Manchester Molenbeek

Die Islamisierung der Radikalität

Ein Selbstmordattentäter hat in Manchester 22 Menschen getötet und 59 weitere verletzt. Wie kann das passieren? Was treibt einen Menschen zu dieser Untat? Welche Faktoren spielen eine Rolle? Und warum ist nicht jedes Leben gleich wert? Von Murat Kayman

Ein Selbstmordattentäter hat in Manchester 22 Menschen getötet und 59 weitere verletzt. Die Opfer sind Besucher eines Popkonzertes, darunter viele Kinder und Jugendliche. Angesichts dieser Tatsache haben sich einige mediale Kommentatoren zu der Bewertung hinreißen lassen, es handele sich um eine „neue Qualität“ des Terrors, der sich jetzt auch gezielt gegen Kinder richte. Was in dieser Wahrnehmung mitschwingt, ist die Vorstellung, zur Niedertracht und Menschenverachtung sei nur das Böse fähig, das uns fremd ist, das vermeintlich nicht unserem Wesen entspricht. Julian Reichelt will in seinem aktuellen Kommentar in der BILD [1] – getragen von eben dieser Wahrnehmung – hier eine religiöse Differenzierung vornehmen.

Der Terror gedeihe nur da, „wo nicht jedes einzelne Leben als unantastbar angesehen wird. Nur da, wo ‚Ungläubige‘ weniger wert sind als die Anhänger des ‚Kalifats‘.“ Das gelte „bittererweise für manche Viertel in unseren europäischen Städten“.

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Ich glaube, dass diese Betrachtung verzerrend ist. Eine solche Bewertung der Ereignisse verstellt unseren Blick für die dem Terror zu Grunde liegenden Phänomene.

Zunächst ist die Annahme falsch, nur islamistische Terroristen seien zu Grausamkeiten gegenüber Kindern fähig.

2011 hat Anders Behring Breivik [2], ein rechtsextremer, islamfeindlicher Terrorist, in Norwegen 69 Kinder und Jugendliche erschossen. Kaltblütig. Berechnend. Sein Ziel war das Feriencamp der „Arbeidernes Ungdomsfylking“, der Jugendorganisation der sozialdemokratischen „Arbeiderpartiet“. Sein jüngstes Opfer war 14 Jahren alt. 33 seiner Opfer waren unter 18 Jahren.

Damit wollte Breivik seiner Vorstellung nach eine Jugend bestrafen und so weit wie möglich dezimieren, die auch in der nächsten Generation an dem Ziel einer weltoffenen, pluralistischen Gesellschaft in Norwegen festhalten würde. Er brachte eine Jugend um, die nicht so hassen wollte, wie er selbst. Die differenziert und reich an unterschiedlichen Ansichten und Empfindungen war. Die nicht bereit war, ein ganzes Kollektiv pauschal als das Böse, als Grund allen Übels zu begreifen. In diesem Denken und Leben waren seine Opfer ihm vollkommen fremd. Erst diese Entfremdung von der Gesellschaft und die dieser Entfremdung folgende Entmenschlichung der Opfer ermöglicht es den Tätern, die Schwelle der Tötungshemmung zu überwinden.

Islamisierung der Radikalität

Die meisten extremistischen Täter, so vermutlich auch der Täter von Manchester, müssen einen ähnlichen Weg der Entfremdung beschreiten, um am Ende dieses Weges in der Lage zu sein, sich und andere umzubringen. Es sind Täter, die nicht vom Himmel fallen. Sie tauchen nicht plötzlich auf. Sie sind keine außerirdische Spezies, die uns aus Zweckmäßigkeitserwägungen umbringt. Sie müssen sich erst zu Tätern entwickeln. Und das tun sie mitten unter uns. Dabei spielt nicht die Religion an sich die entscheidende Rolle. Sie sind nicht das Resultat eines sich radikalisierenden Islam. Sie islamisieren vielmehr ihren Weg in die Radikalität.

Es kommt nicht darauf an, was im Koran steht. Darin liegt vielleicht der größte Irrtum unserer ganzen öffentlichen Debatten. Faktisch und nüchtern betrachtet, wäre etwa die Bibellektüre ein geeigneteres Mittel der Gewaltlegitimation, käme es tatsächlich auf den bloßen Inhalt religiöser Texte an. Die drastische Schilderung von Kampfhandlungen, von unerbittlicher, mitleidloser Vernichtung des Gegners, das ständige Flehen, Gott möge die Feinde besiegen, sie erniedrigen, sie von der Erde tilgen, all diese expliziten Inhalte sind in der Bibel qualitativ wie quantitativ deutlich ausgeprägter als im Koran.

