
Mehrsprachig reicht nicht
Digitaler Ansprache migrantischer Communities
Mehr Kanäle, mehr Sprachen – und trotzdem bleiben viele Fragen offen. Wer neu in Deutschland ist, sucht online Orientierung zu Aufenthalt, Arbeit oder Schule. Ein Hürdenlauf zwischen Übersetzung und Behördendeutsch.
Freitag, 30.01.2026, 0:35 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 31.01.2026, 16:38 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Politik, Behörden und Initiativen erreichen Menschen mit Migrationserfahrung heute immer häufiger über Messenger, Social Media und digitale Portale. Das klingt nach Fortschritt: schneller, direkter, mehrsprachig. In der Praxis zeigt sich aber ein Kernproblem, das in vielen Digitalstrategien unterschätzt wird: Mehrsprachig bedeutet nicht automatisch verständlich.
Viele Informationen lassen sich technisch leicht übersetzen. Was schwieriger ist: sie so zu formulieren, dass sie im Alltag wirklich weiterhelfen. Wer zum Beispiel neu in Deutschland ist und wissen will, wie eine Verlängerung des Aufenthaltstitels funktioniert, braucht nicht nur die richtigen Wörter – sondern eine Orientierung: Was muss ich wann tun? Welche Unterlagen sind gemeint? Welche Frist gilt? Wo bekomme ich Hilfe, wenn etwas fehlt?
Wenn digitale Angebote diese Brücke nicht schlagen, wird Mehrsprachigkeit zur Kulisse. Dann bleibt beim Lesen ein Gefühl zurück, das viele kennen: „Ich habe es gelesen – aber ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe.“
Wenn Verständlichkeit zur sozialen Frage wird
Genau hier wird digitale Ansprache zu einer Frage von Teilhabe. Denn nicht alle starten im digitalen Raum mit den gleichen Voraussetzungen.
Eine Studie zeigt, wie stark digitale Grundkompetenzen von Lebenslagen abhängen: Nur 27 Prozent der Menschen in schwierigen Wohnverhältnissen verfügen demnach über digitale Basiskompetenzen; in der Gesamtbevölkerung sind es 49 Prozent.
Wer wenig Platz hat, kein ruhiges Umfeld, vielleicht nur ein älteres Smartphone, wer Datenvolumen sparen muss oder mehrere Jobs und Sorgearbeit jongliert, nutzt digitale Angebote anders als jemand mit Laptop, Drucker und großem Zeitfenster. In solchen Situationen entscheidet schon die Gestaltung darüber, ob Information ankommt: lange PDF-Dokumente, komplizierte Formulare, unklare Schrittfolgen – all das wird schnell zur Hürde. Digitale Verständlichkeit ist damit keine Stilfrage, sondern eine soziale Frage.
Und selbst wenn die Information sprachlich sitzt, bleibt eine zweite Hürde. Viele Plattformen, insbesondere Soziale Medien, sind dafür gebaut, dass Menschen auf diesen Portalen bleiben – und eben nicht weitergeleitet werden auf externe Seiten. Der Mechanismus ist simpel: kurze Clips, endlose Feeds, ständige Reize. Ein extremes Beispiel für diese Logik sind Plattformen, die ihre Inhalte so gestalten, dass man praktisch nicht 5 Sekunden Pause machen kann. Ergo: nicht jede digitale Umgebung ist ein guter Ort für Orientierung.
Übersetzen ist nicht erklären
Hinzu kommt: Mehrsprachige digitale Angebote orientieren sich oft am Original: ein Behördentext wird übersetzt, ein Merkblatt übertragen, ein Formular erklärt – oft in der Logik der Verwaltung. Doch Menschen, die neu ins Land kommen, suchen nicht die Logik der Verwaltung, sondern Handlungswissen.
Das ist der Unterschied zwischen:
- Übersetzen: „Sie müssen einen Antrag fristgerecht stellen.“
- Erklären: „Sie müssen den Antrag spätestens bis zum … online abgeben. Wenn Ihnen Unterlagen fehlen, reichen Sie zuerst den Antrag ein und bringen die Dokumente nach – so vermeiden Sie, dass die Frist verstreicht.“
Solche Erklärungen brauchen Beispiele, klare Reihenfolgen, kurze Sätze, manchmal auch eine Warnung vor typischen Fehlern. Und sie brauchen einen Blick für die Lebensrealität der Zielgruppen: Wer Angst hat, etwas falsch zu machen, wer schlechte Erfahrungen mit Behörden hat oder schlicht nicht weiß, welches Dokument gemeint ist, braucht mehr als einen übersetzten Absatz.
