Rezension zum Wochenende

Einspruch! …ernst nehmen

Was tun, wenn Freunde, Verwandte oder Bekannte mit Aussagen kommen, die ins Reich der Verschwörungsmythen und Fake News gehören? Ingrid Brodnig gibt in ihrem neuen Buch gute Antworten auf diese Frage. Ihr geht es um nachhaltigen Erfolg und nicht um sinnlose Rededuelle.

Zunächst war ich skeptisch. Wenn ich von „Gegenrede“ und „Kontern von Fake-News“ lese, frage ich mich immer, ob diese Gesprächsstrategien nicht die False-News und ihre Überbringer noch bestärken. Über diese Problematik klärt die Kognitionswissenschaft auf und weist damit auf ein Dilemma hin, das in (sozialen) Medien und Politik weitestgehend unterschätzt wird – die Verstärkung des Falschen.

Genau das arbeitet das Buch von Ingrid Brodnig aber hervorragend heraus, wenn Sie einen „Einspruch!“ gegen „Verschwörungsmythen und Fake News“ einlegt. Damit ist ihr ein äußerst differenziertes Buch gelungen, das sehr detailliert auf diese Mechanismen eingeht und aufzeigt, wie man im Rahmen der engen Grenzen, die hierdurch gesetzt sind, dennoch erfolgreich kommunizieren kann.

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In vier Kapiteln wirbt die Autorin immer wieder für Verständnis für das Abgleiten in falsche Vorstellungen einerseits und für das Verbleiben im Dialog andererseits und setzt dabei auf emotionale und sachliche Anknüpfungsmöglichkeiten statt dem Verlieren der Anderen durch Frontalangriffe und Bloßstellungen. Dabei heißt wertebasierte und wertschätzende Kommunikation nicht, auf Unsinn einzugehen und diesen – etwa durch Verneinung – noch einmal zu wiederholen und damit zu verstärken, sondern diejenigen in den Blick zu nehmen, die Unsinn glauben.

Brodnig zeigt in gut nachvollziehbaren Schritten auf, wie mittels Analyse ein Verstehen dafür erworben werden kann, welches die Bedürfnisse derjenigen sind, die Verschwörungsmythen aufsitzen. Dabei plädiert sie für eine realistische Einschätzung dessen, was erreicht werden kann – sowohl was die Zielgruppe(n) anbelangt, als auch die Zeit, die man bereit ist, dafür aufzuwenden. Wer sich zu Beschimpfungen à la „Covidiot“ hinreißen lasse, bedient allerdings den sogenannten „Nasty Effect“ – eine Stimmungsvergiftung, die jeglicher Aufklärung entgegensteht; etwas, das wir bereits sehr gut aus den Debatten um das Kontern von Hate-Speech kennen.

Nachhaltiger Erfolg statt sinnlose Rededuelle

Der Komplexität der Aufgabe entsprechend, geht sie ausgiebig auf die Studien, Warnungen und Empfehlungen von John Cook und George Lakoff ein, die aufzeigen, wie erfolgreiche Kommunikation jenseits naiven Gut-Meinens gelingen kann. Zusammenfassend lassen sich folgende Tipps herauskristallisieren: Förderung langsamen Denkens (sic!, entsprechend einer vorsichtig vorgehenden Wissenschaftskommunikation), das Setzen auf Fragen statt das Zuschütten mit Antworten, das Aufdecken von Tricks, wie dem Verknüpfen von richtigen Prämissen und falschen Schlüssen, der Ermittlung selektiven pars-pro-toto Argumentierens oder von falschen Vergleichen (false equivalences), und dem Ausschöpfen des Authentizitätsbonus‘ von Bildern. Insgesamt geht es um das Vermitteln von immer wieder anwendbarer Medien- und Kommunikationskompetenz statt einzelnem Fachwissen. Lediglich beim wiederholten Vorschlag, Faktenschecks zu posten, würde ich einen Einwand geltend machen und zu etwas mehr Vorsicht raten, denn deren Qualität ist doch sehr unterschiedlich (vgl. Schiffer 2021, Medienanalyse [1]).

Dass ihre Tipps insgesamt etwas vorsichtig und verhalten wirken könnten, liegt in der Natur der Sache. Denn es geht der Autorin – deutlich spürbar – um einen nachhaltigen Erfolg und keinen Punkt- oder Platzsieg in sinnlosen Rededuellen, wo jeder nur selbstbestätigt herausgeht. Und hier kann man die Ergebnisse der Kommunikations- und Kognitionsforschung nun einmal nicht ignorieren.

Dieses Wissen oder Wollen ist jedoch nicht überall vorhanden und auf Seite 97 geht Brodnig auf die unglückliche Rolle von Medien in diesem Kontext ein – wohlgemerkt: nicht nur der sozialen Medien! Tatsächlich betreiben die großen Medien immer wieder das Propagieren falscher Evidenzen durch das, was man unter „false balance“ versteht; also dem Phänomen, dass Medien Randstimmen viel Raum geben – etwa in der Klima-, Gesundheits- oder Rassismusdebatte – und damit gerade erst Verschwörungsmythen befördern, indem sie Falsches groß machen. Brodnig bezieht sich auf eine Studie von Jules und Maxwell Boykoff, wenn sie schreibt:

„…, dass journalistische Normen, konkret das Bedürfnis, ‚beide Seiten‘ zu Wort kommen zu lassen, eine negative Rolle spielen. Denn dieses Bedürfnis bewirke einen verzerrten Eindruck über den Status quo der Wissenschaft.“

Lenke Aufmerksamkeit auf das Richtige!

Dies entspricht der Erkenntnis aus dem Interview in der Bundespressekonferenz zwischen Stephan Detjen und Corinna Buschow mit Christian Drosten [4], wo ebenfalls deutlich wurde, wie das unterschiedliche Framing der beiden Gruppen – Wissenschaftler auf Erkenntnis- und Konsenssuche vs. Journalisten auf Konfrontationskurs, um mittels personalisierten Gegensätzen Brisantes zu Tage zu fördern – Missverständnisse befördert werden, statt zur Klärung wichtiger Fragen in der Coronakrise beizutragen.

Die Tipps am Ende des Buches erscheinen vergleichsweise bescheiden, sind aber gut durchdacht und fundiert, weil realistisch. Denn es geht schließlich darum, sich nicht der Agenda von Hatern und Fehlgeleiteten zu unterwerfen, sondern die eigenen Themen, sowie Einsatz- und Erfolgsmöglichkeiten realistisch einzuschätzen und in diesem Rahmen verantwortlich zu handeln. Dabei kann man ihr Schlussplädoyer nicht oft genug betonen: Lenke Aufmerksamkeit auf das Richtige!

So wird abschließend eine besonders sorgfältige Lektüre empfohlen, um nicht dem zu erliegen, was wir oftmals beobachten können: Aufmerksamkeit bekommen die Falschen und das Falsche, Widerrede wirkt oft als Verstärker, Wahrheit und Fakten kommen zu selten durch – man versäumt es tatsächlich oft, genau diese zu wiederholen. Und Wiederholen ist nun einmal das wirksamste Mittel zu überzeugen.