Die Täter berufen sich aber nicht auf das Christentum, sondern auf den Islam, wenn sie ihre Taten verüben. Auf den bloßen Inhalt der religiösen Schriften selbst kommt es letztlich nicht an. Nicht die Schriften selbst radikalisieren.

Antrieb des Terrors

Die Täter müssen erst einen Prozess der Entfremdung durchlaufen, um zu solchen Taten wie in Manchester fähig zu sein. Die Gesellschaft, in der sie leben, die Menschen, von denen sie umgeben sind, müssen von Subjekten des Zusammenlebens zu Objekten des Hasses verfremdet werden. Eine Mischung aus Bestrafungsphantasien, Rachegelüsten und eigener Erlösungssehnsucht ist der Antrieb dieses Terrors.

Das Hassobjekt wird als Gemeinschaft des Bösen verfremdet. Als Ursache allen Übels, als Nutznießer des eigenen Niederganges. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Täter häufig bis wenige Monate oder Jahre vor ihrer Tat sich selbst keineswegs im Kollektiv der Muslime verorteten, gar ein völlig areligiöses Leben führten. Oftmals sind die Täter als Mehrfachdelinquenten polizeibekannt. Das religiöse Gewand der Entfremdung dient damit auch der Entfremdung von der eigenen früheren Identität. Auch diese Identität gilt es mit dem endgültigen Fanal zu zerstören. Das Tabu dieser Selbstvernichtung und der Vernichtung anderer wird durch die Aufladung der Tat als Widerstandshandlung, als Aufbegehren überwunden.

Die Tötung anderer wird erst durch diesen Prozess der Entfremdung und Entmenschlichung möglich. Dabei sind authentische religiöse Inhalte eher hinderlich. Vielmehr gilt es, das Ziel der Zerstörungsabsicht zu entmenschlichen. Es zum Objekt zu degradieren, es als Quelle der Gefahr und Bedrohung wahrzunehmen. Es ist dann nicht mehr das 10 Jährige Kind, das umgebracht wird. Sondern der zukünftige gesellschaftliche Gegner, der in der Vorstellung der Täter zum Staffelträger einer fortgesetzten Bedrohung, einer neuen Generation des Bösen herangezogen wird.

Dieser Weg der Entfremdung beginnt im Alltag. Er beginnt banal. Jedes Erlebnis für sich ist niemals die Erklärung oder gar die Entschuldigung für terroristische Gewalt. Eine solche kann es nicht geben. Es sind aber Wegmarken der Irritation, des Sich-abgestoßen-Fühlens von der Gesellschaft, die einen umgibt. Sie sind Nadelstiche der Entfremdung, der Abstumpfung, der letztlich völligen Aufgabe jeglichen Gedankens, Teil dieser Gesellschaft zu sein, Pflichten für diese Gesellschaft zu haben, Verantwortung für ihr Gelingen zu tragen.

Erst wenn diese Gesellschaft nicht mehr die eigene ist, haben radikale Ideologen die Chance, mit ihrer Menschenverachtung an die Gedanken und Absichten junger Menschen anzudocken. Dann beginnt der Weg der ideologischen Viktimisierung der eigenen Person und ihr Wandel zum Handelnden, der gegen den vermeintlichen Aggressor aufbegehrt.

Die Narrative, derer sich die Ideologen des Hasses bedienen, ähneln der Diagnose, mit der zum Beispiel Julian Reichelt eine Differenzierung vornehmen will. Auch sie wollen ihre Anhänger davon überzeugen, dass für den „Gegner“ nicht jedes Leben als unantastbar gilt. Sie predigen, dass Muslime in dieser Gesellschaft weniger wert sind. Sie berichten davon, dass diese Betrachtung nicht bloß ein Hirngespinst, sondern bittererweise in manchen Vierteln unserer europäischen Städte Alltag geworden ist.

Welche Wirkmacht diese Narrative entfalten können, davon habe ich erst vor Kurzem eine kleine Ahnung bekommen. Ich war mit Freunden in Belgien unterwegs. In Brüssel sind wir auf der Suche nach einem Supermarkt zufällig im Brüsseler Stadtviertel Molenbeek gelandet. Molenbeek gilt als Symbol des islamistischen Radikalismus. Die Hintermänner der Anschläge von Casablanca und Madrid hatten Kontakte nach Molenbeek. Die Waffen, die bei Anschlägen in Paris eingesetzt wurden, konnten nach Molenbeek zurückverfolgt werden. Von hier stammt der Attentäter, der einen Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel verübt hat. Hier wurde 2015 ein Komplize der Pariser Anschläge festgenommen.

Molenbeek hat eine dreimal höhere Arbeitslosenquote als der Durchschnitt Belgiens. Über 40 % der Jugendlichen in Molenbeek sind arbeitslos.

