Portrait

Şefik_a Gümüş – Landeskoordinator*in der Anti-Gewalt Arbeit für Lesben, Schwule und Trans* in NRW

Şefik_a Gümüş legt den Kopf in den Nacken und atmet lange aus. Sie sucht eine Antwort auf die erste Frage unseres Interviews. Sie lautet: „Wer bist du?“

So reagieren Veteran*innen, die der Kampf um die Deutungshoheit in dieser Frage ein Leben lang begleitet hat. Şefik_a Gümüş ist Landeskoordinator*in der Anti-Gewalt Arbeit für Lesben, Schwule und Trans* in NRW. Unser Treffen beginnt mit ihrem Händedruck, der so energisch ausfällt, dass man ihn noch einen Moment danach spüren kann. Sie spricht, wie sie denkt. Schnell, genau und analytisch. Sie hat ein souveränes Lächeln im Repertoire ihrer Mimik, dass freundlich aber bestimmt die Distanz zwischen ihr und ihrem Gegenüber wahrt. Nun denkt sie über diese Frage nach. „Wer bist du?“ Sie lächelt in sich hinein, sanfter als gerade noch und sagt: „Genau!“, als habe sie ein Problem gelöst. „Ich bin eine Person mit ganz vielen Facetten und ein davon ist meine Tätigkeit im rubicon.“

Das rubicon ist die Kölner Anlauf- und Beratungsstelle für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und queer orientierte Menschen (LSBTQ) und ihre Familien. Es gibt kaum Menschen aus dieser Gruppe, sagt Şefik_a Gümüş,“ die Diskriminierung und Gewalt nicht erlebt haben“.

Dabei ist es nicht ihre besondere Verletzlichkeit, die sie oft zum Zierl von Anfeindung und Exklusion macht, sondern das Handeln derer, die der vermeintlichen Norm angehören. Die sich als heterosexuell identifizieren, oder ihr biologisches Geschlecht leben. Die irritierten Fragen nach Gender und Geschlecht, nach sexueller Orientierung und Identifikation sind oftmals Fragen, denen sich, in all ihrer Intimität, kein heterosexueller cis-Mensch stellen muss. Auch darüber kann Şefik_a lange referieren.

Die Landeskoordinator*in schult Polizist*innen, Pädagog*innen und andere Personen, um sie für Diskriminierung gegen Menschen aus der LGBTQ*I Communiity zu sensibilisieren. Sie hat Ansprechpartner bei Polizei und LKA, um konkrete Fälle von Gewalt und Übergriffen gegen Menschen zu besprechen, die sich zur Beratung an sie gewandt haben. Und immer wieder kommt es auch vor, dass sie der Polizei gegenüber das Verhalten von Polizist*innen kritisieren muss. Da kommt es vor, dass Gewalt gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und queer orientierte Menschen nicht als solche anerkannt und zur Anzeige gebracht wird. Es geschieht auch, dass Polizist*innen selbst solche Gewalt ausüben oder Personen aufgrund ihrer sexuellen Verortung geringschätzig behandeln. Şefik_a Gümüş geht partnerschaftlich mit ihren Ansprechpartner*innen ins Gespräch. Es bedarf einer besonderen Sachlichkeit, die Balance zwischen Vorwurf und Schilderung zu wahren, damit ihr Gegenüber für ihre Argumente offen bleibt –Şefik_a kann das.

Sachlichkeit ist auch in alle Selbstbetrachtung gewoben, die Şefik_a betreibt. Zumindest hier, in diesem Raum. Auf ihrem Unterarm steht in großen Lettern das Wort „LIEBE“ geschrieben. Die Geschichte, die sie dazu erzählt, berichtet von Verlust, Trauer und Zuversicht. Sie erzählt mit so viel Nähe zum Gefühl, wie nötig und soviel Abstand, wie möglich. Darin wirkt sie geübt. Sie sei schon immer eher ein privater Mensch gewesen, sagt sie. Die Arbeit habe das sicher verstärkt.  Dann nickt sie ihren eigenen Satz ab, als habe sie etwas über sich herausgefunden.

Deutsche Polizeidienststellen haben „für das vergangene Jahr allein in der Hauptstadt 139 Straftaten aufgrund sexueller Orientierung erfasst. Bundesweit zählte die Polizei 313 Straftaten.“, berichtet die Wochenzeitung DIE ZEIT. Şefik_a Gümüş holt Luft, vermutlich hat sie die Zahlen schon unzählige Male erläutert. In Berlin, sagt sie, gebe es bei der Polizei Strukturen, die für die Erfassung von Straftaten gegen Menschen aus der LGTQ-I*-Community besonders sensibilisiert seien. Allein das Verhältnis der Straftaten, die auf Berlin und den Rest der Republik fallen, spreche für eine enorme Dunkelziffer der Gewalt im restlichen Deutschland.  Gümüş ermutigt Menschen, Übergriffe gegen sie zur Anzeige zu bringen, wenn sie das Wünschen. Das soll möglichst vor dem Eintreten physischer Gewalt gegen sie passieren. In Workshops und Gesprächen weist sie darauf hin. Öfter noch wenden sich Menschen an sie, die bereits Opfer von Gewalt geworden sind. Dann versucht sie ihnen eine Stütze zu sein und sie zu stärken – „für die nächste gewaltvolle Erfahrung.“  Sie sagt das ohne Ernüchterung. Denn sie weiß um die Normalität der Vorfälle, denen ihre Klient*innen ausgesetzt sind.

Sie spricht von Alliierten, wenn sie über Solidarität der Mehrheitsgesellschaft mit der LGBTQ-Community nachdenkt. Es ist ein Kampf, von dem nur weiß, wer sich für ihn interessiert. In Deutschland gelten die Errungenschaften einer gesellschaftlichen Gruppe noch zu oft als deren Erfolg alleine, kritisiert Gümüş. Dabei habe die Stärkung der Rechte Benachteiligter immer auch einen positiven Effekt für die Gesellschaft als Ganzes. Menschenrechte werden gewahrt. und die Gleichwertigkeit derer gewürdigt, die als „anders“ gelten. Solidarität könnte bedeuten, sich über diese Entwicklungen zu freuen, obwohl sie einen selbst nicht direkt treffen.