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Spracherziehung 1/5

Mehrsprachig Aufwachsen ist der Normalfall

Die richtige Spracherziehung – Soll man Kindern zuerst die Muttersprache oder die Landessprache beibringen oder doch gleich mehrsprachig erziehen? Ein fünfteiliges MiGAZIN-Special mit Ergebnissen der Bilingualismusforschung und Tipps für die Praxis.

Immer noch kursieren Mythen wie die einst populäre Auffassung, dass das gleichzeitige Erlernen mehrerer Sprachen zur Verwirrung der Kinder führe und diese in ihrer Entwicklung behindere. In Deutschland sind derlei Einsprachigkeitsmythen stark ausgeprägt. Zwar gibt es längst ausreichend Forschungsergebnisse, die diese These widerlegen, aber das Wissen darüber hat sich noch nicht in der Öffentlichkeit durchgesetzt.

Auch, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder später sprechen als andere ist ebenso nichts als ein Gerücht. Bewiesen wurde, dass Entwicklungsunterschiede immer individuell sind und sich Kinder nicht danach unterscheiden lassen, ob sie mit einer oder mehreren Sprachen aufwachsen. Wie diese Theorien zeigen, herrscht vor allem Unsicherheit bei diesem Thema. Diese Unsicherheit verursacht Fehlverhalten, welches für die Betroffenen tatsächlich schwerwiegende negative Folgen haben kann. Dabei wäre es relativ einfach, den Kindern Hilfestellungen zu geben, die die Chance haben, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen – damit sie dabei erfolgreich sind. Zwei- oder mehrere Sprachen zu beherrschen ist immer von Vorteil.

Dieser Aufsatz will einen konstruktiven Beitrag zum erfolgreichen Aufwachsen mit zwei und mehr Sprachen leisten, indem auf der Basis fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse konkrete Hinweise und praktische Tipps gegeben werden, die Eltern und die Umgebung in ihren Bemühungen unterstützen.

Die meisten Menschen auf der Welt wachsen mehrsprachig auf (ca. 60-70%), wobei in der Regel eine Sprache dominiert und eine oder mehrere andere Sprachen auf unterschiedlichem Niveau beherrscht werden. Die Mehrzahl der mehrsprachig aufwachsenden Menschen verfügt in der dominanten Sprache über mehr Können als ein einsprachig aufgewachsener Mensch, und in der zweiten ungefähr vergleichbare Kompetenzen – aber es gibt eine Bandbreite von gelungener und weniger gelungener Spracherziehung egal ob mehr- oder einsprachig. Meiden Sie unnötige Vergleiche – Lernen ist immer individuell. Auch Auffälligkeiten sind immer individuell. Hüten Sie sich vor vorschnellen Schlüssen, denn das beeinflusst Sie und Ihr Kind – wie etwa das Festhalten am Spätsprechmythos. Es müssen nicht gleich mindestens drei Sprachen gleichzeitig sein wie in der Südschweiz, wo neben Italienisch und Französisch oder Deutsch noch das Rätoromanische gesprochen wird. Aber, auch das schadet den Betroffenen nicht. Darum sind auch hier nicht alle Menschen Sprachgenies. Es gibt wie überall kompetentere und weniger kompetente Sprachbenutzer – individuell unterschiedlich.

Wenn in einer mehrsprachigen Umgebung eine mehrsprachige Erziehung nicht gelingt, dann sind dafür verschiedene Faktoren verantwortlich, die wir kennen müssen, um ihnen in der Erziehung zu begegnen. Auf jeden Fall ist sicher, dass eine gute Sprachkompetenz in einer Sprache ein besseres Lernen einer oder mehrerer anderer Sprachen ermöglicht. Kindergärtner(innen) bestätigen: Kinder mit guten Erstsprachkenntnissen lernen schnell und zuverlässig die zweite! Die dominante Sprache kann im Laufe des Lebens wechseln, in Phasen der Kindheit kann es sein, dass eine Sprache völlig zurück gedrängt scheint. Wenn man über die Normalität verschiedener Entwicklungsmöglichkeiten weiß, behält man die Ruhe und Zuversicht, die nötig ist, die Spracherziehung weiterhin konstruktiv voran zu bringen.

