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Nazi – wir danken Dir!

Da ist es viel angenehmer, wenn etwa Probleme wie Ausländerhass, Islamophobie und Antisemitismus auf eben „die Nazis“ abgewälzt werden können. Sehr oft, wenn ein unschöner Zug unserer „aufgeklärten“ Gesellschaft auftaucht, dann bietet es sich an, diesen entweder ganz anderen anzulasten oder aber einer Randgruppe, die wir ebenfalls nicht als „wir“ empfinden. Wer gerade die Rolle des „anderen“, der „out-group“ übernimmt ist dabei äußerst variabel.

Ausländerhass und Rechtsextremismus werden gerne als Ossi-Phänomen der Jugend gesehen, obwohl nicht unwesentliche Inspiratoren unter älteren Wessis zu finden sind, Antisemitismus wird bei „Islamisten“ ausgelagert. Politiker verweisen gerne auf die jeweils andere Partei, Medienakteure gerne auf den jeweils anderen – also etwa die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten auf die Privaten, wenn es um Diskriminierung von Minderheiten in Mediendarstellungen geht, und so weiter und so fort – nur das Muster ist immer identisch: Selbstidealisierung bei gleichzeitiger Stigmatisierung der anderen und damit ewig währende Stagnation. Denn wenn die Probleme dahin verlagert werden, wo ich selber keinen Zugriff habe, kann ich auch nichts tun – so der vermeintlich entlastende Trugschluss, den man entsprechend der genannten Logik natürlich nur beim Anderen erkennt.

Für diese Möglichkeit könnten wir den Rechtsaußen also dankbar sein. Sie entlasten und verhindern, dass wir mit unseren eigenen unschönen Seiten konfrontiert werden. Jetzt nach den Enthüllungen um neo-nazistische Netzwerke und gewisse Behördenverstrickungen kommt die lange eingeübte Projektionsstruktur wieder vielen gelegen. Einigen politisch Verantwortlichen, die selbst mal durch die ein oder andere Absage an Multikulti eine Vorlage für rassistische Auswüchse gelegt haben, dürfte das gerade recht sein. Und so bedienen die nun nicht abreißen wollenden Beiträge über anti-Rassismus im Sport bis zur Kampagne „Schule ohne Rassismus“ die Vorstellung, dass es sich dabei immer gleich um „den Kampf gegen Rechtsextremismus“ handelt.

Diese Projektionen des vorhandenen Rassismus auf den äußeren rechten Rand hält die Mitte „sauber“, aber eben nur vermeintlich. Der Politologe und Publizist Kien Nghi Ha hat den Mechanismus in einem Interview auf MiGAZIN erläutert. In dem Zusammenhäng wäre eine Evaluation der nicht ganz neutralen Broschüren zur Schulkampagne „Schule gegen Rassismus“ der Bundeszentrale für politische Bildung dann nämlich mehr als überfällig – da diese neben einigen aufklärerischen Beiträgen wiederum selbst Vorurteile reproduziert. Wie auch der kritische Mediendiskurs, dessen Vorliebe für den sarrazinschen Mitte-Rassismus zudem eklatant auffällig ist.

Betrachtet man ausländerfeindliche, antijüdische oder antiislamische Polemiken, die im Internet sprießen, dann kann man wenig bis keinen Unterschied zu den Alt- wie auch den Neu-Rechten feststellen, die auch unter Linken zu finden sind, aber nicht nur dort. Da ist von Gefahr durch eine angeblich homogene Gruppe die Rede, von Gewalt- und Bedrohung (nur) von dieser Seite, von Weltherrschaftsansprüchen und Werteverrat, von Unterwanderung und Unmenschlichkeit. Insgesamt handelt es sich tatsächlich um ein faschistisches Menschenbild, das homogene Gruppen voraussetzt und deren Differenz betont und eine eigene Höherentwicklung behauptet.

Die Einteilung der Welt in „wir besseren“ und „ihr schlechteren“ ist eklatant auffällig. Gerne spricht man auch den anderen überhaupt die Fähigkeit ab, sich zu entwickeln. Das Antiaufklärerische an dieser Haltung wird durch die Grundannahme der eigenen Überlegenheit übertüncht. Die Aufklärung wird auf die Überwindung des Religiösen und die Erlangung der absoluten individuellen Freiheit reduziert und Meinungsfreiheit wird dann plötzlich vor allem für Rassisten gefordert, während man den Rassismuskritikern diese gern absprechen mag.

Dass Mensch gerne dazu neigt, seine eigenen positiven Seiten ebenso zu betonen wie die negativen des jeweils anderen, mag ihm verziehen werden – wenn er es denn überlegen mag. Die kategorische Ablehnung von Selbstbetrachtung und Selbstkritik führt jedoch nicht zu einer weiteren Entwicklung.