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Pfand(P)fade

Wo Migration mündet und wem sie wann mundet – das weiß nicht nur Coca Cola nicht ganz genau. Höchste Zeit also, sich der Molekularküche zu widmen und die Polenta-Potentiale neu zu entdecken, damit das Thema Zuwanderung künftig nicht mehr auf den Magen schlägt.

Wie schmeckt Migration? Wie sie aussieht, wissen und sehen wir ja jeden Tag – anhand von Zahlen, Statistiken und Artikeln. Wie sie aussehen sollte, ist uns ebenso bekannt. Schließlich hat da ja jeder sein eigenes Bild vom Migranten im Hintergrund, mit Schatten oder Schikaneria. Gebildet, gebeutelt, geduldet, gescheitelt. Wie Anshu Jain. Der spricht jetzt auch Deutsch – und das wohl ganz ohne Integrationskurs. Kann man ja auch erwarten vom Chef der Deutschen Bank. Wie sieht das denn aus, wenn der Ko-Vorstandsvorsitzende des mächtigsten deutschen Kreditinstituts kein German parliert?

International sieht es aus und dieses Bild möchte die Deutsche Bank ja schließlich in die Welt tragen. Überheblich überhoben hat sie sich ja bereits – mit den Hebeln an ihren Finanzprodukten, Stellwerke- und werte, die nicht einmal Mathematiker mehr verstehen. Also heißt es jetzt: Zurück zu den Wurzeln, nur, wo liegen diese beim gebürtigen Inder mit britischem Pass? Wäre er gebürtiger Inder mit deutschem Pass, würden ihn die Briten wohl Wurzelkraut nennen.

Auf Wurzelkraut gebaut
Wurzelkraut an sich schmeckt beispielsweise Hasen. Und Hasen haben Löffel. Mit Löffeln lässt sich Migration aber nicht essen, dafür aber mit Buchstabensuppe der Bildungshunger stillen. Glaubt man neuesten Statistiken, sieht man, dass die neue Migranten-Welle eigentlich gar nicht hungrig ist, zumindest mit Hinsicht auf ihren Bildungsstatus. 43 Prozent der Neuzuwanderer zwischen 15 und 65 Jahren haben einen Meister, Hochschul- oder Technikerabschluss. Bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund sind dies nur 26 Prozent. Das sind die Ergebnisse einer Bertelsmann-Studie. Bedeutet: Die Migranten wollen Deutschland nicht ans Eingemachte, sondern arbeiten, Geld verdienen und ihre Qualifikationen einbringen. Wenn man sie nur ließe…

Laissez-faire ist aber nicht jedermanns Sache und überhaupt: De gustibus non est disputandum! Über Geschmäcker und Geschmäcke kann man nicht streiten. Man kann höchstens versuchen, exaltierte exotische Gerichte in Gerüchte um den Exodus zu verwandeln: Wurzelkraut mit Kartoffeln für Spaghetti- und Froschschenkelfresser, Kebap-Dreher und alle, denen der deutsche Koch nicht mundet. Weder mit Bifi noch mit mit Berger. Und bei diesem Gericht gibt es weder Einspruch noch Optionen. Entweder deutscher Pass oder Passepartout für deine Ausreisepapiere. Kannst du dir dann an deine ausländische Wand hängen, sofern deine Rundhütte überhaupt gerade Wände hat, alter Integrationsverweigerer!

Polenta-Potentiale schöpfen
Der Rumäne sagt derweil: Mamaliga nu face explösie. Maisbrei explodiert nicht. So wie Polenta. Ist auch ein Maisbrei und weit verbreitet. Gibt es in Norditalien, Südfrankreich, in Teilen der Schweiz, Österreichs und natürlich in Rumänien, Moldawiens und auch in anderen Ländern des Balkans. Maisbrei explodiert wohl deshalb nicht, weil er weich ist. Eingekocht, beliebig erweiterbar, deform. Eine klebrige, lethargische (aber nicht letale) Masse, die alles unter sich begräbt, wenn man ihr keinen Einhalt gebietet. Anders der getrocknete Mais: Der explodiert, wenn man ihn in die Mikrowelle steckt.

In diesem Sinne gibt es auch hinsichtlich der Frage, wie man mit der Mamaliga aus Osteuropa umgehen soll, unterschiedliche Ansätze: Kriminalisieren, auf dass sie erst gar nicht nach Deutschland kommen? Anwerben, auf dass sie in Deutschland bleiben? Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, jedenfalls fände es gut, wenn man dem Maisbrei einen entsprechenden Teller anböte. Eine Willkommenskultur soll erschaffen und die 70er-Jahre-Anwerbestopp-Politik überwunden werden. Man könne sich nicht darauf verlassen, dass der Zuwanderungsstrom von Hochqualifizierten anhielte. Zudem sei es wichtig, Deutschland auch für Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten attraktiv zu gestalten.

Coke dich selbst!
Also läuft wohl alles auf eine Art Kartoffel-Maisbrei hinaus? Wird aber auf die Dauer trocken. Keine Frage: Wir brauchen etwas zum Runterspülen. Vielleicht eine kühle Coke? Ist schließlich überall bekannt. Das aber reicht dem Coke-Imperium nicht. Sie wollen mehr und näher ran an die Lippen der Konsumenten. Also haben sie sich eine neue Kampagne ausgedacht: Personalisierte Coca-Cola-Flaschen- und Dosen. In über 30 europäischen und auch in anderen Ländern gibt es von nun an bis Ende August Cola-Flaschen mit den jeweils 150 beliebtesten Vor-, Spitz- und Kosenamen der jeweiligen Länder. Dasselbe gilt für Dosen, die man auch virtuell mit seinem Namen versehen und dann teilen oder auch Come-Together organisieren kann. Trink ne Coke mit Freunden – und teile es deinen Feinden mit!

