Re-Generation

Auge um Auge. Like für Like.

Fuck. Nichts. Keine Diskriminierung heute, die ich posten könnte. In meinem Offline scheint alles in Ordnung zu sein. Auf Facebook ist das anders. Überall Wut, Trauer und Verzweiflung. – Von Mirza Odabaşı

Ich schreibe einen Satz und lösche ihn wieder, schreibe eine Seite fertig und mit dem letzten Punkt verliert der Text seine Bedeutung. Ich erinnere mich an jede Zeile, auf den ich verzichtet habe. Worte sind mächtig und Macht ist das Stichwort.

Überall Tote, Kriege, Verfolgungen, Vergewaltigungen. Ein endloses Leid.

Wir solidarisieren uns, wenn wir uns identifizieren, ob aufgrund der gleichen Anschauungen oder der Ziele. Wirklich trauern tun wir nur, wenn wir direkt betroffen sind. Dann nämlich fehlt womöglich die Kraft, sein Profilbild umzuändern und sich originelle Hashtags auszudenken – von einem Verbrechen zum anderen.

Wir kritisieren die Medien, sensationssüchtig zu sein und zu hetzen, und werden selbst zu einem Medium mit hunderten von Abonnenten und Followern und hetzen gegen die, die nicht so denken wie wir. Denn wir wissen genau, wie es funktioniert. Wie sonst entstehen hunderte von Bloggern, selbst ernannte Experten und pseudo-Humanisten, die damit beschäftigt sind, noch ausgefallener und noch erbarmungsloser zu schreiben, als es schon andere getan haben, um sich dort zu platzieren, wo sie gerne wären ohne einen einzigen wichtigen Gedanken zu hinterlassen.

Vor etwa einem Monat: Ich besuche meine Eltern und das erste, was mich meine Mutter an der Tür fragt, ist: „Hast du mitbekommen, was in Paris passiert ist?“

Ja, habe ich. Hunderte Kilometer lang im Radio – senderübergreifend. Meine Mutter und ich wissen, dass es wieder ungemütlich wird. Aufdringliche Blicke, vielleicht sogar dumme Sprüche.

Am nächsten Tag gehe ich zur Buchhandlung, um meine bestellten Bücher abzuholen. In drei dieser Bücher geht es um den rechten Terror in Deutschland – Futter für meine Sensationsgeilheit. Auf dem Weg dahin keine bösen Blicke. Ich beobachte alles. Jeden Menschen. Im Bus sehe ich, wie eine Frau mit Kopftuch sich an einen Vierer-Sitz zu einer alten Dame setzt. Nichts passiert. Fuck. Nichts. Keine Diskriminierung heute, die ich posten könnte. In meinem Offline scheint alles in Ordnung zu sein. Unfassbar nette Buchhändlerin. Ich glaube sogar, sie flirtet mit mir.

Zu Hause: Ich sitze vor dem Rechner und scrolle bei Facebook runter. Überall Wut, Trauer und Verzweiflung. Mit jedem Runterscrollen sauge ich mir zig Meinungen von meist fremden Menschen ein, für die ich mich nicht einmal interessiere.

Warum bin ich hier? Was mache ich hier?

Nur schlechte Nachrichten. Keine Katzen Videos mehr. Man lernt die Menschen um sich neu kennen. Brücken, die man mal baute, werden rücksichtslos gesprengt und alle Grenzen werden überschritten. Sie geben dir draußen die Hand, lächeln dir ins Gesicht, greifen dich an und hoffen, das du zwischen den Zeilen erstickst. Ich habe schon einige gute Männer da draußen verloren.

Wir sind mitten in einem Krieg. Hier ging es nie um die Toten, denn um Tote trauert man. Jeder ermordete oder vergewaltigte bietet uns ein Podest. Wir wissen genau, was wir tun und steigen jedes mal drauf. Den Rücken gestärkt mit Followern tippen wir Worte, Macht – die Tastatur ist blutverklebt. Immer und immer wieder. Auge um Auge. Like für Like.