Sinti und Roma

Gleichgültigkeit ist nicht weniger handlungsrelevant als Ablehnung

Anfang September erschien eine Studie zu Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma. Die Studie stieß in den Medien mehrfach auf Interesse. Ob das erkenntnisfördernd war, darf bezweifelt werden – von Joachim Krauß, Mitautor der Studie:

Die Anfang September erschienene Studie [1] „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung: Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma“ erfreute sich gleich zweifach [2] medialen Interesses, auch auf MiGAZIN [3]. Mediatisierung zeigt sich indessen nicht unbedingt erkenntnisfördernd und auch in diesem Fall blieben wesentliche inhaltliche Aspekte im Schatten der Aufmerksamkeit. Offensichtlich bestanden auch Vorannahmen und Erwartungen, die eine Bevölkerungsumfrage nicht erfüllen kann. Desto wichtiger erscheint es, auf die Möglichkeiten und Grenzen der angewandten Untersuchungsmethoden sowie sich daraus ergebende erkenntnisleitende Konsequenzen hinzuweisen.

Dank der Schlagzeilentauglichkeit ihres Ergebnisformats erfreuen sich Umfragen besonderer Beliebtheit und Aufmerksamkeit. Für die betreffende Studie lautete die mediale Vermittlung: „Jeder Dritte lehnt Sinti und Roma als Nachbarn ab.“ Eine mangelnde Kontextualisierung lässt einen Einzelaspekt einer Umfrage „als unabhängige Wahrheit“ erscheinen, obwohl die Aussage zusätzlicher Informationen und Erläuterungen – kurz: der Einbindung in ihren Referenzrahmen bedarf. Wird das versäumt, entfernen sich die Ergebnisse von den gesellschaftlichen Realitäten aus denen sie resultieren. Dadurch werden Untersuchungen ihrer Analysefähigkeit beraubt.

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Eine Studie zu Bevölkerungseinstellungen ist selbstredend keine Minderheitenstudie. Im vorliegenden Fall beinhaltet sie keine Situationsbeschreibung zu Sinti und Roma und ermittelt auch keine reale Diskriminierung. Es handelt sich um eine Studie über die Mehrheit und ihre Einstellungen, Vorstellungen und ihr Wissen bezüglich der Minderheit. Auf diesem Weg analysiert sie Gesellschaft und lässt sich nicht als „Antiziganismus“-Studie einordnen. Eine damit einhergehende thematische Engführung wäre eine Absage an das Erkenntnisinteresse, da sie sich auf den Ablehnungsaspekt beschränkte, der nur einen Teil der Untersuchung bildet.

Umfragen sind eine künstliche Problemsetzung. Man geht davon aus, dass jeder eine Meinung zu dem Thema hat. Weiterhin werden alle Meinungen als gleichwertig erfasst, obwohl sie in Abhängigkeit von der jeweiligen Person nicht dieselbe reale Wirkkraft haben. Es macht einen großen Unterschied, ob sich jemand mit oder ohne Berührung zum Thema äußert. Und die Macht zur wirkmächtigen Artikulation und Handlung ist bei Mandats- und Funktionsträgern um ein Vielfaches größer als beim gesellschaftlichen Durchschnitt. Aber nur den erfasst eine Umfrage, um gesamtgesellschaftliche Tendenzen zu ermitteln.

Im Vorfeld und parallel zur Studie erfassten auch andere Umfragen Einstellungen zu Sinti und Roma. Breiter rezipiert wurden die Ergebnisse zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) aus dem Jahr 2011. Die Abwertung von Sinti und Roma wurde anhand von drei Fragen ermittelt: a) „Ich hätte ein Problem damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten, b) Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden, c) Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“. Die Fragen fanden 2014 in Folgeprojekten mehrfache Anwendung. Sie zeigten dabei einerseits eine deutliche Zunahme der Negativaussagen. In der Reihenfolge die Zunahme von 2011 zu 2014 [4]:

