Sprachstand

Integration durch Lehnwortjagd

Die CDU/CSU Bundestagsfraktion begrüßt, dass die Deutschen Bahn künftig auf Anglizismen verzichtet. Grund: Menschen mit Migrationshintergrund werde das Erlernen der deutschen Sprache erschwert, weil die Alltagssprache mit Anglizismen durchsetzt sei. Für Prof. Goschler und Prof. Stefanowitsch ist das „Unsinn“ und Auftaktthema ihrer neuen MiGAZIN Kolumne.

Deutsche Bahnhöfe sollen deutscher werden: Die Bahn hat (wieder einmal) versprochen, ihre Liebe zu englischen Lehnwörtern zu zügeln und beispielsweise „Flyer“ zukünftig als „Handzettel“ zu bezeichnen. Dafür erhielt sie umgehend Lob aus dem bürgerlichen Lager: Die Bundestagsfraktion der CDU/CSU begrüßte die Entscheidung [1] als Umsetzung ihrer Forderung, „im Umgang mit Kunden und Mitarbeitern eine verständliche, vor allem aber die deutsche Sprache zu benutzen“.

So weit, so erwartbar. Ungewöhnlich ist aber die Begründung für die Forderung nach lehnwortfreiem Deutsch: Die Unionsfraktion macht sich nämlich Sorgen um das „Drittel der in Deutschland lebenden Menschen”, das „des Englischen nicht mächtig“ sei. Dies seien, so die Union, „vor allem ältere Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund.“ Und letztere stießen bei ihrem Versuch, die deutsche Sprache zu erlernen, „immer häufiger an Grenzen, weil die Alltagssprache mit Anglizismen durchsetzt“ sei.

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Nun ist diese Begründung natürlich von vornherein unsinnig, denn wenn wir die Vokabeln einer fremden Sprache lernen, spielt deren Etymologie ja keine Rolle. Englischkenntnisse sind für das Erlernen des Wortes „Flyer“ ebensowenig notwendig wie Lateinkenntnisse beim Erlernen des Wortes „Zettel“ (von lateinisch schedula, „kleines Blatt“). Trotzdem lässt die angebliche Sorge der Unionsfraktion um die fehlenden Englischkenntnisse der Migrant/innen tief blicken.

Denn über die Englischkenntnisse von Menschen mit Migrationshintergrund liegen keine Statistiken vor, sodass niemand wissen kann, ob überdurchschnittlich viele von ihnen zu dem Drittel der Bevölkerung zählen, das schlecht oder gar nicht Englisch spricht. Die Unionsfraktion nimmt einfach an, dass es so ist, denn sie stellt Migrant/innen ganz allgemein gerne als einheitliche Gruppe ungebildeter, sprachlich unfähiger Integrationsunwilliger dar.

Was wir über die Englischkenntnisse von Menschen mit Migrationshintergrund wissen, spricht aber eher gegen die Annahme, dass diese insgesamt schlechter sind als die von Menschen ohne Migrationshintergrund. Dabei dürfen wir „Menschen mit Migrationshintergrund“ aber eben nicht als einheitliche Masse betrachten, sondern wenigstens grob zwischen offensichtlich verschiedenen Gruppen zu unterscheiden.

Eine erste große Gruppe sind in Deutschland geborene oder sehr jung eingewanderte Menschen, die in Deutschland zur Schule gehen oder gegangen sind. Dort lernen sie natürlich – zusätzlich zum Deutschen, das die meisten von ihnen bereits als eine ihrer Muttersprachen oder als früh erworbene Zweitsprache mitbringen – auch Englisch. Und Studien zeigen, dass sie dabei aufgrund ihres mehrsprachigen Hintergrunds eher einen leichten Vorsprung gegenüber ihren einsprachig deutschen Mitschüler/innen haben. Einen Vorsprung, der allerdings laut neuerer Studien durch ihre insgesamt etwas schlechteren Bildungschancen wieder aufgehoben wird. Dagegen ließe sich durchaus etwas unternehmen – man müsste Bildungschancen ganz allgemein stärker von der sozialen Herkunft abkoppeln. Das wird aber sicher nicht an deutschen Bahnhöfen gelingen, sondern nur durch konsequente Investitionen in unser im internationalen Vergleich immer wieder schlecht abschneidendes Bildungssystem.

Eine zweite wichtige Gruppe sind Arbeitsmigrant/innen, also Menschen, die erst als Erwachsene nach Deutschland kommen, um hier in Branchen zu arbeiten, die qualifizierte Arbeitskräfte suchen. Diese Menschen wird man in dem Drittel der Bevölkerung, das sich durch englische Lehnwörter an Bahnhöfen oder anderswo verwirren lässt, völlig vergeblich suchen: Über neunzig Prozent von ihnen bringen mittlere bis gute Englischkenntnisse mit, womit sie deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen. Sie sprechen insgesamt sogar besser Englisch als Deutsch (das aber immerhin drei Viertel von ihnen mittelmäßig bis gut beherrschen). Diese für die deutsche Wirtschaft so unverzichtbare Gruppe von Migrant/innen ließe sich für ein Leben in Deutschland vermutlich eher durch mehr als durch weniger Englisch an Bahnhöfen und anderen öffentlichen Orten gewinnen.

Schließlich gibt es natürlich auch eine in sich sehr heterogene Gruppe von Menschen, die erst vor kürzerer Zeit nach Deutschland eingewandert sind und durch die Umstände ihrer Migration zum Teil tatsächlich weder Deutsch noch Englisch gut beherrschen. Das betrifft zum Beispiel viele, die durch Familiennachzug oder Flucht nach Deutschland kommen. Für diese Menschen ist es aber natürlich völlig egal, wie die deutsche Sprache strukturiert ist und mit welcher Art von Lehnwörtern sie durchsetzt ist: Wenn sie erst nach ihrer Ankunft lernen, sich in Deutschland sprachlich zurechtzufinden, lernen sie die Wörter, mit denen sie hier häufig konfrontiert werden und die, die sie besonders nötig brauchen. Es darf bezweifelt werden, dass sie sich dabei besonders orientierungs- und hilflos anstellen: Wer es etwa als Flüchtling aus einem Krisen- oder Kriegsgebiet bis nach Deutschland geschafft hat, wird nicht am „Service Point“ eines deutschen Bahnhofs scheitern.

Menschen mit Migrationshintergrund sind keine einheitliche Gruppe in Bezug auf die sprachlichen Ressourcen, die sie mitbringen, oder die sprachlichen Barrieren, die sie zu überwinden haben. Ihr Bedarf an sprachlicher Förderung unterscheidet sich auf vielfältige Weise hinsichtlich Art und Umfang, und es gibt entsprechend vielfältige Möglichkeiten, den verschiedenen Gruppen zu helfen oder ihre vorhandenen sprachlichen Ressourcen gesellschaftlich zu nutzen. „Hotlines“ in „Servicenummern“ umzutaufen, ist keine davon.