Es ist zum Beispiel bekannt, dass es phasenweise Vermischungen der Sprachen gibt. Das ist nicht immer negativ, man kann dabei z.B. beobachten, dass Kinder erworbene Regeln einer Sprache auf die andere anwenden und sozusagen zeigen, dass sie das System verstanden haben. Sensible Korrekturen ohne Kritik – und am besten, ohne dass das Kind es merkt, sind hier leicht anzubringen. Dafür muss man zuerst genau beobachten und erst bei Wiederholung der gleichen Fehler korrigierend einschreiten. Vielleicht schafft man es einen Anlass zu finden, bei dem man selber die Äußerung richtig verwendet. Der Nachahmungseffekt ist ja groß. Wer aber in Panik gerät, vermittelt seinem Kind, dass mit ihm etwas nicht stimmen könnte – das ist für jegliche Entwicklung hemmend. Die Entwicklung der Kinder hängt immer von uns Eltern ab – schon von unserer Einstellung zum Lernen und zur Bildung überhaupt. Glücklich sind die Kinder, deren Eltern das sichere Gefühl haben, dass man alles lernen kann, was einem angeboten wird. Man muss nur zugreifen – und so ist es auch.

Die Wissenschaft befasst sich viel mit dem Problem des Erhalts der Migrantensprache in der dominanten Umgebungssprache – auch ein wichtiges Thema, wozu es einige Tipps hier geben wird. Die Problematik einer Ghettosprache muss aber ebenso behandelt werden, wenn sich Sprach-Enklaven innerhalb einer anderen Landessprache bilden, die verhindern, dass man die Landessprache überhaupt erwirbt. Denn das muss man, um in der Gesellschaft konstruktiv mitwirken zu können.

Der Idealfall
Die Formel „One person – one language“ ist gut, aber nicht zwingend. In binationalen Partnerschaften hat es sich bewährt, wenn ein Elternteil konsequent die eine Sprache spricht, das andere Elternteil die andere. Fehlende Zeit – zumeist mit den Vätern – kann durch unbemerkte Sprachübungen ergänzt werden, wie z.B. durch den Besuch der Großeltern, einem Film in der Vatersprache u.ä. Aber Vorsicht, Medien können allenfalls eine sinnvolle Ergänzung sein, niemals ein Ersatz. Menschen und ganz besonders Kinder lernen in Beziehung zu anderen Menschen und diese brauchen sie, um einen Lerngegenstand als positiv und lernenswert zu erleben. Darüber hinaus ist es wichtig zu wissen, dass kleine Kinder bis zum Schulalter nicht mit großen Pausen lernen können. Schon ein Abstand von einer Woche reduziert enorm die Erinnerungsleistungen des Kindes. Darum ist es sinnvoll, jeden Tag für ein paar Impulse in der zweiten Sprache zu sorgen – eine Viertelstunde kann da schon ausreichen, damit ein gewisses Sprachniveau erlangt und erhalten wird, das es dem Kind ermöglicht, weiterhin an den Unterhaltungen in dieser Sprache teilzunehmen. Als Idealfall kann auch folgende Situation gelten: „eine Sprache drinnen – eine draußen“. Dies wäre ideal für Migrantenfamilien, die in einer fremden Sprachumgebung wohnen. Dann kann man getrost zu Hause die Familiensprache sprechen, draußen erwerben die Kinder die Sprache der Umgebung. Hierbei muss man nur die gesamte Spracherziehung im Blick haben, denn wenn die Kinder ausschließlich mit Gleichaltrigen zu tun haben, dann ist die Sprache nicht reich genug. Bestimmte Dinge, die in anderen Situationen vorkommen würden, lernen sie dann nicht. Und es ist immer gut, wenn Kinder sich an Vorbildern orientieren, die „mehr zu bieten haben“.

Darum ist es gut, wenn man etwa für einen Spielnachmittag mit einem Teenager sorgt, oder einen solchen als Babysitter engagiert. Auch ältere vielleicht pensionierte Nachbarn würden sich eignen, um vielleicht den Kindern regelmäßig vorzulesen – ein Gewinn für alle. Weitere Lernkontexte bieten auch Ausstellungen, Erfahrungsfelder für die Sinne, vielleicht ein Zeitschriftenabonnement. Auch Einladungen bei den Familien der Spielkameraden sind hilfreich. Spielen mit Sprache wie in Theatergruppen und Spielkreisen ist ein sehr reichhaltiges Angebot und gibt es für alle Altersklassen. Wenn sich Ihr Kind für Musik interessiert, kann es auch an der musikalischen Früherziehung teilnehmen. Es wird dort vielleicht nicht so viel gesprochen, aber positive Impulse in der Umgebungssprache sind vorhanden und in einer schönen Atmosphäre wird es diese positiv erleben. Malkurse sind ebenso geeignet wie Sportvereine. Wenn nicht vorhanden, kann man auch selber Theater-, Spiel- und Bastelgruppen sowie Lesestunden organisieren, damit die Kinder Sprachimpulse über das Straßenniveau hinaus erhalten.

