Bildung

Plädoyer für eine liberal-demokratische Gesellschaft

In einer Demokratie sollte das Volk der oberste Souverän sein. Aber ist das denn wirklich so? Fragen wir uns, was die Bedingungen dafür sind? Machen wir uns überhaupt Gedanken darüber? – ein Plädoyer von Navid Dastkhosh-Issa.

Wenn eine Idee nicht von Zeit zur Zeit in seinen Grundsätzen, in seinen Voraussetzungen und Bedingungen begutachtet und thematisiert wird, erstarrt es langsam aber sicher zu einem Konstrukt, dessen Funktion lediglich auf das Tragen eines möglicherweise vielversprechenden Namens reduziert wird, dessen Bedingungen und Voraussetzungen aber vielleicht gar nicht mehr so ganz erfüllt sind. Genau das ist mit der Idee einer liberal-demokratischen Gesellschaft passiert.

Dass in einer Demokratie das Volk der oberste Souverän ist bzw. sein sollte, dürfte allen klar sein. Aber machen wir als Gesellschaft den ausschlaggebenden Schritt und fragen uns, was denn die Bedingungen dafür sind, was gegeben sein sollte, damit das Volk als oberster Souverän überhaupt regieren kann und zudem noch humanistisch regiert bzw. darauf achtet, dass seine Vertreter das Wohl des Volkes im Blick haben und die Aufrechterhaltung einer freiheitlichen und gerechten Gesellschaft anstreben? Machen wir uns genug Gedanken darüber? Ist es nicht eher so, dass die liberale Demokratie von viel zu vielen in unserer Gesellschaft für einen Zustand gehalten wird, für dessen Aufrechterhaltung es mehr oder weniger genügt, die sozial-wirtschaftliche Gestaltung der Gesellschaft auf einige Vertreter zu delegieren? Dass das weit entfernt ist von der Idee der Selbstbestimmung und der Mündigkeit in einer Demokratie, scheint allerding noch nicht vielen klar zu sein. Wir als Gesellschaft sollten uns langsam aber sicher mehr Gedanken darüber machen, wie wir die Bedingungen für eine humanistische, für eine wert-schätzende Gesellschaft aufrechterhalten können, in der das hohe Gut der liberalen Demokratie tatsächlich Früchte tragen kann.

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Gerade Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund kommen zu einem nicht unerheblichen Teil aus Ländern, in denen keine verschiedenen politischen Parteien zur Wahl stehen, ja in denen das Volk möglicherweise gar nichts zu wählen hat und in denen die für uns in Deutschland selbstverständlichen Grundrechte entweder gar nicht existieren oder nicht eingehalten werden. Die Personen, die eine nicht-freiheitliche Gesellschaft einmal kennengelernt haben und ihre Probleme miterlebt haben, können möglicherweise ein größeres Gespür dafür entwickeln, welche scheinbar unbedeutenden Entwicklungen in einer Gesellschaft den Zerfall demokratisch-liberaler Strukturen bedeuten können. Gerade die Personen sollten sich aber auch vor Augen führen, wie unsagbar wertvoll ein freiheitlicher Staat ist und dürften nicht der Illusion verfallen, dass dessen Strukturen in Stein gemeißelt sind und die Gesellschaft diese Freiheitlichkeit nicht hegen und pflegen muss. Jeder einzelne von uns, ganz gleich ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ist mitverantwortlich dafür, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Wir sollten in uns selbst und in unserem sozialen und familiären Umfeld ein Gespür für die immense Verantwortung entstehen lassen, die wir als Mitglieder unserer Gesellschaft durch unsere Worte, unser Tun und unser Unterlassen tragen.

Emotionale Bildung
Machen wir uns Gedanken darüber, was denn die Grundbedingungen, was die Voraussetzungen sind für eine freiheitliche, das Recht des anderen respektierende und die eigenen Pflichten akzeptierende Gesellschaft. Die Bedingungen könnten weit unspektakulärer und weit weniger abstrakt sein, als wir es uns vielleicht vorstellen. Die erste Grundbedingung könnte man schlicht und einfach die emotionale Bildung nennen. Nächstenliebe, wenn wir es nostalgisch mögen oder aber der Respekt und die Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber, um es mit der heutigen Wortwahl auszudrücken. Diese Bedingung ist deshalb so wichtig, weil Menschen erst durch Menschlichkeit auf Anhieb erkennen und empfinden können, was ihnen selbst und anderen Menschen gut tut. Ein wichtiges Fach in der Bildung des Herzens ist deshalb Empathie. Die Fähigkeit zur Empathie, die Fähigkeit, anderen nachzufühlen und sich emotional in sie hineinversetzen zu können ist uns als Menschen in die Wiege gelegt. Entscheidend ist jedoch auch, ob diese Fähigkeit, besonders in jungen Jahren gefördert oder ob sie – womöglich unbewusst – „abgewöhnt“ wird.