Ob die Kritiker dieser Marketing-Aktion Feinde von Coca Cola sind, kann man schwer sagen. In jedem Fall sind es keine Freunde, weil ihre Namen nicht auf den Etiketten erscheinen werden. Das gilt beispielsweise für die russischen und eritreischen Einwanderer und die israelischen Staatsbürger arabisch-palästinensischer Herkunft in Israel. Sie beklagen, dass ihre Vornamen nirgendwo auftauchten. In Schweden andererseits nahm man Abstand davon, Namen wie Muhammad bzw. Mohammed auf die Etiketten der Flaschen und Dosen zu drucken. Beliebte Namen hin oder her, aber der des Propheten auf einer Dose oder Flasche, die dann im Müll oder im Recycling landet? Hallo, noch nie was von Reinkarnation gehört?

Überhaupt empfinde ich die Coke-Aktion als ein sehr religiöses Ritual, kann man doch auch als Atheist eine Taufe durchführen und muss dafür nicht einmal in die Kirche eintreten. Also habe ich mich im Sinne der christlichen Lehre des Agnus Dei – des Opferlamms – einem Selbstversuch hingegeben und auf http://www.coke.de/deinname einige Namen eingegeben: Bei Mohammed, Jesus, Buddha und Konfuzius komme ich nicht einmal dazu, die Namen zu Ende zu schreiben. Der Cursor blinkt ganz aufgeregt und blendet meine Vorschläge einfach aus. Jahwe, Moses und Merlin hingegen geht. Adolf nein, Benito ja. Che Guevara lässt der Coke-Generator zu, Fidel Castro hingegen nicht. Itaker und Yugo ist ok, Kartoffelfresser nicht. Ho Chi Minh ja, Kim Il Sung nein. Meine Favoriten: Alibabitur und Genietalien. Das drückt den überlegenen Bildungsstand von uns Migranten am besten aus!

Molekularküche unter Selektionsdruck führt zum Stuhlgang
Aber ja, man soll ja nicht mit Essen spielen und das gilt dann wohl auch für Getränke. Andererseits, und das scheint mir mindestens so unlogisch wie die Codes des Coke-Generators, was macht dann wohl Ferrán Adrià mit seiner Idee der Molekularisierung bzw. Rekonzeptualisierung von Lebensmitteln? Etwa nicht spielen? Nein, er rekonzeptionalisiert, skelettiert und reduziert Gerichte und Zutaten auf ihr Wesentliches und veredelt sie dann durch ein neues Gewand. Und nicht zu vergessen: Jedem Tisch- folgt schließlich der Stuhlgang. Und wenn man da pressen muss, hat das etwas mit Selektionsdruck zu tun. Dieser beschreibt im Sinne der Zuwanderer, des Maisbreis und des fehlenden göttlichen Spirits auf Dosen, wie sich Populationen unter Einwirkung bestimmter Selektionsverfahren entwickeln und diese Prozesse deren Anpassung an die Umwelt begünstigen. Heißt also: Maisbrei oder Popcorn?

Und es bedeutet: Leere Dosen, beschriftet oder nicht, trotz hohen Integrationsdrucks nicht einfach zusammendrücken, sondern unversehrt im Pfandautomaten versenken – als Tribut an die Aufnahmegesellschaft. Die hat dafür extra Automaten aufgestellt. Ähnlich des Namensgenerators von Coke nehmen die die Flaschen schneller an, wenn man sie mit dem Strich-Code in Richtung Laser legt. Das nennt man Anpassung oder auch Integration. Und wenn man aus einer Abgabegesellschaft stammt, sollte man wenigstens den Pfand auf die eigene Integration als Beitrag leisten.

Wir brauchen einen Cemp!
Und im Sinne von Beiträgen, Namen, Taufen und Essen (also Futterkrippen): Eine aktuelle Studie des Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zeigt, dass nur 14 Prozent der Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kinder in Kitas geben. Gründe hierfür: Sie bemängeln die Qualität der Kitas und Krippen, finden die Gruppen zu groß. Außerdem stört sie, dass die Kinder nicht gut genug auf die Schule vorbereitet würden und die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erziehern suboptimal sei. Und: Mehrsprachige Erzieher wären auch nicht schlecht.

Tja, da schlage ich vor, sie warten die nächste Bundestagswahl ab. Sollte nämlich der gelernte Erzieher Cem Özdemir sich danach frustriert von der grünen Roth abwenden, könnte er als dreisprachiger (Schwäbisch, Deutsch und Türkisch) Betreuer in altbekannter Manier neue Wege wagen. Und was diese neuen Wege im Sinne von Bekenntnispfaden, Viae Dolorosae und Tribute an erfolgreiche Migranten anstelle von Migrantions-Mauts angeht: Wenn du mich hörst, lieber Cem Özdemir, und einen Kampa-Manager brauchst, dann sag Bescheid! Habe auch schon den einen oder anderen Slogan für dich: Wir brauchen einen Cemp! We’re cemming! Die Cem de la Crème!