MediAwareness

Im Westen nichts neues

Nicht zum ersten Mal veröffentlicht das Nachrichtenportal derwesten.de einen Artikel, in dem „die Türken“ nicht gut wegkommen. Darüber und ähnliche Themen geht es in der neuen MediAwareness-Kolumne – heute mit Kim-Carina Hebben.

Bereits im Mai erschien ein Beitrag zum Thema „Zivilcourage“ [1], in dem ein vom Journalisten nicht weiter kommentiertes Zitat den Leser dazu verleitet anzunehmen, dass türkische Jugendliche eine potenzielle Gefahr darstellen würden:

„‘Am Dienstag haben zwei junge Männer – ich glaube, es waren Türken – in meinem Hauseingang geraucht. Ich habe sie freundlich gebeten, das zu unterlassen. Einer der Männer sagte daraufhin frech, dass er das dürfe, weil er hier wohne. Das stimmt aber nicht. Schließlich bin ich die Vermieterin der Wohnungen hier im Haus, ich kenne meine Mieter.’ Petra B. hakte nicht nach, aus Furcht.”

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In diesem Artikel hätte der Journalist die Aussage der Geschäftsfrau entschärfen müssen. Auch wenn es sich um ein Zitat handelt, hätte die Angst vor den Türken implizit nicht ohne weitere Erläuterung oder Stellungnahme stehen gelassen werden dürfen. Der paraphrasierte Zusatz, dass die Vermieterin aus Furcht nicht weiter nachfragte, gibt Grund zu der Annahme, dass der Journalist der gleichen Meinung ist. So hat der Artikel eine negativ-konnotierte Tonalität gegenüber “Türken”, die durch die journalistische Arbeit hätte vermieden werden können.

Alte Gewohnheiten
In einem neu veröffentlichten Artikel vom 31. Juli [2] findet sich ein ähnliches Muster. In dem Beitrag geht es um einen Prozess, in dem geprüft werden soll, ob der Verdächtige in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden muss. Die Schilderung der Geschichte beginnt neutral, es wird vom Verdächtigen als „der 30-jährige Gladbecker“ oder dem „Zweckeler“ erzählt. Doch mit zunehmend brutalen Details der Taten wird der Verdächtige nicht nur als „der Türke“ eingeführt, sondern auch durch explizite Augenzeugenberichte schlecht dargestellt: „Er hatte so hasserfüllte Augen“. Zusätzlich wird der Verdächtige in gebrochenem Deutsch zitiert, wodurch seine Aussage abermals negativ konnotiert wird und unglaubwürdig erscheint: „So ein Typ bin ich nicht, so mit Steine werfen und so.“ Dies ergänzend wird weiter beschrieben, dass der mutmaßliche Täter die Sonderschule nur mit einem Abgangszeugnis verlassen habe.

Die letzte, durch den Journalisten betonte, Diskriminierung verkündet, dass der 30-Jährige eine lange Drogenkarriere hinter sich habe: „Nur ‚Gras‘, also Cannabis, habe er geraucht. Wenn in den Akten etwas anderes stünde, dann liege das daran, dass er Türke sei.“ Mit diesem Konjunktiv verstärkt der Journalist ein bestehendes Klischee. Die Wortwahl lässt hier keinen Zweifel, dass der Verdächtige auch der Schuldige sein soll. Diesbezüglich ist zu beachten, dass die Auswahl der Zitate ein subjektiver Selektionsprozess des Verfassers ist.

Wie es richtig geht
Wie ein Journalist mit verallgemeinernden oder fremdenfeindlichen Aussagen umgehen sollte, lässt sich jedoch auch auf derwesten.de finden. Ebenfalls am 31. Juli ist ein Beitrag der Serie „Märkte in Marl [5]“ erschienen, der zeigt wie es richtig geht. Hier wird die etwas unbedachte Aussage eines 65-jährigen Marktverkäufers angemessen eingebettet. Während der Verkäufer sich beklagt, „die Türken sind treue Kunden, aber sie kaufen insbesondere bei ihren Landsleuten“, kommentiert der Journalist: „Hamm ist der Stadtteil mit dem größten Ausländeranteil, doch die türkischen Mitbürger finden nicht den Zugang.“

Auffällig an diesen drei Beispielen ist, dass Artikel, die Gewalt oder Angst behandeln, offenbar eher dazu verleiten, die Tonalität des gesamten Beitrags in eine tendenziell ausländerfeindliche Spur verlaufen zu lassen, wohingegen das „Klönen und Kaufen“ auf dem Markt nicht Anlass zu den gängigen Klischees bietet. Die Bezeichnung „die Türken“ scheint jedenfalls als gängige Floskel zur Berichterstattung zu gehören.