Replik

„Güler geht an den Realitäten der Menschen kilometerweit vorbei“

„Liebe Frau Güler, wenn Sie Ihre eigenen Worte ernstnehmen und ‚aufhören, Migranten für dumm zu verkaufen‘, dann müssen Sie den Mund aufmachen und ihrer Partei den Weg in die multikulturelle Realität aufzeigen“, schreibt Aziz Bozkurt in seiner Replik.

„Aufhören, Migranten für dumm zu verkaufen“ [1], fordert das Bundesvorstandsmitglied der CDU, Serap Güler, in einem Beitrag letzte Woche auf MiGAZIN. Auslöser für diesen „herzzerreißenden“ Aufschrei war ein Verriss des CDU Regierungsprogramms [2] seitens des Grünen-Abgeordneten in Nordrhein-Westfalen, Ali Baş.

An den Realitäten der Menschen vorbei
Beherzt und linientreu behauptet Güler, dass erstens die Union mit ihren symbolpolitischen Gesten DIE Partei der Migrantinnen und Migranten sei. Zweitens dass ihre Partei, diejenige sei, die sich wirklich um die Themen der Migranten kümmere und dabei die richtigen Ansichten vertrete. Gülers Beitrag geht an den Realitäten der Menschen kilometerweit vorbei.

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Das Nein der Union zur Homo-Ehe, das starre Festhalten am männlichen Ernährer-Modell des letzten Jahrhunderts, die Steinzeit-Wunderwaffe der Familienministerin Kristin Schröder, das Betreuungsgeld, und das strikte Nein zu einem allgemeinen Mindestlohn. Das alles sind Themen, die die Migrantinnen und Migranten bewegen und in denen die Union, laut Güler, die richtigen Positionen vertritt.

CDU hat weiterhin das Vorurteil von den „zurückgebliebenen und intoleranten Migranten“?
Güler beweist nur eines, dass sie nicht begriffen hat, dass Menschen mit Migrationshintergrund genauso ticken, wie der Durschschnitts-Deutsche. Sie sind schließlich ein Teil dieses Durchschnitts-Deutschen. Sie sind genauso homophob oder auch nicht, wie der Rest der Bevölkerung. Und diese sprach sich Anfang des Jahres, mit knapp drei viertel für die komplette Gleichstellung von Homo-Ehen aus. So zu tun, als ob Migranten hier rückwärtsgewandter wären, als der Rest der Bevölkerung, zeugt doch eher vom Bild der Union vom zurückgebliebenen und intoleranten Migranten.

Wenn Frau Güler wüsste, dass gerade Migrantinnen und Migranten proportional häufiger in schlecht bezahlten Jobs sitzen, dann wüsste sie auch, dass diese gerade von einem gesetzlichen Mindestlohn profitieren würden. Und aberwitzig wird es, wenn sie dem Leser weis machen will, dass der gemeine Migrant dem veralteten Bild des männlichen Haupternährers hinterhertrauert und am Ehegattensplitting wie am Betreuungsgeld hängt. Beispielsweise erteilte eine türkische Vätergruppe der Union eine deutliche Absage und nannte das Betreuungsgeld als eine „integrationspolitische Katastrophe“. Ein bildungspolitischer Hemmschuh ist es allemal. Hier entlarvt sich Frau Güler als hardcore Unionspolitikerin mit einer Gleichstellungsfeindlichen Einstellung.

Und die Unions-Symbolpolitik: von einem Feigenblatt zum nächsten. Herzblut hier, Leidenschaft da, Grußtantenpolitik aus dem Kanzleramt, eine Landesministerin mit Migrationshintergrund, der der Mund gleich in den ersten Tagen verboten wurde, als sie es wagte, religiöse Symbole in Schulen zu monieren, eine Kandidatin mit muslimischem Glauben und ja, die tollen Kaffeeklatsch-Runden mit dem Sheriff im Innenministerium. Wow. Eine breite Palette auf der Klaviatur der Symbolpolitik. Substanz? Fehlanzeige.

By the way: Es ist die Union, die mit der Islamkonferenz religiöse Vielfalt mit Sicherheitspolitik vermengt. Stigmatisierungspolitik par excellence. Auf solche Symbolpolitik können wir sicher verzichten.

Liebe Frau Güler, wenn Sie Ihre eigenen Worte ernstnehmen und „aufhören, Migranten für dumm zu verkaufen“, dann müssen Sie den Mund aufmachen und ihrer Partei den Weg in die multikulturelle Realität aufzeigen.