Ein weiteres wichtiges Fach in der emotionalen Bildung ist die Sinn-Suche. Heute erleben wir mehr als je zuvor, dass das Konsumieren, das sich Aneignen von materiellen Gütern – und auf wirtschaftlicher Ebene gesehen, das scheinbar endlose „Wachsen“ – als selbstwerterhöhend und selbstwerterschaffend angepriesen wird und nicht nur auf der wirtschaftlichen Ebene einen absoluten Selbstzweck erhalten hat: Nehmen, um des Habens willen, wachsen um des Wachstums willen. Auf der materiellen Ebene betrachtet reden wir hier über die (sinn-lose und) endlose Selbstbereicherung. Auf der mentalen Ebene sprechen wir über puren Egoismus, über das nicht-Vorhandensein eben jenen Respekts und jener Achtsamkeit anderen, und im Grunde auch sich gegenüber: Die liberale Wirtschaft mit ihrem Zweck der endlosen Optimierung ihres Vorteils arbeitet – ohne gewisse Werte auf der menschlichen Ebene – langfristig gegen und nicht für eine demokratisch-freiheitlich Gesellschaft.

Sinn suchen wir hier vergeblich, lediglich zweckgerichtete Vorgehensweisen, die nicht nur der jungen Generation auf subtile oder auch weniger subtile Weise vormachen, dass Finanzen, dass Spekulationen wertvoller, rentabler sind als Menschen. Die Sinn-Suche jedoch, die den Weg zur Selbst-Erkennung ebnet, die dem Menschen die Weitsicht geben kann, das Ausmaß seiner Verantwortung überhaupt wahrnehmen zu können und die somit die Grundlage zu einem konstruktiven Mitwirken an der Gesellschaft darstellt, hat jedoch Weisheit zur Folge – ein Zustand, dessen Erlangung heute so realitätsfern und weltfremd anmutet wie der Wunsch, der Kaiser von China zu werden.

Kognitive Bildung
Die zweite Bedingung könnte man die kognitive Bildung nennen. Die kognitive Bildung beinhaltet neben diversen Punkten auch das schlichte und einfache Kennen der demokratischen Grundregeln und das Wissen um und das sich Auseinandersetzten mit den Inhalten unseres Grundgesetzes. Dieser Punkt – würde man meinen – wäre einer der wichtigsten Wissensbereiche, den man in einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft den Menschen vermittelt und womit man sie so früh wie möglich vertraut machen müsste. Aber genau dieser Bereich ist es, der bei weitem nicht ernst genug genommen wird. Der direkte und effektivste Weg, Menschen mit den Grundideen, mit dem Geiste der liberalen Demokratie und dem Geiste der Grundrechte vertraut zu machen wäre, diesen Bereich Teil der schulischen Ausbildung werden zu lassen. Das wird zwar ansatzweise hier und da gemacht, indem z.B. Menschenrechte im Groben besprochen werden u.Ä. Diese Ansätze sind aber oft zu abstrakt, zu punktuell und zu alltagsfern, als dass die grundsätzliche Idee dahinter verinnerlicht werden könnte und vor allem eine wirkliche Wertschätzung stattfindet.

Eine freiheitliche Gesellschaft muss zuallererst eine wichtige Grundbedingung erfüllen, ohne die das Ganze auf sehr wackeligen Füßen steht: zu tolerieren und zu respektieren, dass jeder Mensch, allein nur durch das Menschsein, eine eigene, wertvolle Persönlichkeit und eine achtenswerte Würde besitzt und dementsprechend die Sichtweisen der Menschen auch variieren können. Die Erlangung dieses Reifegrades ist ein Umstand, dessen Beginn idealerweise schon in jungen Jahren erfolgt, d.h. die Vermittlung liberal-demokratischer Werte ist zuerst die Vermittlung menschlicher Werte und somit auch eine Frage der Erzielung, der familiären und der gesellschaftlichen. Die Schule, eine Stätte der Bildung und Erziehung, wäre die erste Wahl für eine solche aufklärende und wissensvermittelnde Aufgabe; sie nimmt jedoch diese ihre heute mehr denn je notwendige und wichtige Aufgabe nicht ernst, obwohl sie mehr denn jemals zuvor sich großen Problemen, was Gewalt und Aggressionen, Respekt- und Achtlosigkeit, fehlender Wertschätzung, Ängsten, dadurch bedingter fehlender Konzentration, fehlender Motivation, Leistungsabfall etc. bei Kindern und Jugendlichen anbelangt, gegenüber sieht.