Hier, in Molenbeek, betrat ich einen Supermarkt der Delhaize-Gruppe 1 [4]. Die Delhaize-Supermärkte ähneln den Edeka- oder REWE-Supermärkten hier in Deutschland. Der Anblick dieses Supermarktes in Molenbeek war schlichtweg deprimierend.

Die meisten Regale in den vier Gängen waren leer. Nur vereinzelt waren in den Regalen Produkte aufgestellt. Oftmals nur eine Packung. In den Frischeregalen lagen einzelne Früchte oder einzelnes Gemüse. In den Kühlregalen waren die Produkte nicht hintereinander, sondern nebeneinander aufgestellt, um den Eindruck eines vollen Regals zu vermitteln. In den Gängen schlichen wenige Kunden wie in Zeitlupe an den leeren Regalen vorbei, nahezu teilnahmslos, apathisch wirkend, als ob sie nur langsam genug an den leeren Regalen vorbeischleichen müssten, damit sie das finden, wonach sie suchen.

Dystopische Filmszenarien

Die Trostlosigkeit, die diese Gänge und Regale ausstrahlten, glich den dystopischen Filmszenarien, in denen der Protagonist einer in Katastrophen versunkenen Welt auf der Suche nach Nahrung den geplünderten Supermarkt betritt. Der erste Reflex meines Mitreisenden bestand darin, mir zuzuflüstern: „Hoffentlich werden wir hier nicht überfallen.“

Ich habe mir versucht vorzustellen, wie ein solcher Alltag auf junge Menschen wirken muss, die vielleicht sogar in einem Supermarkt des gleichen Unternehmens in einem anderen, reicheren Stadtviertel Brüssels arbeiten und dort die vollen Delhaize-Regale, den Überfluss unserer Gesellschaft als eine Realität erleben, von der sie in ihrem Stadtviertel ausgeschlossen sind. Was empfinden sie für eine Gesellschaft, die ihnen einen Wert beimisst, mit dem sie im besten Fall auf eine Zukunft als Supermarktkassierer in einem Ladengeschäft mit leeren Regalen hoffen dürfen?

Meine Worte mögen nicht als Erklärung für Terror missverstanden werden. Mir ist klar, dass nicht jeder, der von Armut und Perspektivlosigkeit betroffen ist, zum Terroristen mutiert. Ich will nur verdeutlichen, dass die Anschlussfähigkeit gewaltlegitimierender Ideologien nicht von religiösen Inhalten herrührt. Radikalisierung dockt an der Entfremdung junger Menschen an. Ihre Abkehr von unserer Gesellschaft ermöglicht es radikalen Verführern erst, Zerstörung und Mord als Mittel des Aufbegehrens zu legitimieren. Keiner der Attentäter liest den Koran und kommt zu dem Schluss, aufgrund des Inhalts dieser Schrift Massenmorde verüben zu müssen.

Es sind die Narrative der Selbstüberhöhung und Abwertung anderer, mit denen die Hassprediger an die Erfahrungswelt von Jugendlichen anknüpfen. Von Jugendlichen, die den Mechanismus der Selbstüberhöhung und Abwertung anderer genau unter umgekehrten Vorzeichen als eine gegen sie selbst gerichtete Entwertung durch diese Gesellschaft erlebt haben. Sie kehren diese Erfahrung um und versprechen sich eine Machtstellung, die aus der Ohnmacht der Gesellschaft im Angesicht einer unfassbaren Gewalttat resultiert. Und sei es auch nur für den kurzen Moment einer Explosion.

Hass durchbrechen

Wie können wir diese Wirkung radikaler Ideologien neutralisieren? Wie können wir diese Mechanismen der Entfremdung und des Hasses durchbrechen?

Die islamischen Gemeinschaften sind – und hier widerspreche ich den öffentlichen Diskursen – nicht dazu berufen, religiöse Inhalte zu verändern. Sie müssen aber in der Religionsvermittlung insbesondere gegenüber jungen Muslimen deutlich machen, dass eine islamische Identität nichts Fremdes ist. Dass muslimisches Leben nicht der Bewahrung einer dieser Gesellschaft fremden Identität dient. Dass Muslim-Sein nicht im Widerspruch zur Beheimatung und Verwurzelung in dieser Gesellschaft steht. Der Islam darf nicht ein Mittel der Selbstentfremdung sein. Denn damit wird eben jene Anschlussmöglichkeit gefördert, derer sich radikale Strömungen bedienen.

