Integration im 16:9 Format

Cabriofahrer dieser Welt vereinigt euch!

Was immer Muslime tun, sie kommen in die Nachrichten: Verteilen von kostenlosen Koranexemplaren oder die religiöse Beschneidung von Jungen. Die Mun-Sekte verteilt auch religiöse Bücher und Koreaner lassen ihre Jungen auch beschneiden – ohne eine einzige Schlagzeile. Was mein türkischer Bäcker dazu sagt…

Als die öffentliche Diskussion um die Verteilung des Korans der Salafisten in den Medien kursierte, musste ich an meine letzte Münchenreise denken, bei der ich vor dem Eingang eines Einkaufszentrums am Marienplatz einen Stand der Mun-Sekte entdeckte. Die Munies hatten zahlreiche Bücher ihres selbst ernannten koreanischen Propheten Mun auf dem Tisch gestapelt und händigten diese an interessierte Passanten aus. Am nächsten Morgen fand ich keine Schlagzeilen in der lokalen Zeitung vor, von wegen „Mun-Sekte verteilt kostenlos Bücher ihres Propheten aus“, geschweige denn sah etwas darüber in den Nachrichten.

Das ist das Schicksal einer Minderheit, in einer Minderheit zu sein. Der Gesellschaft interessiert es wenig, ob Munies versuchen koreanische Verbände zu unterwandern, um neue Mitglieder zu akquirieren. Irgendwann fand ich auch eine Autobiografie des Sektengründers Mun in meinem Postfach und wunderte mich, wie sie meine Kontaktdaten ausfindig machen konnten. Einige Munies schrieben mir E-Mails, baten um ein Treffen und versuchten mich damit zu locken, dass sie mir ein Besuch in Nordkorea, wenn es gewollt ist, mühelos ermöglichen könnten. Höflich lehnte ich ab.

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Gleichsam wie mit der Mun-Sekte wird auch mit der Beschneidungsdebatte verfahren. Meine Cousins, die weder jüdischen noch islamischen Glaubens sind, mussten um die 11 oder 12 Jahre alt gewesen sein, als sie mit einem Plastikbecher in ihren Sporthosen zum Schutz ihrer Männlichkeit in die Wohnung umherliefen. Beiden Cousins wurde durch einen operativen Eingriff die Vorhaut entfernt. Mein Onkel meinte nur, dass die Beschneidung medizinische Vorteile mit sich brächte und einfach hygienischer sei. Genüsslich schleckten beide Cousins an ihrem Melonen-Eis und machten ganz und gar nicht den Anschein, in irgendeiner Form von meinem Onkel genötigt oder „Opfer einer Beschneidung“ geworden zu sein.

Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, als mein Vater nach Hause kam, seinen Zeigefinger ausstreckte, um mir so verständlich zu machen, ihm kommentarlos zu folgen. Es muss in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein. Von unserer Wohnung führte mich Vater zum naheliegenden Krankenhaus, in der meine Mutter arbeitete. Dort wurde ich geboren und besuchte die koreanische Sprachschule. Zunächst glaubte ich, dass mein Vater mit mir aus nostalgischen Gründen zum Krankenhaus spazieren ging, der guten alten Zeiten wegen. Stattdessen lieferte mich mein Vater im Krankenhaus ab. An seine Worte habe ich nur noch wenig Erinnerung. Aber es muss so etwas gewesen sein, wie „Heute wirst Du zum Cabriofahrer!“

Von dem operativen Eingriff trug ich keine psychotraumatischen Nebeneffekte davon. Allenfalls von dem Tag, als ich mein Vater mit etwa fünf Jahren beim Mittagsschlaf unbeabsichtigt anpinkelte und er dann mit einem Hackfleischmesser aus der Küche wiederkehrte und mir drohte, beim nächsten Anpinkeln, mein gutes Stück abzuschneiden. Nur um Haaresbreite entging ich an diesem Tag einer „Khitan“ ohne Pascha-Outfit. Ich versprach meinem Vater, ihn nie wieder anzupinkeln – ein Versprechen, das ich bis heute gehalten habe.

