Kinder mit ausländischen Wurzeln

Jedes fünfte Kita-Kind spricht zu Hause kaum Muttersprache

Rund 675.000 Kita-Kinder leben in Familien, in denen vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird. Umgekehrt bedeutet das auch, dass jedes zweite Kind mit Migrationshintergrund zu Hause kaum mehr seine Muttersprache spricht. Die FDP fordert mehr Mittel für die Sprachförderung.

Bei jedem fünften Kita-Kind wird zu Hause vorrangig eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. Unter den rund 3,2 Millionen Kindern in Kindertagesstätten waren im März 2019 rund 675.000 Kinder, in deren Familien nur wenig Deutsch gesprochen wurde, heißt es in einer Antwort des Bundesfamilienministeriums auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion, die dem MiGAZIN vorliegt. Das ist ein Anteil von rund 21 Prozent. Der Wert im vergangenen Jahr sei im Vergleich zu 2017 (18,7 Prozent) und 2018 (19,4 Prozent) gestiegen.

In Nordrhein-Westfalen lag der Anteil dem Ministerium zufolge mit 27 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt. So sei in den Familien von 167.800 der 611.900 Kita-Kinder vorrangig eine andere Sprache gesprochen worden. Im Westen der Bundesrepublik lag der Wert den Angaben zufolge mit 24 Prozent doppelt so hoch wie im Osten (12 Prozent). Mit rund fünf Prozent sei die Zahl in Mecklenburg-Vorpommern besonders niedrig gewesen (3.700 von 68.000 Kinder).

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Im Umkehrschluss bedeutet das, dass von den rund 1,3 Millionen Kindern mit Migrationshintergrund in Kitas etwa die Hälfte zu Hause kaum mehr ihre Muttersprache sprechen. Experten warnen [1] vor negativen Folgen für die sprachliche und emotionale Entwicklung von Kindern, wenn die Muttersprache vernachlässigt wird. Zahlreiche Studien attestieren Kindern sogar schnellere Lern- und Aufnahmefähigkeit von Fremdsprachen, wenn sie zunächst ihre Muttersprache lernen oder mehrsprachig aufwachsen.

Kritische Reaktionen im Netz

Entsprechend fallen die Reaktionen im Netz aus. „Korientation e.V.“ etwa, ein Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven, schreibt im Kurznachrichtendienst Twitter [2]: „Willkommen in der postmigrantischen Realität… Immer mehr Kinder wachsen bi- oder trilingual auf, was ein Grund zur Freude ist. Get real.“ Journalist und Buchautor Ronen Steinke beklagt im Twitter [3] den Ton der Debatte: „Der besorgt-alarmierte Unterton hier gilt natürlich nur jenen Eltern-Sprachen, die schlechte Sprachen sind, zB Polnisch oder Arabisch. Hingegen US-Englisch oder Französisch sprechen zuhause: wow, top!“

Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding forderte mehr Mittel für eine bessere Sprachförderung. Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ [6] sei ein wichtiger Baustein, doch die dafür zur Verfügung gestellten Gelder seien unzureichend, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Mittel des Bundesprogramms müssten ab dem Jahr 2021 deutlich aufgestockt werden. Sprache entscheide, welche Chancen ein Kind im Leben habe, betonte Suding.

Corona-Pandemie bremst Sprachförderung

Kitas mit besonderem Förderschwerpunkt können aus dem Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ pro Jahr 25.000 Euro bekommen. Im August 2020 gab es dem Ministerium zufolge 6.256 solcher Kitas in Deutschland. Bundesweit sei etwa jede zehnte Kita eine Sprach-Kita. Mit dem Geld aus dem Programm würden aktuell Stellen von 6.756 Erzieherinnen und Erziehern finanziert. Die Förderung werde im Jahr 2021 weiterhin 25.000 Euro betragen. Damit wäre der Betrag seit 2016 unverändert, hieß es.

Die Corona-Pandemie habe die sprachliche Bildung im frühkindlichen Bereich vor große Herausforderungen gestellt, erklärte das Bundesfamilienministerium in seiner Antwort. Vor allem die weitreichenden Kita-Schließungen hätten viele Bildungsmöglichkeiten eingeschränkt. Das Bundesprogramm habe seine Arbeit an die neuen Bedingungen angepasst und entwickele Bildungskonzepte, die die Gegebenheiten der Corona-Pandemie berücksichtigen. Gute Praxisbeispiele für Bildungs- und Kontaktangebote unter Pandemiebedingungen würden auf der Online-Plattform des Programms bereitgestellt. (epd/mig)