Religionsvermittlung darf sich nicht des Mittels der Abwertung anderer bedienen, um eine eigene religiöse Identität zu konstruieren. Denn das ist exakt das Mittel der Entfremdung, das sich die Radikalen zu Nutze machen. Und die islamischen Gemeinschaften müssen prüfen, ob sie in Inhalt und Form ihrer gemeindlichen Arbeit sich dem Moment der Entfremdung entgegenstellen oder einen solchen Effekt eher fördern. Das ist keine Frage einer theologischen Reform, wie sie irrigerweise öffentlich gern diskutiert wird. Es geht vielmehr um eine Beheimatung der eigenen Glaubenswirklichkeit und des eigenen religiösen Selbstverständnisses. An dieser Stelle dürfte auch so noch großer Handlungsbedarf bestehen.

Und als Gesamtgesellschaft müssen wir aufhören, die Herausforderungen des extremistischen Terrors in Kategorien eines Systemkonflikts zu denken. Es geht nicht darum, dass wir im System des Guten gegen ein System des Bösen kämpfen. Die Mechanismen des Terrors sind nicht uns wesensfremde Eigenschaften des Gegners, dem wir etwas Grundverschiedenes entgegenhalten müssen. Dieser Anspruch war nie die Wirklichkeit unserer Vergangenheit und er ist auch heute nicht die Wirklichkeit unserer Gegenwart.

Wir müssen vielmehr hinterfragen, ob unsere gesellschaftliche Realität nicht auch dazu führt, dass Menschen dieser Gesellschaft entfremdet werden? Ob wir uns mit gesellschaftlichen Realitäten abgefunden haben, die menschlichem Leben eben nicht immer und ausnahmslos den gleichen Wert beimessen?

Jedes Leben gleich wert?

Es ist eben nicht so, wie Julian Reichelt meint, dass wir jedes Leben als unantastbar sehen, dass für uns jedes Leben gleich wert ist. Leider ist das nicht unsere Wirklichkeit. Wir haben keine gesellschaftlichen Selbstzweifel angesichts der Tatsache, dass der Familienvater im Nachbarhaus dazu bereit ist, Menschen verbrennen zu lassen, nur weil er sie nicht in seiner Nähe haben will. Über 1000 Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte haben wir einfach so, als gesellschaftlichen Betriebsunfall verdrängt.

Wir betrinken uns in Massen zu Schlagermusik auf Mallorca und lassen uns nicht davon stören, dass wenige Kilometer weiter auf hoher See Hunderte Menschen, darunter viele Kinder, hilflos ertrinken. Für sie haben wir nicht mal ein Bett im Kornfeld frei. Ihr Leben hat für uns nicht den gleichen Wert wie unser Leben. Es hat nicht mal den Wert unserer Angst vor einer Minderung unseres Wohlstandes. Im Angesicht dieser angeblichen Bedrohung unseres Besitzstandes sind wir bereit, Kind um Kind, Mensch um Mensch tatenlos sterben zu lassen.

Der Wert ihres Lebens lässt sich ziemlich genau kalkulieren. Für die Seenotrettung von Flüchtlingen auf hoher See hatte Italien mit der Marineoperation „Mare Nostrum“ von Oktober 2013 bis Oktober 2014 etwa 110 Millionen Euro ausgegeben und dabei rund 150.000 Menschen gerettet. Das sind etwa 730 € für jedes Menschenleben. Das war uns Europäern zu viel. Wissend, dass die Flüchtlingsboote in der Regel nicht hochseetauglich sind, haben wir die italienischen Rettungsoperationen nicht unterstützen wollen sondern beschlossen, dass „Mare Nostrum“ eingestellt und faktisch durch die „Operation Triton“ ersetzt wird. „Triton“ sollte nur mit Einsätzen im Küstenbereich durchgeführt werden und in erster Linie der Grenzsicherung, nicht der Lebensrettung dienen. Das jährliche Budget für die „Operation Triton“ betrug lediglich 30 Millionen Euro.

Die Menschenverachtung ist kein Monopol extremistischer Terroristen. Sie ist Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Wir werden menschenverachtenden Terror nur dadurch wirksam bekämpfen können, wenn wir die Entwertung von Menschen in unserer Gesellschaft, die Entfremdung von Menschen von unserer Gesellschaft nicht als Problem einer „fremden Religion“ wahrnehmen, sondern als unser eigenes hausgemachtes Problem. Alles andere gliche einem Gewissen, das uns so leer anstarrt, wie die Supermarktregale in Molenbeek.

  1. Die Delhaize-Gruppe ist eine Aktiengesellschaft mit etwa 130.000 Mitarbeitern und einem Verkaufsnetz von etwa 2.500 Geschäften. Sie hat einen Jahresumsatz von rund 18 Mrd. Euro. Ihr Hauptsitz befindet sich in Molenbeek.