Sprachhintergrund

Wenn das Leben dem Deutschkurs Zitronen gibt…

Zugegeben, Corona ist nicht nur eine Zitrone, sondern ein ganzer Korb voll. Aber was bedeutet das für die Integrations- und Berufssprachkurse? Ich muss Sie enttäuschen. Das mit der Limonade wird wahrscheinlich nichts. Und Tequila und Salz sind auch alle.

Als im Lockdown die Deutschkurse unterbrochen wurden, hat sich wieder einmal gezeigt, wie engagiert und kreativ unser Bildungsbereich mit Herausforderungen umgeht. In einem atemberaubenden Tempo haben das BAMF als verantwortliche Bundesbehörde und Träger online-Kurse an den Start gebracht, Lehrkräfte haben sich intensiv für den online-Unterricht fortgebildet, Verlage haben kostenfreie online-Fortbildungen angeboten, Lernende haben sich – oft nur mit Handys ausgestattet – mutig und aufgeschlossen an diesem bundesweiten Experiment beteiligt. Und nicht nur das: Seit dem 01.07. ist in Integrations- und Berufssprachkursen an Formaten schon all das möglich, was Schule gerade langsam erst andenkt: von Präsenz, über hybrid bis hin zu virtuellen Klassenzimmern wäre für jeden Bedarf, für jede Situation etwas möglich.

Leider erreichen die rein virtuellen Klassenzimmer nur einen kleinen Teil der Lernenden, weil das online-Lernen gerade für Ältere oder Menschen auf dem Land ohne ausreichendes Netz sowohl von den technischen Möglichkeiten als auch von der Lernerfahrung her voraussetzungsvoll sein kann. Und für den Präsenzunterricht sind die meisten Kurse zu groß, als dass man in den Kursräumen die Abstandsregelungen einhalten könnte.

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Aber seit dem 1. Juli kann man einen Kurs in zwei kleinere Lerngruppen aufteilen! Und sind wir da nicht schon bei der Limonade?

„Entweder rennt der Dozent abwechselnd zwischen zwei Räumen hin und her oder er betreut eine Gruppe im Präsenzunterricht und eine live zugeschaltete virtuelle Gruppe gleichzeitig und hat dabei auch noch ein (drittes?) Auge auf die Technik. Viele Lehrkräfte gehen mittlerweile auf dem Zahnfleisch…“

Leider nein, denn der Dozent muss nun zwei Gruppen gleichzeitig unterrichten, da die Träger vom Bund kein Geld für eine zweite Lehrkraft erhalten. Entweder rennt der Dozent abwechselnd zwischen zwei Räumen hin und her oder er betreut eine Gruppe im Präsenzunterricht und eine live zugeschaltete virtuelle Gruppe gleichzeitig und hat dabei auch noch ein (drittes?) Auge auf die Technik. Viele Lehrkräfte gehen mittlerweile auf dem Zahnfleisch, ein Teil der Lehrkräfte ist durch die Regelung ohne Beschäftigung und die Teilnehmenden erhalten real nur einen Teil des Unterrichts, den sie bräuchten, um das anvisierte Sprachziel in dem ihnen verfügbaren Stundenkontingent erreichen zu können.

Dabei ginge nicht nur Limonade, sondern auch Tequila und Salz. Wir machen die Erfahrung, dass hybrider Unterricht unter bestimmten Voraussetzungen ausgesprochen gut gelingen könnte. Was benötigen Träger und Lehrkräfte dafür? Sie brauchen Zeit und Geld: für Fortbildung, kollegialen Austausch, Hospitationen, Betreuung der Technik, Ausstattung usw. Wir brauchen in den Integrations- und Berufssprachkursen dringender denn je Kollegiumsstrukturen und weniger Einzelkämpfer. Finanziell auf Kante genäht und mit Förderbedingungen, die primär auf Honorarstrukturen ausgerichtet sind, können wir diese Aufgabe nicht stemmen.

Das Konzept des BAMF, wie man Corona begegnen kann, ist gut durchdacht. Aber Limonade können wir nur draus machen, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern. Sonst bleiben diese Zitronen, wie man es dreht und wendet, am Ende einfach nur … Zitronen.