Hier sind oft die Ausländerbeiräte der Kommunen hilfreich und können darüber informieren, was es bereits für Infrastrukturen gibt bzw. wo man Räume für solche Aktivitäten nutzen kann etc. Allerspätestens mit dem möglichst frühen Eintritt in den Kindergarten beginnt die gezielte Sprachförderung in der Umgebungssprache. Auch hier gilt zu prüfen, ob die Kinder ausreichende Impulse über das altersgemäße Sprachniveau hinaus erhalten oder sich im Wesentlichen selbst überlassen werden – die Sprachentwicklung ist dann immer etwas reduzierter als bei gezielter pädagogischer Förderung.

Wie geht es weiter?
Die normale Entwicklung ist dann, dass die Umgebungssprache dominant wird. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es schließlich sinnvoll, wenn man auf Erwerb und Erhalt der Herkunftssprache achtet. Um den Kindern einen Zugang zur Herkunftskultur zu ermöglichen, benötigen sie die Sprache. Dies kann man allein schon durch abendliches Vorlesen gut lebendig erhalten, wobei dann regelmäßige Reisen oder Einladungen an Freunde und Verwandte den unbemerkten Ansporn bilden, dran zu bleiben, um sich mit den anderen problemlos verständigen zu können. Inzwischen gibt es einige Modellprojekte, die belegen, dass eine gezielte Sprachförderung in der Erstsprache erfolgreicher ist, wenn sie auch von der Umgebung als Gewinn anerkannt wird. In begleitenden Kurssystemen wie etwa im „Rucksack“- oder „Griffbereit“-Projekt werden Eltern von entsprechend geschulten Pädagogen der Kindertagesstätten zusätzlich ermutigt, ihre Kinder sprachlich mehr zu fördern. Tipps und Informationen werden den Eltern an die Hand gegeben und es hat sich gezeigt, dass neben gezielten Spielsituationen, in denen die Kinder einen thematischen Wortschatz erlernen, auch und vor allem das Mitnehmen der Kinder bei ganz normalen Alltagstätigkeiten wie Backen, Reparaturen und Einkaufen förderlich ist für die Beziehung der Kinder zu den Eltern als auch für die Förderung der Sprachkompetenzen.

Darüber hinaus ist darauf zu achten, dass die Kinder Lesen und Schreiben in der Herkunftssprache lernen. Dies können sie sogar schon vor dem Eintritt in die Grundschule tun – das wirkt sich dort direkt positiv aufs (Sprach-)Lernen aus. Es ist erwiesen, dass Kinder, die bereits ein Alphabet gut gelernt haben – und zwar egal welches –, sich leichter tun, ein weiteres zu lernen. Das System „Buchstaben repräsentieren Laute/Worte“ haben diese Kinder schon verstanden. Auch haben sie meistens ein höheres Sprachbewusstsein, so dass sie früher beginnen, analytisch über Sprache nachzudenken – wohlgemerkt, wenn sie gut geschult sind in ihrer Erstsprache. Auch wenn sie gleichzeitig zwei Alphabete lernen, schadet das nicht. Hier gilt allerdings, je unterschiedlicher umso leichter.

Jüdische Kinder in Bagdad lernten in der Schule mit drei Sprachen auch gleich drei Alphabete parallel: Arabisch, Hebräisch und das Lateinische. Ideal ist, wenn etwa Migrantenkinder die Sprache ihrer Eltern vor dem Eintritt in die Grundschule bereits lesen und schreiben lernen. Den Vorsprung beim „Wie lerne ich Sprache“ können sie gebrauchen, wenn neue Themen mit neuen Wörtern und komplexeren Satzstrukturen auf sie herein brechen, die sie aus ihrem Alltag nicht kennen können. Aber auch der schulbegleitende muttersprachliche Unterricht, der meistens die Erstsprache als zusätzliches Unterrichtsfach ab der zweiten Schulklasse anbietet, ist eine Möglichkeit, die alle nutzen sollten. Denn wenn die Ausbildung in der Erstsprache stagniert, ist auch die Entwicklung in der Zweitsprache in Gefahr.

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