Benachteiligung ausländischer Namen

Plädoyer für anonymisierte Prüfungen

Das Wort „Pädagoge“ bezeichnet jemanden, der ein Kind bzw. einen Schüler anleitet. An Schulen beinhaltet diese Aufgabe häufig auch das Bewerten von Lernfortschritten. Dabei liegt es Pädagogen wohl fern, ihre Schüler unfair zu beurteilen. Ungerechte und vorurteilsbehaftete Bewertungen kommen aber regelmäßig vor. Von Roman Lietz

Da liegt wieder ein Stapel Klausuren auf meinem Schreibtisch. Ein wenig widerwillig setze ich mich ran, aber gleichzeitig auch neugierig darauf, was meine Studentinnen und Studenten in diesem Jahr alles zu Papier gebracht haben. Unwillkürlich fliegt mein Blick über die Namensliste. Mit den meisten kann ich ohnehin nichts anfangen. Aber da ist zum Beispiel Shawn, den mochte ich irgendwie von Anfang an, weil er mich an mein Irland-Jahr erinnert. Und Horst? War der überhaupt in den Veranstaltungen? Da war der Name doch sicher wieder Programm!

Halt! Das ist natürlich keine Grundlage für eine faire Bewertung. Schon beim Aufblättern der Klausur verbindet jeder – gewollt oder ungewollt – Erwartungen mit den Namen, egal ob man die Personen zum Namen kennt oder nicht. Zum Glück ist an der Hochschule, für die ich diese Klausur bewerte, ein anonymes Beurteilungsverfahren eingeführt: Ich sehe nur die Matrikelnummer und keinen Shawn und keinen Horst. Nachdem ich meine Noten verteilt habe, werden diese im Sekretariat mit den Namen der Studentinnen und Studenten verknüpft.

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Dass es zu unbewussten Vorurteilen im Lehrbetrieb kommt, ist mittlerweile durch zahlreiche Studien immer wieder belegt worden:

Nicht nur die soziale, sondern auch die sprachliche Herkunft eines Namens sorgt für Vorurteile:

Dass es als Frau gar keines Migrationshintergrunds bedarf, um auf Grundlage von Vorurteilen schlechter bewertet zu werden zeigt:

Doch es gibt einen Ausweg: Sobald sich Schulen und Hochschulen dieses Bias bewusst sind, lassen sich vorurteilsbehaftete Noten schnell der Vergangenheit zuordnen: Mit anonymisierten Beurteilungsverfahren. Das wird vielleicht nicht in jedem Prüfungssetting gehen, aber sicherlich in mehr als es zurzeit der Fall ist. Also, liebe Pädagoginnen und Pädagogen: Macht eure Hausaufgaben!

Nachsatz: Die Benachteiligung geht übrigens nach der Ausbildung weiter. Doris Weichselbaumer (Universität Linz) fand heraus, dass bei einer identischen Testbewerbung „Sandra Bauer“ 70 % häufiger zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird als „Meryem Öztürk“ und sogar 4,5 mal so oft wie „Meryem Öztürk“, wenn diese ein Foto mit Kopftuch den Bewerbungsunterlagen beifügt [9]. Aber das wäre dann ein Fall für anonyme Bewerbungen [10].

  1. Darley, John / Gross, Paget: A Hypothesis-Confirming Bias in Labeling Effects. In: Journal of Personality and Social Psychology, Vol 44(1), Jan 1983, 20-33