Ex US-Botschafter Craine

„Keiner der arabischen Staaten ist islamisch“

Die arabische Welt kommt nicht zur Ruhe. Was sind die Gründe und was die Lösung? Prof. Mohammed Khallouk sprach mit dem ehemaligen US-Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten Robert Craine.

Prof. Mohammed Khallouk: Als ehemaliger amerikanischer Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten hatten Sie die Gelegenheit, die politische und soziale Entwicklung der Arabischen Welt lange Zeit zu verfolgen. Wie schätzen Sie die gegenwärtige arabische Gesellschaft ein?

Robert Crane: Der sogenannte politische Islam wird sowohl in der Arabischen als auch in der Persischen Welt eine in die Zukunft andauernde Macht darstellen. Entscheidend wird deshalb die Frage sein, welche Strömung innerhalb dieses politischen Islams sich als dominant erweisen wird: die Machtstrebende oder die gemäßigtere Mehrheitsströmung.

An ökonomischen Parametern gemessen sind die Arabischen Golfstaaten momentan ausgesprochen reich. Sehen Sie die Staaten in der Lage, dieses Niveau die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte zu halten vor dem Hintergrund eines mutmaßlichen Aufgebrauchs der Öl- und Gasreserven?

Prof. Robert D. Crane, geboren 1929, war zeitweilig Berater der früheren US Präsidenten Richard Nixon, diente als Deputierter Direktor beim Nationalen Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten und bekleidete in der Ära Ronald Reagans kurzzeitig auch den amerikanischen Botschafterposten in der Vereinigten Arabischen Emiraten. Er studierte Journalistik und Rechtswissenschaften, u.a. an der Harvard University und der North Western University. 1948 durfte er in München als erster Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg an einer deutschen Universität studieren. Der zum Islam konvertierte Crane ist Herausgeber des Magazins „The American Muslim“. Seine letzte bedeutende Buchveröffentlichung „Shaping the Future: Challenge and Response“ erschien 1997.

Robert Crane: Auf die kurze Sicht von zwei bis drei Jahrzehnten prognostiziere ich, dass neu erschlossene Öl- und Gasfelder die Ausschöpfung der aktuell genutzten Felder mehr als kompensieren werden. Der globale Marktanteil geht jedoch möglicherweise zurück, weil überall auf der Welt neue Ressourcen erschlossen werden. Die Schlüsselvariable wird auf lange Sicht sein, ob die Golfstaaten in der Lage sind, ein Wirtschaftszentrum zu werden, in dem auch die Menschenrechte der Fremdarbeiterschicht mehr Beachtung finden.

Katar könnte als Makler für die 30 Billionen Dollar aus Rohmetallen und Mineralien dienen. Die dortigen Ressourcen, die in China, Russland, Indien und Iran, aber auch bei Träumern in Amerika begehrt sind, können in dreißig Jahren den Stellenwert erhalten, den Öl und Gas heutzutage einnehmen, weil zwei Drittel der Produkte, die in vierzig Jahren hergestellt werden, mutmaßlich aus diesen Materialien stammen werden.

Die andere bedeutsame Frage wird sein, ob die unvermeidbar zunehmende Wohlstandsdifferenz zwischen und innerhalb der Staaten, die durch das Bretton Woods Bankensystem [1] verursacht wurde, ausgeglichen wird. Sonst könnte Terrorismus globale Regel werden.

Besteht eine ernsthafte Chance für Demokratie und liberale Zivilgesellschaften in Arabischen und Islamischen Staaten, um Bürgerkriege und den Einfluss des religiösen Tribalismus zu verringern, womit der weltweite Demokratisierungsprozess, den wir vor Zwanzig Jahren in Mittel- und Osteuropa erfahren konnten, in dieser Region fortgesetzt werden kann?

Robert Crane: Das entspräche dem Vergleich von Äpfeln mit Orangen. Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass kein arabisches Land mit Ausnahme vielleicht von Tunesien und eventuell noch Marokko islamisch ist.