In einem anderen Umfragedurchlauf – gleichfalls aus der GMF-Forschung hervorgegangen – vom Sommer 2014 wurden die Fragen a) und c) wortgleich gestellt [7]. Die Ergebnisse lagen mit 31,1 Prozent (a) und 38,3 Prozent (c) erkennbar niedriger. Eine weitere zeitnahe Untersuchung unter dem Titel „Zugehörigkeit und (Un)Gleichwertigkeit“, fragte ebenfalls wortgleich zur GMF-Studie nach einer Kriminalitätsneigung, während die Frage nach der räumlichen Nähe umformuliert wurde: „In meiner Nachbarschaft sind mir Sinti und Roma genauso recht wie andere Menschen.“ Es zeigten sich deutlich geringere Werte bei den Negativaussagen (23,1 Prozent und 22,1 Prozent). Auf vergleichbarem Niveau liegen die Ergebnisse der Studie „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung“, die diesen Aspekt erfassten.

Nicht allein methodisch sind der Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Umfragen sehr enge Grenzen gesetzt. Ohne die Berücksichtigung der jeweiligen Studienkonzeption sind darauf basierende Aussagen gehaltlos. Worauf sich das Erkenntnisinteresse einer Umfrage richtet, entscheidet über die methodische Vorgehensweise sowohl bezüglich der Frageformulierung und Frageformate (wie: Ja-Nein/Optionen/Skalierungen/offene Fragen) als auch der Skalenwahl. Diese Merkmale unterliegen nicht der Beliebigkeit und lassen sich nicht nach richtig oder falsch klassifizieren. Im Fall einer auf die Erfassung von Ablehnung und Abwertung angelegten Studie können Drastik und polarisierende Wirkung bei der Frageformulierung adäquate Mittel sein.

Für die Studie „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung“ wurde bewusst darauf verzichtet, da eine emotionale Aufladung zu einer Verzerrung der Ergebnisse geführt hätte. Gleiches gilt für die Fragen- und Skalenformate. Die nummerisch größte Eindeutigkeit erzielen Ja-Nein-Konstellationen. Allerdings passen sich die wenigsten gesellschaftlichen Fragen in dieses Format ein. Die komplexen Entscheidungsabläufe der sozialen Wirklichkeit lassen sich in einer Umfrage nicht simulieren. Somit ist eine Umfrage auch immer eine Probe, inwiefern pauschalisierende Aussagen von den Befragten akzeptiert werden. Schließlich stellt sich die Frage, welches Skalenformat zur Antworterfassung genutzt wird. Statistisch erscheint die „Tendenz zur Mitte“ als ein unschönes soziales Phänomen, da sie als datenverzerrend gilt (‚Man weiß nicht, in welche Richtung die Mitte tendiert.’). Methodisch wird versucht, insbesondere durch die Wahl einer Vierfach-Skala keine Mitte zuzulassen. Allerdings, wenn die Befragten zu einem Thema keine fundierte Meinung haben, dann ist die Entscheidung für die Mitte eine sozial vernünftige und will man die Mitte analysieren, ist es notwendig, sie zu erfassen. Eine ungerade Skala ist ein mögliches Instrument. In unserer Studie kam eine Siebenfach-Skala zur Anwendung. Aber es gibt keinen Königsweg, sondern die Verpflichtung, die Entscheidung für die jeweiligen methodischen Lösungen transparent zu machen. Ein Umfragekonzept ist das Austarieren zwischen Erkenntnisinteresse sowie der technischen Durchführbarkeit, wofür die Komplexität eines Fragebogens steht.

Wie Umfragen auch methodisch bedingt zu einem gleichen Aspekt unterschiedliche Ergebnisse ermitteln, lässt sich am Beispiel der Kriminalitätszuschreibung („Sinti und Roma neigen zur Kriminalität.“) veranschaulichen. In den Studien von GMF 2011, Mitte-Studie 2014 und „Fragile Mitte“ 2014 werden die Antworten mit einer Vierfach-Skala erfasst, die schließlich als zwei Meinungslager zusammengefasst werden: Ablehnung der Negativaussage (stimme überhaupt nicht zu, stimme eher nicht zu) und Zustimmung (stimme zu und stimme voll und ganz zu), womit sich in den Jahren 2011 und 2014 die genannten Negativaussagen ergeben. Die Zahl der Antwortverweigerungen ist nicht bekannt. Für die Studie „Zugehörigkeit und (Un)Gleichwertigkeit“ kam bei gleicher Fragestellung eine Fünffach-Skala zum Einsatz. Sie ließ eine neutrale Position und weiterhin die Antwortverweigerung zu. Damit wurde die deutlich niedrigere Zustimmung der Negativaussage ermittelt.

