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Nordrhein-Westfalen

Erfassung aller Staatsangehörigkeiten bei Straftaten löst Kritik aus

NRW geht bei der Kriminalitätsstatistik einen Sonderweg: Die Polizei wird künftig sämtliche Staatsangehörigkeiten von Verdächtigen erfassen und ausweisen. Das ruft deutlichen Protest beim kleinen Koalitionspartner hervor – Wasser auf die Mühlen der AfD.

Sonntag, 31.08.2025, 11:08 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 31.08.2025, 12:16 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

In der nordrhein-westfälischen Kriminalitätsstatistik sollen künftig Mehrfach-Staatsangehörigkeiten von Verdächtigen und Opfern ausgewiesen werden. Das hat das NRW-Innenministerium mitgeteilt. „Wer die Realität sehen will, muss sie auch messen. Darum müssen wir Mehrfachstaatsangehörigkeiten künftig in der Kriminalstatistik berücksichtigen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) der „Rheinischen Post“. Zudem könnten mehrere Staatsangehörigkeiten im Hinblick auf Haftgründe Anhaltspunkte für eine eventuelle Fluchtgefahr und für Fluchtmöglichkeiten sein.

Ein entsprechender Erlass sieht die geänderte Erfassung rückwirkend ab 1. Juli vor. Bislang war es so, dass deutsche Verdächtige, die etwa auch einen türkischen oder griechischen Pass hatten, nur als deutsche Tatverdächtige geführt wurden. An das Bundeskriminalamt wird allerdings gemäß bundeseinheitlicher Richtlinien weiterhin nur eine Staatsangehörigkeit übermittelt.

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Grüne: Nennung aller Staatsangehörigkeiten hilft Populisten

Ungewöhnlich deutlich distanzieren sich die Grünen von Reuls Erlass. Er „bringt keinerlei Erkenntnisgewinn für die Arbeit der Polizei und zahlt ein aufs Konto der völkisch denkenden AfD“, kritisierte die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion Julia Höller in Düsseldorf. Ein Pass sage nichts darüber aus, warum jemand straffällig werde oder ob er Kontakte ins Ausland habe.

„Diese Art der Darstellung ist Populismus und hat eine gefährliche Nebenwirkung: Menschen mit Doppelpass werden zu Deutschen zweiter Klasse abgestuft“, kritisierte Höller. Derart scharfe Töne in der Öffentlichkeit sind in der vielfach als „geräuschlos“ beschriebenen schwarz-grünen Koalition von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) außergewöhnlich.

Das Grundgesetz sage sehr klar, dass Deutscher sei, wer einen deutschen Pass habe – egal, ob es eine weitere Staatsangehörigkeit gebe, schreibt Höller in ihrer Mitteilung. „Für mehr Sicherheit müssen wir die echten Ursachen von Kriminalität wie Chancenlosigkeit oder Armut in den Blick nehmen und keine Scheindebatten führen.“.

Empörung auch von SPD und Linken

Ähnlich kritisch wie die Grünen äußerten sich Sozialdemokraten und Linke. Reul sei auf dem Holzweg, meinte die SPD-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann. Weil er die Kriminalität in NRW nicht in den Griff bekomme, starte der Innenminister jetzt ein Ablenkungsmanöver. „Herr Reul hat sich verrannt.“

Die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Clara Bünger, sagte der Rheinischen Post: „Was nach nüchterner Datenerhebung klingt, ist nichts anderes als eine gefährliche Spaltung: Menschen werden in ‚richtige‘ und ‚andere‘ Deutsche einsortiert“. Damit werde fälschlicherweise suggeriert, dass Staatsangehörigkeit etwas mit Straftaten zu tun hätte.

Erkenntnisse aus der Wissenschaft

Laut NRW-Ministerium habe eine Auswertung ergeben, dass jeder sechste Tatverdächtige mit deutscher Staatsangehörigkeit im Jahr 2024 eine zweite Staatsangehörigkeit besaß. Die häufigsten fünf Doppelstaatsangehörigkeiten bei den deutschen Verdächtigen im Jahr 2024 in NRW waren: deutsch/türkisch (10.307), deutsch/polnisch (6.652), deutsch/russisch (3.484), deutsch/marokkanisch (3.125) und deutsch/syrisch (2.185).

Allerdings haben diese Zahlen wenig Aussagekraft, weil sie zunächst in Relation zur Gesamtzahl der jeweiligen Doppelstaatler gesetzt werden müssen. Studien belegen zudem, Kriminalität und Staatsbürgerschaft in keinem Zusammenhang stehen. Vielmehr seien Faktoren wie Bildung, Arbeitslosigkeit oder Wohnumfeld entscheidend. Vergleiche man kriminell in Erscheinung getretene Personen aus ähnlichen sozialen Schichten miteinander, gebe es keine nennenswerten Unterschiede zwischen Deutschen und Menschen ohne deutschen Pass. (dpa/mig) Leitartikel Politik

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