Vertrauen: Die zweite Hürde nach der Sprache
Selbst wenn Informationen gut erklärt sind, bleibt eine zweite große Frage: Glaube ich dieser Information? Vertrauen ist im digitalen Raum keine Nebensache – es entscheidet, ob Menschen handeln oder weitersuchen.
Gerade bei Themen wie Aufenthalt, Arbeit, Wohnung oder Familiennachzug ist die Unsicherheit groß. Viele Fragen sind existenziell. Und: Die Informationslage im Netz ist unübersichtlich. Zwischen seriösen Ratgebern, privaten „Tipps“ und fragwürdigen Angeboten liegen oft nur wenige Klicks.
Dass Desinformation in sozialen Netzwerken besonders schnell Reichweite bekommt, ist gut dokumentiert – auch staatliche Stellen warnen davor, weil die Verbreitungslogik Plattformen begünstigt. Für Menschen mit Migrationserfahrung kann das konkrete Folgen haben: falsche Versprechen, überteuerte „Beratung“, Panikmache oder schlicht falsche Anweisungen, die im schlimmsten Fall zu versäumten Fristen führen.
Vertrauen entsteht deshalb nicht durch ein Logo allein. Es entsteht durch Verlässlichkeit: nachvollziehbare Informationen, klare Zuständigkeiten, erreichbare Rückfragen – und das Gefühl, respektvoll angesprochen zu werden.
Warum offizielle Infos trotzdem oft nicht ankommen
Behörden können sachlich korrekt informieren – und trotzdem Zielgruppen verfehlen. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Ton und Sprache: Wer in Verwaltungslogik schreibt, wirkt schnell abweisend oder „kalt“. Das kann Distanz verstärken – besonders bei Menschen, die ohnehin Hemmungen haben.
- Fehlende Anschlussstellen: Ein Post, der sagt „Alle Infos stehen hier“, hilft wenig, wenn der Link ins Leere führt oder das Portal unverständlich bleibt.
- Unklare Prioritäten: Menschen suchen nicht „alles“, sondern das Nötigste: „Was ist jetzt mein nächster Schritt?“
- Erfahrungen und Ängste: Wer negative Erfahrungen mit Institutionen gemacht hat, braucht mehr Begründung, Transparenz und manchmal auch Zusicherungen, was mit Daten passiert.
Hier setzen zivilgesellschaftliche Projekte häufig erfolgreicher an – vor allem, wenn sie nicht nur übersetzen, sondern kontextualisieren: Inhalte werden in alltagsnaher Sprache erklärt, mit Beispielen, und oft über Personen vermittelt, denen Zielgruppen vertrauen.
Dass Beratung inzwischen bewusst in sozialen Medien stattfindet und dafür eigene Leitlinien entwickelt werden, zeigt etwa eine Publikation zu „Migrationsberatung in sozialen Medien“ von Minor. Dort geht es um Standards, Rollen, Grenzen und Qualität in digitaler Beratung – also genau um die Frage, wie Vertrauen im Netz aufgebaut werden kann.
Zwei Drittel wünschen sich mehr digitale Teilhabe
Der Wunsch nach digitaler Teilhabe ist in Deutschland groß. Nach einer Bitkom-Erhebung wollen 68 Prozent der Menschen mehr am digitalen Leben teilhaben.
Dieser Wunsch ist eine Chance – aber auch eine Warnung: Mehr Digitales allein reicht nicht. Wenn digitale Angebote unverständlich sind, wenn sie an Lebensrealitäten vorbeigehen oder wenn Menschen nicht wissen, welchen Quellen sie trauen können, wird der digitale Raum nicht zum Türöffner, sondern zum weiteren Filter.
Was digitale Ansprache leisten muss, damit sie nicht ausschließt
Wenn digitale Angebote Menschen mit Migrationserfahrung wirklich erreichen sollen, braucht es drei Dinge – ganz praktisch, ohne Buzzwords: Klare Sprache statt Amtsdeutsch, Kontext statt reiner Übersetzung, Vertrauen durch Transparenz.
Erst dann wird digitale Ansprache zu dem, was sie verspricht: niedrigschwellig, respektvoll, hilfreich – und damit ein Stück demokratischer Teilhabe.
Denn am Ende ist die eigentliche Frage nicht, ob Behörden und Politik „auch auf Instagram“ sind. Sondern: Ob die Menschen, die diese Infos am dringendsten brauchen, sie verstehen – und ihnen glauben können. (etb) Panorama
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