Der aktuellen Debatte geschuldet rief ich kürzlich meinen Vater an. Ich scherzte mit ihm über den Tag, als mir das Verdeck meines Cabrios geöffnet wurde. „Du weißt schon, dass ich Dich heute wegen Körperverletzung verklagen könnte“, sagte ich zu meinem Vater, der sich vor lauter Lachen nicht mehr einkriegen konnte.

„Aber dafür kannst Du, durch alle Jahreszeiten mit offenem Verdeck fahren und hast immer freie Aussicht“, erwiderte mein Vater auf Koreanisch. In der Grundschule konnte ich von da an mit meinen türkischen Freunden mitreden und vor allem mithalten, die schon lange die „Khitan“ hinter sich hatten. Ich scherzte mit meinen türkischen Freunden und fragte sie „Hey, fährst Du auch Cabrio?“ „Ja!“, antworteten ausnahmslos alle. Mein bester Freund Mehmet dachte immer voraus und fügte stets zu seinen Antworten hinzu „beim Straßenverkehr immer achtsam zu sein“.

Wie an jedem Wochenende hole ich mir meine Schrippen bei meinem türkischen Bäcker von nebenan. Ich verstehe mich sehr gut mit ihm, so gut, dass er mir ab und an frische Böreks umsonst mit in die Tüte einpackt und das ohne ihn die Cabriofrage gestellt zu haben. Wenn wenige Kunden in seinem Laden sind, halten wir Smalltalk über die Erziehung seiner Kinder, Bildung, Urlaub und aktuelle politische Diskurse. Dieses Mal war es das Beschneidungsverbot.

„Ein Journalist, der vor Kurzem unseren Laden besuchte, fragte mich tatsächlich, ob ich nicht Lust hätte, auf dem Titelbild einer großen Zeitung abgedruckt zu werden. Voraussetzung wäre, dass ich meinen Sohn beschneiden lasse! Diese Journalisten sollen sich mal mehr um die Aufklärung des NSU-Terrors bemühen“, sagte mir der Bäcker empört und schüttelte dabei den Kopf.

„Geschäftsleute wittern sicherlich schon das Geschäft ihres Lebens und werden bald Reisen zu Ländern anbieten, wo die Beschneidung straffrei praktiziert werden darf. Da bin ich mir sicher. Ich habe es satt, dass die Menschen uns sofort mit Ehrenmord, altmodische Traditionen, Terrorismus und nun mit Körperverletzung des Kindes in Verbindung setzen“, fügte mein türkischer Bäcker hinzu, der sich mittlerweile in Rage redete.

Ich hörte ihm zu und fragte mich, wie das Kölner Landgericht wohl geurteilt hätte, wenn es sich nicht um einen vierjährigen muslimischen Jungen gehandelt hätte, sondern einem jüdischen Kind. Zudem fragte ich mich, wie wohl der britische Prinz Charles, der Tampon-Mann zu der Beschneidungsdebatte steht. Bekannterweise ist Prinz Charles auch ein begeisterter Cabriofahrer mit Oldtimer-Kennzeichen. Des Weiteren fragte ich mich, wie der Bezug zum Selbstbestimmungsrecht des Kindes mit der wachsenden Kinderarmut, den unfairen Bildungschancen und maroden Schulen übereinstimmen kann. Ist das nicht auch eine Art Körperverletzung? Hinterlassen diese Auswirkungen keinen „permanenten und nicht wiederherstellbaren“ Schaden am Kind?

Vor einigen Tagen haben sich über 600 Mediziner und Juristen in einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt und sich für ein Beschneidungsverbot aus religiösen Gründen ausgesprochen. Ich musste an meinen türkischen Bäcker denken und wie recht er doch hat, dass einerseits so hitzig und innig über ein paar Zentimeter Haut diskutiert wird und auf der anderen Seite der NSU-Terror und die Aufarbeitung fast schon stiefmütterlich und grob fahrlässig behandelt wird. Am nächsten Wochenende wollte ich meinen türkischen Bäcker fragen, ob wir nicht auch an die Öffentlichkeit herantreten und ein Aufruf starten: „Cabriofahrer dieser Welt vereinigt euch!“