Gegen die Verwahrlosung
Bis vor einigen Jahren waren die Zerrüttung in Familien, die (emotionale) Verwahrlosung der Kinder, die prekären Lebens- und Arbeitssituationen, die Kluft zwischen arm und reich, die Übernahme der Erziehung durch die Unterhaltungsmedien und die dadurch bedingte Verrohung von Kindern und Jugendlichen noch lange nicht derart fortgeschritten wie es heute der Fall ist, so dass die Gesellschaft noch ein gewisses Gleichgewicht, eine weitaus größere innere Stabilität aufwies als heute. In den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, dass für beständig gehaltene Konstrukte, für stabil gehaltene Werte und Zukunftsvisionen vor einem Wandel stehen, der keine rosige Entwicklung verspricht. Zu lange sind wir der Illusion verfallen gewesen, dass Gutes und Konstruktives und das Gewähren von Recht ohne großes Zutun anhält und stattfindet.

Gerade jetzt, wenn wir uns die Welt anschauen, erkennen wir, wie wenig selbstverständlich es ist, dass Völker einen liberal-demokratisch eingeschlagenen Weg auch zu Ende bringen und ihre Früchte ernten können und wie wenig selbstverständlich es scheint, dass ihnen hierbei geholfen wird. Politik entsteht durch Menschen, wird durch Menschen gemacht. Und Menschen, die morgigen Erwachsenen, die morgigen Politiker und Finanziers, die morgigen Väter und Mütter, die morgigen Geschäftsmänner und Anleger, das sind die heutigen Kinder und Jugendliche. Nehmen wir unsere Verantwortung ernst, um den heutigen jungen Menschen zu helfen, mündige, verantwortungsvolle und weitsichtige Erwachsene zu werden. Wenn wir uns und unseren Kindern etwas Gutes tun wollen, dann sollten wir sie zu aller erst auf ihren Wert als Menschen aufmerksam machen, auf ihre Rechte, aber genauso auch auf ihre Pflichten gegenüber sich selbst und gegenüber anderen Menschen.

Ganz gleich aus welchem Ursprungsland wir stammen, welche Sitten wir pflegen, welche Muttersprache wir sprechen – ja, bringen Sie ihren Kindern unbedingt ihre Muttersprache korrekt bei, ihre Sitten und Bräuche, Ihre Gebete, ihre Feste, ihre Märchen und Geschichten, aber machen Sie sie auch gleichzeitig darauf aufmerksam, was für eine rare Chance, was für ein Glück es ist, in einem freiheitlichem Land zu leben und welche Verantwortung jeder Mensch durch sein alltägliches Tun und Unterlassen trägt, zu der Aufrechterhaltung dieser Freiheitlichkeit beizutragen.

Gehen Sie – gerade auch als Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund – mit ihren Kindern z.B. die Grundgesetze durch, reden sie darüber. Allein schon Ihrem Kind das erste Grundgesetz: “Die Würde des Menschen ist unantastbar“ zu erklären und diesen Satz mit Leben zu füllen und im Alltag zu integrieren, würde unsagbar viel dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche ein Blick und ein Gespür für die Rechte anderer Menschen und Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich ihres eigenen Verhaltens entwickeln – etwas, was immer seltener zu beobachten ist -, es würde enorm dazu beitragen, die Vorurteile, die viele Kinder und Jugendlichen in so jungen Jahren schon gegenüber (anderen) Ausländern, gegenüber Deutsche etc. hegen, zu reduzieren und sie auf die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen aufmerksam zu machen. Animieren Sie auch andere Menschen, andere Eltern hierzu. Machen wir unsere Kinder nicht immer nur auf ihre Rechte aufmerksam, sondern gleichzeitig auch auf ihre (moralischen und gesetzlichen) Pflichten anderen Menschen gegenüber, geben wir unseren Kindern die Möglichkeit, ja erlauben wir es ihnen, zuerst einmal gut über andere zu denken. Machen wir andere Menschen um uns herum darauf aufmerksam, dass Ausländer, Inländer, mit oder ohne Migrationshintergrund, dass wir alle in einem Boot leben und um dieses Boot instand zu halten, empathische und nachsinnende Menschen ohne Vorurteile nötig sind.

Die Freiheitlichkeit und Rechtstaatlichkeit in unserer Gesellschaft sind viel zu wertvoll und viel zu kostbar, als dass wir sie als eine Selbstverständlichkeit ansehen. Wollen wir sie erhalten, dürfen wir sie nicht nur einfordern, sondern müssen ihren Geist praktizieren.

Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen zu beklagen, ist mutig, ist mehr als notwendig und die eine Sache. Gerechtigkeit, Respekt und Verantwortungsbewusstsein selbst vorzuleben, eine andere.