Hessischer Rundfunk

Keine muttersprachlichen Sendungen mehr

Der Hessische Rundfunk stellt ab dem 1. Januar 2010 den Betrieb der Mittelwelle und somit die muttersprachlichen Sendungen aufgrund von finanzieller Not ein. Programme in der Muttersprache seien sowieso nicht besonders relevant für die Integration, laut dem hr- Hörfunkdirektor Heinz Sommer. Die Meinungen gehen jedoch auseinander.

Der Hessische Rundfunk stellt als Folge der Etat-Kürzungen ab dem 1. Januar 2010 den Betrieb der Mittelwelle ein. Davon sind hauptsächlich die muttersprachlichen Programme betroffen, die eine Sendezeit von 3 ½ Stunden pro Tag umfassen. Bisher werden Programme auf Italienisch, Türkisch, Griechisch, Russisch, Jugoslawisch, Spanisch und Polnisch gesendet. Das Sparprogramm sieht die komplette Streichung dieser muttersprachlichen Sendungen vor.

Der Kern der interkulturellen Fachredaktion soll weiterhin erhalten bleiben– jedoch nicht mehr in dieser Form. Die MitarbeiterInnen der interkulturellen Redaktion werden an die anderen Redaktionen angedockt. Themen, die vor allem Menschen mit Migrationshintergrund betreffen und interessieren, werden dadurch erheblich gekürzt, wenn nicht komplett von der Agenda entfernt.

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Die Zusammensetzung der interkulturellen Redaktion ist sehr heterogen mit „richtigen Gastarbeiterkindern“ sagt Gunther Schneider, der ehemalige Redaktionsleiter der Ausländerprogramme, „weshalb wir einen anderen Blickwinkel für die Themen entwickelt haben“. Diese etwa 20 MitarbeiterInnen sind in einem ständigen Dialog mit den Initiativen und Organisationen der MigrantInnen. Aufgrund dieser besonderen Beschaffenheit bildet die interkulturelle Redaktion nach wie vor ein Kompetenzzentrum für Integrationsthemen, was auch der hr-Hörfunkdirektor Dr. Heinz Sommer bestätigt. Durch die Umstrukturierung seien jedoch Stellenverluste für diese JounalistInnen nicht auszuschließen.

Ausländische Sendungen sind relevant für die Integration…
Schneider sieht die komplette Streichung der muttersprachlichen Programme als ein falsches Signal für die Integration. Nach seiner Auffassung sind die muttersprachlichen Sendungen wichtig, um den Menschen mit Migrationshintergrund das Gefühl zu vermitteln, dass sie mit ihrer Mehrsprachigkeit akzeptiert werden.

Im Rahmen des nationalen Integrationsplans, der im Sommer 2007 von Bund, Ländern und Gemeinden, aber auch von VertreterInnen der MigrantInnen sowie vielen nichtstaatlichen Organisationen verabschiedet worden ist, haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ebenfalls Verantwortung für die Integration übernommen. Aus dem nationalen Integrationsplan ist zu entnehmen, dass unterschiedliche fremdsprachige Medienangebote für MigrantInnen kontinuierlich einen Beitrag zur sozialen und kulturellen Integration geleistet haben. Manche spezifischen Probleme und Fragen der Integration werden in deutschsprachigen Medien oft nur „unzureichend“ beantwortet, da sich der Großteil ihres Publikums nicht für diese Fragen interessiert. Außerdem wird in diesem Integrationsplan deklariert, dass die Ethnomedien vor allem jene erreichen, die der deutschen Sprache noch nicht ausreichend mächtig sind. Somit treffen sie die Problemgruppe der Integrationspolitik. Für die MigrantInnen stellen diese Medien auch eine glaubwürdige Kommunikationsplattform in allen Handlungsfeldern dar, die relevant für die Integrationspolitik sind.

…Ausländische Sendungen sind irrelevant für die Integration
Der Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks allerdings vertritt eine andere Auffassung. Er begründet die Streichung der muttersprachlichen Sendungen unter anderem damit, dass diese nicht förderlich für die Integration seien. Er bezieht sich auf die repräsentative Studie „Stellenwert und Nutzung der Medien in Migrantenmilieus“ von Walter Klingler und Albrecht Kutteroff. In dieser Studie wurde 2008 das Medienverhalten der Menschen mit Migrationshintergrund milieuorientiert untersucht. Eine der einschneidenden Ergebnisse dieser Studie ist, dass heute deutschsprachige und nicht muttersprachliche Angebote bei der Mediennutzung der MigrantInnen eine große, ja sogar eine dominierende Rolle spielen.

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Der hr-Hörfunkdirektor führt zudem an, dass erstens die MigrantInnen ihren Bedarf an muttersprachlichen Sendungen auch durch muttersprachliche Fernsehkanäle über den Satellit aus ihrer Heimat stillen. Zweitens könne man sich gar nicht sicher sein, ob man mit dem bereits bestehenden Sprachangebot auch wirklich alle Zielgruppen erreiche. Zumal es für Menschen aus beispielsweise Maghreb, die ebenfalls in Hessen zahlreich leben, keinerlei Angebote auf dem Hessischen Rundfunk bisher gegeben habe. Zuallerletzt wundert sich Sommer, ob es im Angesicht des zusammenwachsenden Europas überhaupt „der richtige Weg“ sei, Sendungen noch auf Italienisch und Griechisch zu produzieren.

Zur Beruhigung all derjenigen, die ab und zu mehr über anderen Kulturen erfahren möchten, wird die Sendung „Kulturen“ auch nach den Kürzungen sonntags einen Teil des Radioprogramms bilden – allerdings auf Deutsch.