Desinteresse

Tröglitzer wehren sich nicht gegen die Rechten

Der Leiter der KZ-Gedänkstätte Wille in der Nähe von Tröglitz bemängelt mangelndes Engagement der Bevölkerung gegen Rechtsextreme. In der DDR habe es keine offizielle Entnazifizierung gegeben. Daraus speise sich heute noch die extreme Gesinnung.

Nach dem Brandanschlag auf ein geplantes Asylbewerberheim in Tröglitz beklagt Lothar Czossek, Leiter der nahen KZ-Gedenkstätte Wille, mangelndes Engagement der Dorfbevölkerung gegen Rechtsextreme. „Die Tröglitzer wollen Flüchtlinge aufnehmen, aber kaum jemand ist bereit, sich öffentlich dazu zu bekennen“, sagte er am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst. Die Menschen fühlten sich zwar von den Rechtsextremen belästigt. Aber: „Der Ort wehrt sich nicht.“ Im sachsen-anhaltischen Tröglitz war in der Nacht zu Samstag ein Gebäude in Brand gesteckt worden, in dem 40 Asylbewerber Unterkunft finden sollten.

Der 86-Jährige wünscht sich ein konsequentes Vorgehen des Rechtsstaates gegen Neonazis: „Ich hoffe, dass die NPD verboten wird. Die Rechtsextremen sind derartig verbohrt, die nehmen ansonsten auf nichts Rücksicht.“ So seien in den vergangenen Monaten für Proteste gegen das geplante Asylbewerberheim in Tröglitz Neonazis aus dem gesamten Burgenlandkreis mit Bussen angereist.

___STEADY_PAYWALL___

Anders als in Westdeutschland habe es in der DDR keine offizielle Entnazifizierung gegeben, fügt Czossek hinzu. Daraus speise sich heute noch die extreme Gesinnung. „Auch wenn die Tröglitzer selbst nicht rechtsextrem sind, ist das Desinteresse der Menschen an der Politik extrem angestiegen“, beklagte Czossek. An dem Vorhaben, Flüchtlinge in Tröglitz aufzunehmen, solle man festhalten.

Czossek leitet die KZ-Gedenkstätte Wille in Rehmsdorf bei Tröglitz, ein ehemaliges Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Seit 1972 dokumentiert er die Geschichte des Lagers. Für sein Jahrzehnte langes Engagement wurde er 2013 mit dem Obermayer German Jewish History Award ausgezeichnet. Mit dem Preis werden nicht-jüdische Deutsche geehrt, die in besonderer Weise die jüdische Kultur und Geschichte in Deutschland rekonstruieren.

Lothar Czossek selbst beobachtete im Krieg, wie täglich vor allem jüdische Zwangsarbeiter ins nahe gelegene Werk der Braunkohle-Benzin-AG (Brabag) zur Arbeit marschierten. „Ich bin Augenzeuge, ich darf nicht schweigen“, erklärte der Lehrer im Ruhestand. Für den Preis wurde er von Angehörigen ehemaliger Häftlinge vorgeschlagen.

In Rehmsdorf habe man ihm stets Freiheiten gelassen und ihn auch in seiner Arbeit unterstützt, sagte er. Dennoch habe er sich vereinzelt anhören müssen, dass er mit der Aufarbeitung der deutschen Geschichte aufhören solle. In den vergangenen zwei Jahren habe er zwei Drohbriefe erhalten. In einem stand zu lesen: „Fünf Millionen Deutsche sind durch den jüdisch-bolschewistischen Terror umgekommen, kümmer‘ dich mal lieber um die als um die Juden.“ (epd/mig)