizenz der Handelskammer in Kabul.

Während die Taliban die Arbeitsmöglichkeiten von Frauen im öffentlichen Raum, im Verwaltungsapparat sowie bei nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen radikal einschränkten, sind kleine Unternehmen und Selbstständige laut einem aktuellen Bericht der Denkfabrik „Crisis Group“ zum letzten Rückzugsort für Frauen auf dem Arbeitsmarkt geworden. Bis auf strikte Regeln zur Geschlechtertrennung seien diese weitgehend von Einschränkungen verschont geblieben.

Kompromiss der Regierung

Mehr noch: Bisweilen werde ihre Arbeit sogar gefördert, etwa indem die Behörden die zunächst geschlossene Frauenhandelskammer in Kabul neu eröffneten oder Handelsmessen und Märkte für von Frauen geführte Unternehmen gründeten. Laut den Experten dürfte es sich dabei um einen stillschweigenden Kompromiss innerhalb der Regierung handeln: Während einerseits konservative und radikale Vorstellungen gewahrt würden, erlaube man Frauen zugleich eine wirtschaftliche Teilhabe, auf die viele Familien angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage im Land dringend angewiesen seien.

 

In der Folge hätten viele Frauen, die nach der Machtübernahme ihren Job verloren oder von den Bildungsrestriktionen betroffen gewesen seien, mittlerweile eigene kleine Unternehmen gegründet oder selbstständige Tätigkeiten gestartet, heißt es in dem Bericht. Tatsächlich verkündete das Handels- und Industrieministerium im November 2024 die Vergabe von 10.000 Lizenzen an Unternehmerinnen in den vorangegangenen drei Jahren, etwa viermal so viele wie noch vor der Machtübernahme der Taliban. Die Dunkelziffer im informellen Sektor dürfte mit schätzungsweise 250.000 Frauen laut afghanischem Wirtschaftsministerium deutlich höher liegen.

Schwankendes Einkommen

„Früher hatten wir viele Frauen und Mädchen, die auf den Straßen demonstriert haben, aber mittlerweile ist das unmöglich“, sagt Latifi. Vielen bleibe kaum etwas anderes übrig, als die Situation zu akzeptieren und sich anstelle von Bildung auf kleine Geschäfte und Handwerkskunst zu fokussieren. Wie Latifi vermarkten die meisten dieser Frauen ihre Produkte, hauptsächlich Kleidung, Hautpflege oder Kosmetik, über die sozialen Medien. Doch das Einkommen auf dem Onlinemarkt sei bislang eher unstetig, sagt Latifi. „Manchmal verdienen wir 100 Dollar im Monat, manchmal bis zu 500.“

Zudem fehlt es an dringend benötigten Weiterbildungsmöglichkeiten und Schulbildung für Mädchen und Frauen. Von Anfang an habe sie daher neben der Modeproduktion auch heimlich einige Mädchen unterrichtet, die von den Bildungsverboten betroffen sind, erzählt Latifi: „Wir schulen sie in Fremdsprachen, im Nähen oder darin, wie man Computer benutzt.“

Viel Hoffnung, dass ihre kleinen Freiheiten dauerhaft bestehen bleiben, hat Latifi nicht. „Ich weiß nicht, was passieren wird und ob ich bald für jeden Ort, den ich besuche, eine männliche Begleitung brauche – etwa um Materialien auf dem Basar für meine Kunden zu kaufen.“ (epd/mig) Aktuell Ausland

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