Amnesty Bericht

Das leidige Thema mit dem Kopftuch

Der Bericht von Amnesty International über die „Diskriminierung von Muslimen in Europa“ wiederholt nur Altbekanntes. Besonders betroffen sind Frauen. Das schizophrene dabei: Ausgerechnet die „Befreier“ und „Beschützer“ sind das größte Übel.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat ihren Bericht zur „Diskriminierung von Muslimen in Europa“ [1] veröffentlicht [2]. Eigentlich enthält der Bericht nichts Neues. Die Islamophobie bleibt weiter auf dem Vormarsch und unsere nichtmuslimischen Mitbürger stecken ihre muslimischen Mitmenschen eifrig in Schubladen.

Diskriminierungen in der Arbeitswelt und im Schulleben aufgrund des Kopftuchs sind traurigerweise immer noch nicht passé. Selbstbewusste, gebildete muslimische Frauen, bekommen das Label des unmündigen und rückständigen Individuums aufgedrückt – das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung.

Befreier
In dieser Gruppe befinden sich die sogenannten „Befreier“. Jene, die muslimische Frauen befreien wollen, vor allem vom Kopftuch, den islamischen Zwängen, der Gehirnwäsche, die ihnen verpasst wurde und von ihren Vätern und Brüdern, die sie manipulieren und kontrollieren. Ironischerweise fällt diesen „Befreiern“ oft nicht auf, dass auch sie munter zur Unterdrückung der muslimischen Frau beitragen.

Ein Beispiel unter Tausenden ist meine Freundin (geboren in Deutschland, graduierte mit Exzellenz in Zahnmedizin), die mir kürzlich von ihrem Vorstellungsgespräch berichtete: Als die Praxisinhaberin sie sah, hieß es, sie könne es nicht verantworten, eine Zahnärztin mit Kopftuch anzustellen. Sonst würde sie ja die Unterdrückung der Frau im Islam unterstützen und das könnte sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren und nicht vor ihren Patienten rechtfertigen.

Man versperrt also muslimischen Frauen den Weg zur Arbeitswelt und damit jegliche Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe, kann sich im selben Atemzug aber darüber aufregen, dass Frauen unterdrückt werden oder sich nicht integrieren? Schizophrenerweise sind unsere „Befreier“ nicht selten auch unsere größten Unterdrücker.

Beschützer
Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit. Neben den Unterdrückern gibt es auch die „Beschützer“. Das sind all jene, die muslimische Frauen beschützen wollen – mit dem Kopftuch. Eine muslimische Frau sei wie eine Perle, ein Diamant, eine Rose, lautet oft die Begründung. Und ein Schatz müsse beschützt werden.

Damit wird die Frau zum Objekt, das vor den schlechten, lüsternen Blicken der Männer in Gewahrsam gebracht werden muss. In ihrem Gutwillen unterscheiden sich diese „Beschützer“ kaum von den „Befreiern“: Muslimische Frauen werden diskriminiert, bedroht oder körperlich verletzt. Laut Amnesty International gehören diese Menschenrechtsverletzungen in sogenannten „islamischen“ Ländern wie Afghanistan oder Saudi-Arabien zum Alltag. Frauen, die sich nicht „korrekt“ anziehen, werden auf offener Straße verbal angegriffen und beleidigt oder im Extremfall durch selbst ernannte Wächter der Moral gewaltsam gezüchtigt. Das stellt sich mir die Frage, was aus dem prophetischen Prinzip geworden ist: „Der Beste unter euch ist derjenige der Frauen am besten behandelt?“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Prophet solche Maßnahmen im Kopf hatte.

Deswegen, liebe Befreier und liebe Beschützer, Hände weg vom Körper der muslimischen Frau! Sie hat die Hoheit und das Recht auf freie Selbstbestimmung und kann über ihren Körper und ihr Leben frei entscheiden. Dies ist ihr universales gottgegebenes und ein in der UN-Charta verwurzeltes Menschenrecht.