Dabei hatten vor einiger Zeit Minister und Senatoren die Sorge der Türkei, ihre Staatsbürger würden einer Assimilationspolitik ausgesetzt, als „Einmischung“ der türkischen Regierung in die deutsche Integrationspolitik verstanden und kritisiert. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan hat dagegen in Istanbul seiner Überzeugung erneut Ausdruck verliehen, verantwortlich für seine Bürger im Ausland zu sein: „Das Wohl unserer Mitmenschen im Ausland hat für uns oberste Priorität. Es ist unsere Aufgabe, diesen fünf Millionen türkischen Staatsbürgern in Europa zu dienen, ihre Probleme zu lösen und uns für ihre Rechte einzusetzen.“
„Ich bin auch eure Kanzlerin“
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Abgesehen davon, dass dies eine verfassungsrechtliche Verpflichtung eines jeden Staates ist, entspricht es auch der Erwartungshaltung der türkischen Migranten in Deutschland. Die türkischen Regierungen haben ihre Bürger im Ausland bisher stark vernachlässigt. Aber auch die Bundesregierung hat es sträflich versäumt, die Probleme seiner „neuen“ Bürger ernst zu nehmen. Zahlreiche Studien belegen, dass die deutsche Integrationspolitik eine beherzte Korrektur braucht.
Obwohl Deutschland immer vielfältiger wird, haben Menschen mit einem Migrationshintergrund weiterhin Schwierigkeiten in der Gesellschaft anzukommen. Das gilt auch für gut ausgebildete junge Menschen, die Deutschland zunehmend als einen Teil ihrer Identität verstehen und gerade keine Sprachdefizite haben. Es trifft nämlich gerade diese Personengruppe, wenn sie trotz gleichem Bildungsniveau schlechtere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt haben , schon in der Studienzeit allein wegen ihrem Migrationshintergrund und Glauben mit Argwohn betrachtet werden und mit großen Vorurteilen zu kämpfen hat. Da überrascht es nicht wirklich, dass jeder dritte türkische Akademiker seine Zukunft in der Türkei sieht, und oft das Gefühl hat, in Deutschland nicht wirklich erwünscht zu sein. Die Folge sind Segregationstendenzen auf der einen und wachsende Intoleranz auf der anderen Seite.
Die stärkere „Einmischung“ der Türkei könnte insofern als Korrektiv sowohl hinsichtlich eigener Versäumnisse als auch der Schwächen deutscher Integrationspolitik dienen und wird von türkischen Bürgern und ihren Vertretern auch weitgehend als solches verstanden und als Chance gesehen, in Deutschland mehr Gehör für ihre Belange zu finden. Denn der Druck von außen wird zwangsläufig dazu führen, dass deutsche Regierungen entweder versuchen „Missstände“ zu rechtfertigen oder schneller als bisher Lösungen erarbeiten. Wie das aussehen kann, zeigte Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits 2008, nachdem Erdogan in Köln von fast 20.000 Türken begrüßt wurde. „Ich bin auch eure Kanzlerin“, hatte sie nach der Rede Erdogans gesagt. Das war sehr berührend und wurde gut aufgenommen.
Ein solcher Einsatz für Minderheitenschutz und Menschenrechte ist für die Integration nicht hinderlich. Vielmehr wäre er durch die Forderung, die kulturelle und religiöse Vielfalt anzuerkennen und zu schützen, für das Zusammensein in Deutschland förderlich. Das zeigen gerade die deutschen Bemühungen für Menschenrechte und Minderheitenschutz im Ausland. Zu hoffen ist insofern, dass die gegenwärtige Zurückhaltung anlässlich der Gründung des Präsidiums für Auslandstürken seitens deutscher Politiker aus Einsicht herrührt. Alles andere würde Doppelmoral bedeuten und bei einem Großteil der Türken in Deutschland, die sich über die neue „väterliche“ Rolle der Türkei freuen, auf Unverständnis stoßen.
Aber auch die Türkei muss sich nun stärker für seine Minderheiten im eigenen Land kümmern, um an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft zu gewinnen. Die Gewinner in diesem Prozess wären somit Minderheiten in beiden Ländern und möglicherweise auch weit darüber hinaus. Diese „Chance“ als „Einmischung“ zu qualifizieren, wäre alles andere als verantwortungsbewusste und nachhaltige Politik.