In der Untersuchung „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung“ wurde der Aspekt auf anderen Wegen erfasst. Beispielsweise durch ein Polaritätenprofil bei dem die Skalenendpunkte der Siebenfach-Skala je einen Begriff bilden (für diesen Fall gesetzestreu und kriminell). Die Befragten sollten Sinti und Roma nach ihren Vorstellungen zuordnen. Knapp 15 Prozent trafen die Zuordnung zu „kriminell“ (Skalenwerte 6-7). Weiterhin beinhaltete der Fragebogen drei offene Fragen. Eine erbat die freie Assoziation zum Begriff „Zigeuner“ und in 15 Prozent der Antworten wurden Kriminalitätsaspekte genannt. Die nummerische Übereinstimmung von offenen und skalierten Antworten war einer der Gründe, bei dieser Umfrage die Skalenwerte 1-2 sowie 6-7 als zustimmende oder ablehnende Antworten in der Ergebnisanalyse zusammenzufassen.

In der medialen Präsentation der Studie wurde vor allem die Nachbarschaftsfrage rezipiert, wobei jeweils die Werte 1-3 und 5-7 Meinungslager bildeten. Die Summen sind entsprechend höher als in der wissenschaftlichen Analyse. Bei dieser Form der Zusammenfassung scheinen außerdem die Positivaussagen die negativen Positionierungen zu überwiegen, was sich in der wissenschaftlichen Gesamtbetrachtung als eine Fehlaussage darstellt. Auch ist damit der Erkenntnisgewinn zu den mittleren Antworten aufgehoben. Deren Analyse begründet im Gesamtergebnis von einer großen Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema zu sprechen, die die Ablehnung in einem Teil der Gesellschaft ermöglicht, da sie nicht als gesellschaftlich relevant gilt. Um ein angemessenes Handeln zu ermöglichen, sollten die Dimensionen gekannt und nicht die einzelnen Aspekte verwechselt werden. Die Gleichgültigkeit belässt die Vorstellungen von Sinti und Roma im Rahmen eines konturlosen und mehrheitlich negativen Fremdbilds, das gesellschaftsweit nicht als ein fundiertes und fest verankertes Feindbild zu interpretieren ist. Das Thema besitzt nur eine geringe Relevanz für die Befragten und es gibt offensichtlich keine größeren Bezugspunkte. Folgerichtig wurden Sinti und Roma die größten Unterschiede im Lebensstil zur Mehrheit bescheinigt. Ein Verständnis über ihre weitgehende Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft fehlt.

Auch aus handlungsorientierter Sicht ist diese Erkenntnis von Belang. Der Bevölkerung wäre kaum zu vermitteln, sich mit der Geschichte und gegenwärtigen Situation einer Minderheit zu beschäftigen, der sie feindlich gegenübersteht. Die Gleichgültigkeit, die mit einem sehr breiten Unwissen einhergeht, ermöglicht zwei Entwicklungsrichtungen.

Einmal den kurzen und einfachen Weg, in einer Konstellation, wie sie sich aktuell in gestiegenen Asylgesuchen und regulärer Zuwanderung zeigt, eine Atmosphäre der Überlegenheit und Feindseligkeit zu befördern. Diese Richtung wird durch eine Beschränkung auf den Ablehnungsaspekt gestärkt. Weiterhin besteht die Aussicht auf den langen und beschwerlichen Weg durch differenzierte Analyse sowie durch Aufklärung und Wissensvermittlung ein Verständnis über die Heterogenität, gesellschaftliche Normalität aber auch die Problemlagen zu schaffen, womit einer Stigmatisierung wesentliche Grundlagen entzogen werden. Es entspräche einem verantwortungsvollen Handeln.