Tröglitz

Großes Entsetzen im Bund, kaum Entrüstung vor Ort

Nach dem Brandschlag auf ein Asylbewerberheim in Tröglitz ist eine Welle der Empörung quer durch Deutschland gegangen. Die Entrüstung vor Ort hält sich aber in Grenzen, bemängeln Landespolitiker.

Der Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Tröglitz hat über die Ostertage Empörung ausgelöst. Unbekannt Täter hatten in der Nacht von Karfreitag auf Samstag im Süden Sachsen-Anhalts ein Flüchtlingsheim in Brand gesetzt. Ein fremdenfeindlicher Hintergrund ist laut Ermittler naheliegend. Rechtsextreme machen in Tröglitz bereits seit Wochen Stimmung gegen die Aufnahme von Asylbewerbern. 40 Flüchtlinge hätten im Mai in dem abgebrannten Gebäude untergebracht werden sollen. Bereits Anfang März stand Tröglitz in den Schlagzeilen [1], nachdem mit Markus Nierth ein ehrenamtlicher Bürgermeister sich wegen rechtsextremer Anfeindungen genötigt fühlte, sein Amt abzugeben.

Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte: „Es ist die monatelange Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die den Hass säte, der in Tröglitz nun in Flammen gemündet ist.“ Innenminister Thomas de Maizière (CDU) verlangte eine rasche Aufklärung und bezeichnete den Brand als „eine abscheuliche Tat“. Justizminister Heiko Maas (SPD) zeigte sich im Social-Media Dienst Twitter „fassungslos“. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) appellierte, beim Kampf gegen Rechtsradikalismus nicht nachzulassen. „Bei so viel Unmenschlichkeit helfen nur noch ein Aufstand der Anständigen“, sagte Petra Pau (Die Linke). Und Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt wollte wissen: „War das Flüchtlingsheim ausreichend geschützt – zumal man wusste, dass in Tröglitz ein brauner Mob unterwegs war?“

___STEADY_PAYWALL___

Entsetzen auch in Europa
Auch über die Grenzen Deutschlands reagierten Politiker auf den Brand: Ein solcher Vorfall sollte die „Alarmglocken in Europa angehen lassen“, erklärte der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland. Hass und Intoleranz nähmen in Teilen der Gesellschaft zu. Man müsse die Ursachen dieses Problems bekämpfen. Diese Entwicklung sei quer durch den europäischen Kontinent zu beobachten.

Allein in Deutschland gab es allein im laufenden Jahr bereits zwanzig Übergriffe auf Flüchtlingsheime, wie die Amadeu Antonio Stiftung gemeinsam mit Pro Asyl melden. Hinzu kommen 21 tätliche Übergriffe auf Flüchtlinge. Die Stiftung und Pro Asyl machen in ihrer Dokumentation auf die konstant steigenden Zahlen aufmerksam.

Kaum Empörung vor Ort
Mehrere fremdeinfeindliche Brandanschläge hatten Anfang der 90er Jahre weit über Deutschland hinaus für Entsetzen gesorgt. In Mölln und Solingen etwa starben insgesamt acht Türkeistämmige bei Hausbränden. Auch der Angriff im sächsischen Hoyerswerda ist in Erinnerung geblieben. Für Markus Nierth ist auch der Angriff in Tröglitz eine „Eine bleibende Schande“. Sie bringe die Stadt in eine Reihe mit Mölln und Hoyerswerda.

Zwar haben die Tröglitzer in einer Erklärung ein Bekenntnis zur Menschenfreundlichkeit abgegeben, doch gibt es keine Aufbruchstimmung im Ort. An einer spontanen Demonstration beteiligten sich am Samstag trotz des bundesweiten Aufsehens gerade einmal 300 Menschen. Zu der Aktion hatte Nierth, aufgerufen. Sebastian Striegel, Grünen-Innenpolitiker im Landtag von Sachsen-Anhalt, verweist darauf, dass Solidaritätsaktionen für Flüchtlinge hauptsächlich im Kirchenraum organisiert werden. Das Problem seien nicht die 100 oder 150 Flüchtlingsgegner in Tröglitz, sondern die 2.500, die nichts sagen.

Flüchtlinge sollen kommen
Wie Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) am Montag mitteilte, sollen die ersten Flüchtlinge in Tröglitz trotz des Brandanschlags bald aufgenommen werden. Weil die Asylbewerberunterkunft unbewohnbar sei, würden die ersten zehn bis zwölf Flüchtlinge in privaten Wohnungen untergebracht werden. Der Innenminister teilte zudem mit, dass der für Asylpolitik im Kreis zuständige Landrat Götz Ulrich (CDU) unter besonderen Schutz gestellt werde. Eigenen Angaben zufolge erhält der Lokalpolitiker Morddrohungen von Rechtsextremen. (bk)