In einer Jahrhunderte währenden, bis heute andauernden Periode hat Europa verschiedene Grade von individueller und nationaler Selbstbestimmung, einhergehend mit freier Marktwirtschaft erreicht, während die gesamte Arabische Welt seither, ausgenommen von der Kohlenwasserstoffproduktion, nicht einmal das Bruttosozialprodukt von Italien oder Spanien erreicht hat. Eine wichtige Folge daraus war, dass die europäischen Kolonialmächte sich in der Lage zeigten, das arabische Bewusstsein für individuelle und kollektive Identität zu zerstören, welches den wichtigsten Motivationsgeber für Kreativität, Ernsthaftigkeit und Arbeitsethik darstellt.

Hinzu kam die Unterstützung der europäischen Kolonialisten für tyrannische und sogar totalitäre Regierungen, um sicherzustellen, dass die Araber sich ihrer westlichen Ideologie des Modernismus unterwerfen würden, welche die traditionelle spirituelle Grundlage der arabischen Zivilisation ersetzt und stattdessen Nihilismus [4] und ganze verlorene Generationen hervorgebracht hat.

Was waren die Hauptversäumnisse der amerikanischen Außenpolitik im letzten Jahrzehnt? Warum zeigte sich der Westen nicht in der Lage, Frieden und Stabilität in diese Region hineinzutragen?

Robert Crane: Neben den bereits genannten Gründen lag die wesentliche Ursache für das Scheitern der amerikanischen Politik, den Nahen Osten zu stabilisieren, in dem Beharren auf dem Weiterbestehen der Grenzen, die von den Kolonialmächten nach dem Ersten Weltkrieg gezogen wurden. Es wurden Staaten errichtet oder geteilt durch „nation-building“ – ein Euphemismus für die Zerstörung von Nationen. Diese Art von „nation-building“ erfordert militärische Intervention, die das Problem verkompliziert. Sie verleitet umgekehrt zur Suche nach totalitären Lösungen, wie beim sogenannten „Islamischen Staat“. Dieses Konzept ist das absolute Gegenteil des klassisch islamischen Konzepts des Kalifats. Das Kalifat basiert nicht auf politischer oder militärischer Herrschaft, sondern ausschließlich auf dem Konsens weiser Personen und Gelehrter in einem pluralistischen, kosmopolitischen Gemeinwesen, humaner Verantwortung und Menschenrechten sowie integraler Gerichtsbarkeit und ausgleichender Gerechtigkeit.

Wie kann die amerikanische Außenpolitik eine Form von Modernität in der Arabischen Welt unterstützen, von der nicht nur eine kleine Elite, sondern die gesamte Zivilgesellschaft zu profitieren vermag?

Robert Crane: Das primäre Erfordernis besteht darin, das Grundparadigma der Außenpolitik zu ändern, weg von ‚Stabilität durch Macht‘ hin zu ‚Stabilität durch ausgleichende Gerechtigkeit‘. Im Speziellen sollte die Wirtschaftspolitik Unternehmen unterstützen, die den Mitarbeitern gehören, und ökonomisch erfolgversprechend sind, anstatt „auswärtige Hilfe“ in Form politischer Bestechung zu geben.

Die deutsche „auswärtige Hilfe“ ist immer in Form von Investitionen in profitable Industrien gegeben worden, während die Firmen, die von Amerika, entweder unmittelbar oder mittelbar über die empfangene Regierung, unterstützt wurden, fast nie einen Profit erbrachten, weil das nie Ziel war. Das Ergebnis war eine Behinderung anstatt einer Förderung der Modernisierung durch ökonomische Prosperität.

Außerdem sollte die auswärtige Hilfe nicht über den Internationalen Währungsfonds oder andere internationale Finanzagenturen geleistet werden, weil sich dies immer in zunehmender Konzentration des Wohlstandsbesitzes im Empfängerland auswirkt, worin möglicherweise ein Hauptgrund für die Bildung von Instabilität und Terror liegt.

Wenn man den Arab Human Development Report anschaut, was sollten die Staatsoberhäupter der arabischen Welt unternehmen, um die Islamische Welt in die Vorreiterrolle zurückzubringen, die sie im frühislamischen Zeitalter innehatte?

Robert Crane: Die entscheidende Lösung besteht darin, eine ganzheitliche Erziehung zu fördern, wie sie von Hassan al Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft und allen großen islamischen Gelehrten über die Jahrhunderte hinweg, vertreten wurde. Diese Politik, wie sie von der optimistischen und aufgeklärten Führung in Katar verfolgt wird, kann im Gegenzug graduelle Reformen von unten hervorbringen.